Polen Museums-Marathon in Warschau

Wie sich Geschichte und Forschung staubfrei und bildkräftig vermitteln lassen, zeigt Polens Hauptstadt in zwei Museen und einem Wissenschaftszentrum
Museums-Marathon in Warschau

Aus der Dunkelheit ins Licht: das Museum der Geschichte der polnischen Juden zeigt Glanz und Schrecken aus tausend Jahren

Anschaulicher kann ein Land seine Geschichte kaum präsentieren: Warschau stellt aus, was Polen bewegt und geprägt hat. Über Jahrhunderte lebte hier die größte jüdische Gemeinde der Welt. Ihre Historie dokumentiert ein neu eröffnetes Museum. Dazu ehrt Warschau zwei der berühmtesten Söhne des Landes in großen Schauen: den Astronomen Nikolaus Kopernikus und den Komponisten Frédéric Chopin. Ein Museums-Marathon.

Was für eine Begrüßung! Ich stehe in der Eingangshalle des Museums der Geschichte der polnischen Juden inmitten eines 20 Meter hohen Spalts, dessen gewölbte Wände den Glasbau teilen, wie Moses dem Glauben nach das Rote Meer. Hier beginnt eine Reise, die in acht Galerien durch die tausendjährige Geschichte der polnischen Juden führt. Ich betrete einen blassgrünen Märchenwald, der die Ankunft der Juden in Polen markiert, bestaune danach die bäuerliche Welt der Siedler im 12. Jahrhundert. Nach Erklärtafeln sucht man vergeblich: Sehen, riechen, spüren, darum geht es. "Ein Museum ist kein Ort, um zu lehren. Ein Museum ist ein Ort, um zu inspirieren", hatte der 88 Jahre alte Auschwitz-Überlebende Marian Turski zur Eröffnung der Dauerausstellung im Oktober 2014 gesagt. Hohe Decken und Flötenklänge veranschaulichen die Blütezeit um 1600. Herzstück der Ausstellung ist der Nachbau einer Synagogendecke aus Holz, opulent mit Tieren und Sternzeichen bemalt. Über eine Pflasterstraße spaziere ich durch eine Stadt zwischen den Weltkriegen, als Juden in Polen noch Zeitungen herausgaben und auf dem Polit-Parkett mitstritten. Dann fallen deutsche Bomben. Verwinkelte Gänge im Warschauer Ghetto, tiefe Decken. Die Deportationen, tausende Menschen pro Tag werden aus den Häusern gezerrt, eine blecherne Stimme liest Straßennamen vor. Die siebte Galerie endet in einem Tunnel aus Rost, wo es faulig nach Eisen und Öl riecht. Fotos und Texte zeugen vom Grauen in Auschwitz und Treblinka. Doch hier, direkt gegenüber dem Denkmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto, ist ein Museum des Lebens entstanden, das den Tod nicht ausspart. Im Museumsrestaurant Besamin gönne ich mir eine Pause von der Flut der Eindrücke. In der Kantine gibt es eine jüdische Speisekarte mit kreplach-Teigtaschen und lekach-Honigkuchen (Ul. Mordechaja Anielewicza 6, www.polin.pl).

Chopin für alle Sinne

Leise plätschern die Töne im barocken Ostrogski-Palast vor sich hin, genau wie Frédéric Chopin es mochte. Im Untergeschoss treffen Backsteinmauern auf Glasplatten und farbiges Licht. Eine Zauberhand spielt auf dem Flügel eine Chopin-Etüde. Das Chopin Museum ist ganz im Sinne des Komponisten eingerichtet, der mit 21 Jahren von Warschau nach Paris zog. Am liebsten spielte er seine Stücke in kleinen Sälen, großes Publikum verabscheute er. Über vier Stockwerke zeichnet das Museum das Bild eines zerbrechlichen Mannes, der das Vogelgezwitscher im französischen Dörfchen Nohant liebte, nie bei guter Gesundheit war und sich mit herrischen Frauen wie der Schriftstellerin George Sand umgab. Obwohl das Haus mit den Touchscreens und Hörstationen zu den modernsten biografischen Museen Europas gehört, erzählt es Chopins Geschichte auf leise Art. Ich lese seine Briefe, erkunde seine Wirkstätten entlang des am Schlossplatz beginnenden Warschauer Königswegs, begutachte unter der Stuckdecke eines Pariser Salons sein letztes Klavier und stehe gebannt vor seiner Totenmaske. Als ich das Museum verlasse, glaube ich, ihm nähergekommen zu sein (Ul. Okólnik 1, www.chopin.museum/en). 1849 verstarb er mit 39 Jahren. Sein Herz ruht in der nur wenige hundert Meter von hier entfernten Heilig-Kreuz-Kirche. Gegenüber dem Museum esse ich zu Abend im Tamka 43, das laut dem Gastro-Szene-Blog "Warsaw Foodie" (www.warsawfoodie.pl) eines der besten Restaurants der Stadt ist. Für die etwas unpersönliche Einrichtung entschädigt die Rinderbacke mit gerösteter Roter Bete und Pfifferlingen allemal (Ul. Tamka 43, www.tamka43.pl).

Wissenschaft am Weichselufer

Wer an einem Vormittag unter der Woche das Kopernikus-Wissenschaftszentrum am Weichselufer besucht, braucht gute Nerven. Ich stärke mich im nahen Restaurant-Café-Bäckerei- Biomarkt Sam, wo morgens junge Kreative bei arabischem shakshuka, also pochierten Eiern in Tomatensoße, oder mit einem hausgemachten Oliven-Panino in der Hand ihre ersten Emails verschicken (Ul. Lipowa 7, www.sam.info.pl). Und auf geht es ins Durcheinander aus Schulklassen und Jugendgruppen, die auf den zwei Etagen anhand von hunderten Experimenten die Gesetze der Naturwissenschaften testen. Sie brüllen mit einem Löwen um die Wette, surfen auf einem fliegenden Teppich, erzeugen Strom in einem Laufrad, ziehen meterhohe Seifenblasen, lassen sich auf einer Erdbeben-Plattform durchschütteln und bezwingen ein Skelett im Armdrücken. Am Wochenende erobern Familien den tausende Quadratmeter großen Spielplatz, einmal im Monat öffnet er nur für Erwachsene. Ein Erlebnis für große Besucher sind die Weltraumreisen unter der 16 Meter breiten Haube des angeschlossenen Planetariums. Die 3-D-Animationen auf der Kuppelleinwand schubsen Betrachter in die Unendlichkeit, jeden Freitag laden Bach, Beethoven und Chopin zum Flügelkonzert unterm Sternenhimmel. Und für die Nerven? Im vergangenen Jahr eröffnete der neue Dachgarten (Wybrzez˙e Kos´ciuszkowskie 20, www.kopernik.org.pl). Ich steige aber lieber auf den Dachgarten der gegenüberliegenden Universitätsbibliothek (Ul. Dobra 55/56). Zwischen wildem Wein und Hortensien picknickt es sich hier ruhiger, mit Blick auf Kulturpalast und Libeskind-Hochhaus.

Hotels in Warschau - Tipps für Kulturreisende

Lofthotel sen Pszczoły

Im "Traum der Biene", so der übersetzte Name des Hotels, hat sich ein Künstlerpaar ausgetobt: In jedem der neun unkonventionellen Zimmer des Lofthotel sen Pszczoły herrscht ein anderer verstörender Mix aus Mosaiksteinchen, offenen Kabeln, Putz, Lampen aus Waschtrommeln und alten Krankenhaus- Kommoden. Schräger als Fiktion! (Ul. Piekna 66 a, Tel. mobil 0048-530-33 33 87, www.loft.senpszczoly.pl).

Between us

Das Café im Erdgeschoss des Between us war nach der Wende eines der ersten in der belebten Nowy-S´wiat-Gegend, Besitzerin Beata begrüßt dort täglich Freunde und Nachbarn. Zwei Stockwerke darüber zieren stilvolle Möbel drei hell eingerichtete Zimmer, deren Bäder Wände aus Glas haben. (Ul. Bracka 20, 0048-22-828 54 17, www.between-us.eu).

H15 Boutique

Es ist eines der wenigen erhaltenen Häuser aus dem 19. Jahrhundert: Das H15 Boutique ist heute mit Designmöbeln bestückt, im glasüberdachten Patio wachsen Orangen. Vor dem zweiten Weltkrieg residierte hier die sowjetische Botschaft, Hammer- und Sichel-Ornamente im Restaurant bezeugen das (Ul. Poznanska 15, 0048-22-553 87 00, www.h15boutiqueapartments.com).

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