#Dressgate Die Wissenschaft hinter dem Kleider-Streit

Impfstreit, Sanktionen für Russland, Schuldenschnitt für die Griechen. Drei Themen die seit Wochen stark polarisieren, rücken plötzlich in den Hintergrund: Die Internet-Gemeinde streitet seit gestern (fast) nur noch über Farben! Die Farben eines Kleides

Wie kam es zum Kleiderstreit?

Eine Userin namens "Swiked" lud ein Foto auf die Blog-Plattform Tumblr, weil sie sich mit Freunden im Klamotten-Laden nicht einigen konnte, welche Farben ein Kleid habe: blau-schwarz oder gold-weiß? Seitdem sind hunderte Umfragen im Netz aktiv. Auf Spiegel Online sind (Stand 27.02.2015, 15:30 Uhr) rund 75% der Umfrage-Teilnehmer der Meinung, das Kleid sei gold-weiß. 17% sehen es blau-schwarz.

Wie kommt es zu dieser unterschiedlichen Wahrnehmung?

Nun: Wir sehen ein Kleid, weil es Licht in unsere Augen sendet bzw. reflektiert. Im Auge gelangt das Licht über die Linse auf die Netzhaut und regt dort Rezeptoren an, die das Signal über Nervenzellen an unser Gehirn weitergeben. Das Gehirn interpretiert die Signale und konstruiert das Bild des Kleides. 

Lichtwellen setzen sich aus einem ganzen Spektrum verschiedener Wellenlängen zusammen. Die unterschiedlichen Wellenlängen des Lichts interpretiert unser Gehirn als unterschiedliche Farben. Trifft Licht einer blauen Wellenlänge auf die Netzhaut, werden die Rezeptoren für Blau in der Netzhaut angeregt und ein Blau-Signal an unser Gehirn geleitet: Wir sehen blau. Ebenso gibt es Rezeptoren für grün und rot. Alle weiteren (Zwischen-)Farben erstehen bei uns im Kopf, wenn verschiedene Wellenlängen gemischt aufs Auge treffen und die Blau- Grün- und Rot-Rezeptoren gleichzeitig angeregt werden. Weiss sehen wir, wenn blaues, grünes und rotes Licht in etwa gleicher Stärke ins Auge gelangt.

Nun trifft aber nicht nur vom betrachteten Objekt (Kleid) reflektiertes Licht in unser Auge. Sondern auch Licht aus der Umgebung, etwa jenes, das den Raum erhellt. Unser Gehirn weiß das – und subtrahiert automatisch die Wellenlängen des Lichts, das nicht vom Objekt stammt. Wir sehen die "richtige" Farbe des Objekts.    Normalerweise funktioniert das Verfahren zuverlässig: In bestimmten Situationen kann aber an dieser Stelle etwas schief laufen: Das Gehirn führt eine "falsche" Farb-Korrektur durch. Und genau das scheint bei vielen Menschen im Falle des Kleides zu passieren. 

"Unser Gehirn verwirft die Licht-Information aus der Umgebung und extrahiert die Informationen über das tatsächlich reflektierte Licht", sagte Jay Neitz, Neurowissenschaftler an der University of Washington gegen über WIRED. "Aber ich forsche seit dreißig Jahren über Unterschiede in der Farbwahrnehmung – und dies ist einer der größten individuellen Unterschiede, den ich je gesehen habe."

Der Grund für die Fehlinterpretation im Gehirn könnte darin liegen, dass die Farbe des Umgebungslicht sich über den Tagesverlauf ändert und das Gehirn je nach Tageszeit anders korrigiert. In Räumen mit Kunstlicht kann das zur Verwirrung führen: Wenn zuviel Blau-Information vom Gehirn abgezogen werde, erscheine das Kleid gold-weiß, so der Neurowissenschaftler Bevil Conway vom Wellesley College gegenüber WIRED.

Welche Farbe ist die richtige?

Das WIRED-Team hat das Bild mit Photoshop unter die Lupe genommen und herausgefunden: das Kleid ist blau-schwarz. Druckt man das Bild aus und schneidet einen vermeintlich weißen Bereich aus, erscheint dieser vor neutralem Hintergrund ebenfalls blau.