Föhr Der Friesenkanal

Die Föhrerin Heike Volkerts moderiert gegen das Vergessen ihrer Muttersprache an mit einem friesischen Radiosender, den können zwar alle kostenlos empfangen, aber die Wenigsten verstehen. Ein Porträt
Der Friesenkanal

Typisch friesisch: ein Reetdachhaus auf der Insel Föhr und auch die Inselsprache erobert sich seinen Platz zurück. Sie ist Pflichtfach in der Schule, damit sie nicht verloren geht

Heike Volkerts sitzt hinter Glas vor dem Mikrofon und hat ein Gerät hochgefahren, für das im Friesischen kein neues Wort erfunden wurde: den Computer. Punkt acht geht sie im Studio Alkersum mit FriiskFunk live auf Sendung. Heute spricht sie mit Birgit Wildemann, der Organistin der St.-Johannis-Kirche in Nieblum, die von ihrem Inselleben und europaweiten Konzertreisen erzählt. Zwischendurch spielt sie Musik ein, Veranstaltungstipps, den aktuellen Wetterbericht. In der Sendung gestern hatte sie Levke Brodersen am Telefon; die 19-Jährige macht gerade Heimaturlaub auf Föhr, sonst spielt sie Basketball in der Ersten Bundesliga, bei den Royals im 900 Kilometer entfernten Saarlouis, fast Frankreich. Föhr ist keine 83 Quadratkilometer groß, aber voller Geschichten. Neben dem Aufnahmestudio im Büro stapeln sich die Ideen von drei Redakteurinnen. Auf Heike Volkerts’ Schreibtisch liegt ein dickes Wörterbuch: Deutsch–Föhrer Friesisch. Den FriiskFunk – montags bis freitags von acht bis zehn – kann jeder hören, über den Offenen Kanal Schleswig-Holstein.

Allerdings verstehen nur wenige, was da erzählt wird. Denn Friesisch, eine nordwestgermanische Sprache, hat rein gar nichts mit Deutsch gemein, nicht mal mit Platt, steht aber dem Englischen verblüffend nahe. Im Gegensatz zum fast ausgestorbenen Ostfriesisch halten rund 10 000 Plaudertaschen das Nordfriesische lebendig, ein Viertel davon auf Föhr, in neun ziemlich verschiedenen Dialekten, die auf Amrum zum Beispiel Öömrang heißen oder auf Sylt Söl'ring. Fering, das Föhrer Friesisch, kennt auch noch eine Osterland- und Westerland-Spielart. Heike Volkerts, Jahrgang 66, auf Föhr geboren, in Nieblum zu Hause, kann als Radiomacherin ihr Kommunikationstalent entfalten. Friesisch ist ihre Muttersprache, damit auch die ihrer Kinder. Henrik (26), Levke (23) und Ricklef (18) wuchsen dreisprachig auf. "Mein Mann kann kein Friesisch, der spricht Platt, und in der Schule haben wir alle Hochdeutsch gelernt." Das Bewusstsein für die sprachliche Eigenheit sei in letzter Zeit enorm gewachsen, sagt sie. Im Alltag, unter Nachbarn und Kollegen sei Friesisch ohnehin allgegenwärtig, neuerdings aber auch wieder im Kindergarten. In der Grundschule ist es Pflichtfach; seit drei Jahren ist Friesisch Abiturfach. Linguistik, Lebensweise und der Beitrag der Friesen zur Seefahrtsgeschichte sind Gegenstand der Wissenschaft. An den Unis in Kiel kann man Friesische Philologie studieren.

Seit 2010 sendet FriiskFunk für diese spezielle Hörerschaft aus dem Studio unterm Dach der Ferring-Stiftung, der profunden Hüterin friesischer Sprache, Kultur und Historie in Alkersum, der Inselmitte. Stiftung, Friesenrat und Offener Kanal unterstützen den Sender finanziell, von den Gebühren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bekommt er keinen Cent. Das bundesweit einzigartige Modell garantiert der friesischen Minderheit ihr verfassungsmäßiges Recht auf Medienteilhabe. "Wir sind kein Inselsender, sondern eine Plattform für das Eigenleben unserer Region", sagt Heike Volkerts. "Bei uns hört man Leuten zu, die man kennt, und erfährt trotzdem Dinge, die man noch nicht gewusst hat." Geschichten, die nirgends stehen, aber viele bewegen – im FriiskFunk kann man sie hören. Das Radio lebt vom gesprochenen Wort, die Zukunft des Friesischen von Menschen wie Heike Volkerts.

Info: www.friiskfunk.de

Der Friesenkanal

Heike Volkerts ist seit 2010 mit dem FriiskFunk auf Sendung

Lieblingsplatz von Heike Volkerts auf Föhr

Der Dorfmarkt in Oevenum. Da gibt es Frisches aus der Region, hausgemachte Waffeln und Marmelade sowie Trödel. Alles, was das Herz begehrt. Im Sommer jeden Donnerstag von 10 bis 12.30 Uhr.

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