Südtirol: Ein Land zeigt sein Gesicht

Sie entwerfen Designhotels oder bewahren die ladinische Sprache, sie schnitzen Holz, brauen Bier oder vermessen die Welt - fünf Menschen, die für Südtirol stehen
In diesem Artikel
Matteo Thun: Der Schüler der Berge
Rut Bernardi: Die Dichterin der Minderheit
Reinhold Messner: Ein Weltvermesser daheim
Walter Moroder: Der Mann der Frauenformen
Margherita Fuchs von Mannstein: Die Mutter des Brauens

Matteo Thun: Der Schüler der Berge

Von den Gärten des Schlosses Trauttmansdorff, dieser botanischen Wunderwelt bei Meran, kann man in den Himmel hineinspazieren. Eine stählerne Rampe ragt keck vom Hang hinaus in die Luft und führt zu einer Aussichtskanzel hoch über der Welt. Diesen Schauinsland hat Matteo Thun geschaffen. Es ist die kleinste seiner Arbeiten in Südtirol, nur ein Accessoire für einen Park, aber ein echter Thun: originell, ästhetisch und auf Anhieb populär. Wie seine größeren Projekte auch lebt es vom Dialog zwischen Menschenwerk und Natur. Ob beim elegant geschwungenen Berghotel "Vigilius Mountain Resort" droben am Vigiljoch, ob bei der "Pergola Residenz" inmitten alter Wein- und Obstgärten oder bei der Ausgestaltung der Meraner Therme, stets ging es ihm um die Wechselwirkungen zwischen Innen und Außen. Nicht umsonst nennt er Frank Lloyd Wright als eines seiner Vorbilder, den amerikanischen Architektur-Pionier, der wie kein zweiter den Geist einer Landschaft zu erfassen wusste.

Wann immer vom "neuen Südtirol" die Rede ist, von den modernen, weltläufigen Seiten des Landes, fällt der Name Matteo Thun. Er wuchs an den Ufern der Talfer auf, die schäumend durch Bozen rauscht und die alteingesessenen, sprich deutschsprachigen, von den zugezogenen, sprich italienischen, Boznern trennt. Eine Kindheit in zwei Kulturen: Die Familie sprach deutsch, die Freunde überwiegend italienisch. Aus Matthäus wurde bald Matteo. Und schon als Kind las er lieber den "Corriere della Sera" als die Lokalzeitung, "weil es in Mailand so spannende Banküberfälle gab." Aufgewachsen ist Thun in einem Schloss. "Was in Südtirol nicht weiter ungewöhnlich ist", meint er, "nirgendwo stehen so viele Burgen wie hier. Und auf jeder zweiten wohnte ein Verwandter." Auch wenn die Thuns ein altes Geschlecht sind - der erste wurde im Jahr 906 aktenkundig -, auf Schloss Klebenstein bewohnten sie nur eine Etage zur Miete. Als Kind konnte er dem alten Gemäuer wenig abgewinnen. "Ich war neidisch auf meine Schulkameraden, die in diesen modernen Häusern der sechziger Jahre wohnten. Wo man auf dem Boden rumrutschen konnte, wo es Aufzüge gab und schicke, amerikanische Küchen." So entstand früh ein Bewusstsein für lebenspraktische Fragen und eine Vorliebe für die Moderne. Schon mit achtzehn Jahren ging er nach Amerika und begegnete ausgerechnet in Los Angeles einem anderen Südtiroler, Ettore Sottsass, schon damals eine Design- Legende. Gemeinsam riefen sie in Mailand die einflussreiche Gruppe Memphis ins Leben.

Thuns Südtiroler Bauten entstanden erst in den letzten Jahren. Sie sind, wie er betont, nicht Ausdruck einer spät erwachten "Heimatliebe", sondern die Beschäftigung mit alpiner Topographie. Seine Herkunft hat ihm dabei immerhin einen Startvorteil verschafft: "Wenn du mit der schiefen Ebene großgeworden bist, mit der komplexen Natur des Geländes, dann bist du bereits 3:0 in Führung gegenüber einem Flachländer." Die Berge haben sein dreidimensionales Vorstellungsvermögen ebenso sehr geschult wie das Gefühl für Perspektiven und die Wertschätzung des Tastsinns: "Ein Kletterer genießt jeden Griff im Fels." Als begeisterter Drachenflieger konnte er das Land auch von oben studieren. "Da begreifst du das enge Zusammenwirken von Mensch und Landschaft. Vor allem die Leistung der Bergbauern. Für mich sind sie die letzten Helden Südtirols."

Bauten von Matteo Thun in Südtiro

Vigilius Mountain Resort, Vigiljoch, Lana, Tel. 0473-55 66 00, www.vigilius.it;

Pergola Residence, Algund/Meran, St. Kassianweg 40, Tel. 0473-20 14 35, www.pergola-residence.it;

Therme Meran (Innenräume),www.thermemeran.it;

Der Thun’sche Gucker in den Gärten von Schloss Trauttmansdorff bei Meran, www.trauttmansdorff.it

Rut Bernardi: Die Dichterin der Minderheit

Direkt vor dem Landtag, auf dem ehrwürdigsten Platz von Bozen, geschieht eine Vergewaltigung. Vor aller Augen, Tag für Tag. Der nordische Recke Dietrich von Bern drückt den Zwergenkönig Laurin mit eiserner Hand zu Boden, in ein dorniges Bett aus Rosen. Das hundert Jahre alte Denkmal glorifiziert die legendäre Landnahme, bei der deutschsprachige Kolonisten die rätoromanische Urbevölkerung verdrängten. In der deutschen Version erscheint die populäre Sage als typischer Einwanderermythos, in dem eine überlegene Kultur ein wildes, heidnisches Urvolk zivilisiert. Auf Ladinisch aber, erklärt Rut Bernardi, die sich viel mit den Dolomitensagen beschäftigt hat, wird die Geschichte anders erzählt. Da symbolisiert der Rosengarten den Widerschein eines verlorenen Paradieses, erinnert "an eine Zeit der Freiheit und des Friedens".

Südtirol: Ein Land zeigt sein Gesicht

Ob Römer, Bajuwaren oder Slawen - von übermächtigen Eindringlingen marginalisiert zu werden, ist seit 2000 Jahren das Schicksal der Ladiner. Die rätoromanische Sprache dieser Minderheit hat alle Invasionen überdauert, doch wurden die Ladiner stets wegen ihrer Kultur diskriminiert. "Ihr könnt ja nichts, könnt weder richtig Deutsch noch richtig Italienisch", lautete das gängige Ressentiment. Eine Schriftkultur konnte sich da kaum ausbilden. Lange bestand das Ladinische nur aus fünf - sehr verschiedenen - Idiomen, die in den Hochtälern rund um das Massiv des Sellastocks gesprochen werden. Wissenschaftler mussten aus diesen mündlichen Formen erst eine standardisierte Schriftsprache entwickeln. Rut Bernardi hat jahrelang für diese "Dienststelle zur schriftlichen Vereinheitlichung der ladinischen Idiome" gearbeitet.

Doch in der Praxis habe sich die Schriftsprache bis heute nur begrenzt durchgesetzt, sagt sie. Zwar gibt es zwei oder drei Dutzend Autoren und Autorinnen, die auf Ladinisch schreiben - sie aber ist die erste, die davon zu leben versucht. Und auch sie hatte mit vielen Widerständen zu kämpfen. Zu Hause im Grödner Tal galt Lesen als Zeitverschwendung. Schamhaft verbarg sie als Jugendliche ihre heißgeliebten Bücher, als wäre das Schmökern ein Laster. Heute versenkt sie sich mit Akribie in ladinische Identitätsprobleme und sprachphilosophische Betrachtungen, ringt um Übersetzungsfragen und zieht das "zwielichtige Spiel" der Bedeutungen in Zweifel. Bezeichnend, dass sie ihren Vornamen Ruth inzwischen Rut schreibt, weil das "h" im Ladinischen, wie in den romanischen Sprachen überhaupt, nicht gebräuchlich ist. Von ihren "Sonettenkränzen" haben sich 300 Stück verkauft, von ihrem Roman "Letres te n fol" ("Briefe ins Nichts") 400. Hierzulande wären das Zwergenauflagen - auf Ladinisch sind es Bestseller. Rut Bernardi kennt fast jeden ihrer Leser, zumindest flüchtig. Erst Übersetzungen erschließen ein größeres Publikum und sichern ihr eine gewisse Bekanntheit. Bernardi hat sich ihren Rang hart erschrieben. Sie wird oft zu Lesungen und Diskussionen eingeladen. Freilich meist als "Botschafterin des Ladinischen". Sie möchte aber als Autorin eingeladen werden. "Den anderen stellt man hinterher Fragen zu ihren Texten. Mich befragt man zur ladinischen Kultur." Kein Wunder, dass sie eine Hassliebe hegt zu dieser Sprache, die ihr Heimat und Gefängnis zugleich ist. Und dass sie in ihren literarischen Arbeiten gar den Rückzug in die Sprachlosigkeit erwägt: "Schweigen ist die letzte Funktion, die man beim Erlernen einer Sprache beherrscht. Es bedeutet, alles sagen zu können." Ein trotziges Verweigern der Verständigung - so wie Laurin seinen kostbaren Rosengarten verbergen wollte, aus Verzweiflung über das hereinbrechende Chaos.

Bücher von Rut Bernardi

Letres te n fol - Briefe ins Nichts, Eye Verlag, Landeck 2003, 19 Euro;

Gherlandes de sunëc - Sonettenkränze, Skarabaeus Verlag, Innsbruck 2003, 17,90 Euro

Reinhold Messner: Ein Weltvermesser daheim

Er ist, neben dem Ötzi, der berühmteste Südtiroler. Eine Legende und eine eigenwillige Erscheinung: das ungebändigte Haar, der buschige Bart, das Gesicht zerklüftet wie eine Gebirgslandschaft. In den Medien erscheint er oft als seltsames Unikum, halb Hinterwäldler, halb Übermensch. Seine Bücher wirken differenzierter, zeigen ihn als engagierten Zeitgenossen mit philosophischen Neigungen und politischen Ambitionen, kundig, klar und prononciert. Als einen, der weiß, wo er steht.

Südtirol: Ein Land zeigt sein Gesicht

Messner, der gelernte Geometer, hat wahrhaftig die Welt vermessen. Hat ihre "drei Pole" abgesteckt, den nördlichsten, den südlichsten und den höchsten Punkt, den Mount Everest, der selbst den Namen eines Landvermessers trägt. Stets zu Fuß und aus eigener Kraft, hat Messner Eis- und Sandwüsten durchquert, Gipfel gestürmt und Wände erstiegen. Nur folgerichtig, dass so einer sich auch die Heimat zu Fuß aneignet. Gemeinsam mit Hans Kammerlander umrundete er im Herbst 1991 ganz Südtirol. Als echte Grenzgänger folgten sie dabei exakt den Provinzgrenzen, über Grate, Klüfte und Felswände hinweg. Wieder eine Vermessungsarbeit, eine unkonventionelle Standortbestimmung. Kurioserweise passierten sie dabei auch die Fundstelle von Ötzis Mumie am Similaun, nur zwei Tage nach deren Entdeckung.

Für Messner ein Kronzeuge aus einer fernen Vergangenheit, ein Bote aus einer Zeit, als alle Welt zu Fuß ging, als die Alpen noch staatenlos waren und nur die Natur den Menschen Grenzen setzte. Unterwegs trafen sie mit zahlreichen Landsleuten zusammen, diskutierten, räsonierten. Diese Aktion dauerte 41 Tage, war zugleich epischer Marsch und magischer Zirkel. Messner und Kammerlander wollten damit auch gegen vorherrschende Mentalitäten und Klischees angehen. Gegen Volkstümelei und weinerliche Nabelschau, gegen trügerische Idyllen wie gegen geistlosen Kommerz. Sie wollten den Blick auf die Substanz Südtirols lenken. "Der Begriff ,Heimat‘", erläutert Messner beim Gespräch im Museumscafé von Schloss Sigmundskron, "wird bei uns leicht überstrapaziert. Oft führen ihn die falschen Leute im Mund, aus den falschen Gründen." Erbittert wettert er gegen die herrschenden Polit- und Medienmonopole und das eingefleischte Lagerdenken. "Wir dürfen uns nicht selbst genügen", mahnt er und beschwört Europa als Gegengewicht zur regionalen Egozentrik. Seine Reisen haben Messner Südtirol nicht entfremdet, sondern sein Heimatbewusstsein geschärft. Und sie haben den Boden bereitet für sein bislang letztes, langwierigstes und verwegenstes Unterfangen: die Gründung des Messner Mountain Museums. Allen voran das Flaggschiff auf Schloss Sigmundskron, dazu die Trabanten am Ortler, auf dem Monte Rite und auf Schloss Juval. Ein fünftes Museum in Bruneck über die Kulturen der Bergvölker ist in Vorbereitung.

"Der antike Begriff ‚Museum‘ umschreibt einen Ort der Begegnung", erklärt Messner. In diesem Geist hat er seine Ausstellungswelten angelegt, als multimediale und multikulturelle Begegnungsstätten von Mensch und Natur. Sie widmen sich dem Lebensraum der Berge, der Ästhetik des Erhabenen und der Entwicklung des Alpinismus. Getragen vom leidenschaftlichen Engagement ihres Begründers, enthalten sie die Essenz seines Lebensweges: Horizonterweiterung. "Gegen die zur Phrase erhobene Heimatbeschwörung hilft nur eins: dableiben und da zwischenrufen."

Museen, die Reinhold Messner gegründet hat:

Infos unter www.messner-mountain-museum.it. Das zentrale Berg museum Firmian befindet sich in Schloss Sigmundskron bei Bozen, Sigmundskronerstr. 53, Tel. 0471-63 12 64.

Walter Moroder: Der Mann der Frauenformen

Der Großvater hatte fünf Söhne, und alle mussten sie Holzschnitzer werden. Anderswo mag das Schnitzen ein Zeitvertreib sein oder ein kleines Zubrot. Im Grödner Tal jedoch wurde daraus schon früh eine Industrie. Mit Löffeln, Geschirr und Spielzeug fing es vor rund 400 Jahren an. Heiligenfiguren und Kruzifixe brachten dann das große Geschäft. Weide- und Ackerland hatten sie stets zu wenig hier oben, Holz aber war im Überfluss vorhanden. Und so spezialisierte sich das ganze Tal auf die Schnitzkunst. Längst wird sie weltweit erfolgreich vermarktet.

Südtirol: Ein Land zeigt sein Gesicht

Auf die 4550 Einwohner von St. Ulrich, schätzt Walter Moroder, kommen fünfzig bis sechzig Schnitzer, dazu flankierende Gewerbe wie Vergolder und Verzierer. Einer der gefragtesten Holzbildhauer war sein Vater David. Allein 500 Porträts hat er geschnitzt. Was blieb da für den Sohn noch übrig? Wohin sollte er sich entwickeln, wenn eine ganze Dynastie die Richtung vorgab? Nicht zu reden vom Sachverstand der Nachbarn. "Hier bei uns kann jeder schnitzen, jeder ist Experte." Jeder erkennt, ob eine Hand gelungen, ein Faltenwurf missglückt ist. So wich Moroder zunächst in eine abstrakte Phase aus, suchte die Freiheit der Form. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München, nahm die Anregungen der Großstadt und der Weltkunst in sich auf. Dann kam er zurück ins Grödner Tal.

Eine Reise nach Indonesien wurde 1996 schließlich zur künstlerischen Offenbarung. Er begegnete den Plastiken der Toraja auf Sulawesi, großen Holzpuppen, "Tau Tau" genannt. Weithin sichtbar, stehen sie vor den dortigen Felsengräbern und starren mit großen, wehen Augen in die Zeit. Eines dieser Idole wacht über Moroders Atelier: ein grimmiger Fetisch, Abgesandter aus einer fremden Welt. "Eine kräftige Sache", sagt der Bildhauer voll kollegialer Bewunderung, "grundlegend und ehrlich." Das sei seine künstlerische Messlatte geworden. Die Tau Taus gaben ihm den Mut, doch wieder figurativ zu arbeiten, ohne der übermächtigen Tradition zu unterliegen. Seither schafft er jene aparten Frauenfiguren, die sein Markenzeichen geworden sind. Knapp lebensgroße Standbilder, sehr schmal und sehr aufrecht, verletzlich wirkend, aber nicht bedroht, die Züge gesammelt, doch nicht angespannt. Eine sehr private und zugleich existenzielle Aura geht von ihnen aus. Sie wirken wie Schlafwandlerinnen mit ihrem seltsam abwesenden Blick. Moroder setzt seinen Figuren Glasaugen ein, eine fast vergessene Praxis aus der Heiligenschnitzerei.

Ein wunderlicher Pygmalion ist dieser Bildhauer im Grödner Tal, nur dass er seine Frauen aus Zirbelkieferholz schnitzt anstatt aus Elfenbein wie der mythologische Bildhauer. Was "deutsch" sei an seiner Arbeit? Vielleicht das philosophische Moment, überlegt er, die Ansprache an den Kopf. Und was "italienisch"? Vielleicht die Pastelltöne, vielleicht auch die Anmut der Gestalten. Aber dann verscheucht er das Gedankenspiel mit ironischer Geste. Bei den Südtirolern ginge das ohnehin stets durcheinander. "In Deutschland fühle ich mich total als Italiener: Warum geht niemand über die rote Ampel, wenn doch die Straße frei ist?" Umgekehrt aber fühlt er sich "in Apulien so was von deutsch: Warum liegt so viel Müll auf der Wiese?" Als Ladiner hat Moroder obendrein noch eine dritte Kultur zu integrieren. Er spricht daher am liebsten durch die Bildnerei, benutzt die Sprache jenseits aller Sprachen. Nirgendwo versteht man sie besser als am Fuß der Dolomiten, in denen die Natur seit Jahrmillionen als Bildhauerin tätig ist.

Galerien, die Walter Moroder vertreten

Galerie Appel in Frankfurt/M., Galerie Albert Baumgarten in Freiburg, Galerie Philipp March Contemporary Art in Stuttgart und Galerie Chobot in Wien. Vor kurzem erschien auch ein großer Bildband, herausgegeben von Hans-Joachim Müller: Walter Moroder, Skulpturen, Wienand Verlag, Köln, 2006, 38 Euro

Margherita Fuchs von Mannstein: Die Mutter des Brauens

Südtirol: Ein Land zeigt sein Gesicht

Bier aus Italien, aus dem Weinland Südtirol? Die Brauerei Forst produziert in der Diaspora. 700 000 Hektoliter im Jahr, 700 000 "gepflegte" Hektoliter, wie Margherita Fuchs von Mannstein betont. Südtirol besitze "eine echte Bierkultur. Bier wird hier besser behandelt als in mancher Bierhochburg." In Südtirol gibt es sogar ein funktionierendes Mehrwegsystem, im übrigen Italien nur Dosen und Wegwerfflaschen. Das Brauhaus Forst hat seit 150 Jahren all die historischen Umbrüche und Tragödien Südtirols miterlebt. Heute gilt es als ein Aushängeschild des Landes und behauptet sich als Privatunternehmen auf einem Markt, der von Ketten und Konzernen dominiert wird. Ein Erfolg, der den Frauen der Familie Fuchs zuzuschreiben ist. Schon die Urgroßmutter sei sehr präsent gewesen, berichtet Fuchs von Mannstein, vor allem aber die Großmutter. Die habe den Betrieb, der zu jener Zeit noch zu Österreich gehörte wie ganz Südtirol, durch den Ersten Weltkrieg manövriert und durch die anschließende Abtretung Südtirols an Italien. Der Handel mit Österreich und Deutschland brach damals ein, es gab keinen Hopfen mehr; da setzten sie Brennnesseln als Bitterstoffe zu.

Lange bestimmte danach die Mutter die Geschicke des Unternehmens, nun führen es Margherita und ihre Schwester Celina. Auch Margherita hat zwei Töchter, von denen eine wiederum zwei Mädchen großzieht. Kein Wunder, dass das Unternehmen auch "die Frauerei" genannt wird. Elegant mit der Zigarette hantierend, sitzt Fuchs von Mannstein in ihrem Besprechungszimmer. Sie spricht leise, aber dezidiert. Eine erfolgreiche Frau aus einer traditionsreichen Familie. Auch mancher Gärkellermeister wirkt hier schon in der fünften Generation. Wenn die Chefin in alten Depotbüchern aus der k.u.k. Zeit stöbert, stößt sie oft auf vertraute Namen. Und staunt über die multikulturelle Praxis von damals. "Die Bilanzen waren wie selbstverständlich zweisprachig." Heute expandiert Forst vor allem nach Süden, weiter nach Italien hinein. "In Bayern wird Südtiroler Bier ja nicht unbedingt benötigt." Im Welschland schon - laut Statistik trinkt jeder Italiener klägliche 29 Liter im Jahr. Doch das Bier holt auf. Die Brauerei Forst, im gleichnamigen Vorort von Meran gelegen, ist nun auch das Ziel vieler Touristen. Und aus der halben Welt gehen Urlaubsgrüße ein, von Südtirolern, die auf irgendeiner sonnigen Insel nach einem kühlen Blonden lechzen. "Die haben regelrecht Heimweh nach unserem, nach ihrem Bier." Jedes Glas ein Maß flüssiger Heimat.

Führungen durch die Brauerei Forst finden regelmäßig statt

Forst/Algund, Vinschgauerstr. 8, Tel. 0473-26 01 11, www.forst.it. Verkosten kann man das Bier winters im Braukeller Elisabeth, sommers im Biergarten.

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