Portugal Sonnenverwöhntes Évora

Im Licht von rund 3000 Sonnenstunden pro Jahr erscheint die geschichtspralle portugiesische Stadt im Alentejo trotz Knochenkapelle grundheiter
Sonnenverwöhntes Évora

Viel Sonne, ein langesamer Rhythmus und mittelalterliche Städte, das ist die Region Alentejo im Hinterland Lissabons

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Wie ein Ring umschließt die Mauer den Stadtkern mit seinen Plätzen, dem Gassengewirr und Baudenkmälern aus mehr als zwei Jahrtausenden: Durch die Weltkulturerbe-Stadt im Alentejo spaziert man wie durch ein begehbares Geschichtsbuch. Von den Römern blieb ein Tempel mit 14 korinthischen Säulen (Largo do Conde de Vila Flor), gleich nebenan steht die mächtige gotische Kathedrale Sé (Largo do Marquês de Marialva). An die Vergänglichkeit allen Seins erinnern in der Knochenkapelle Capela dos Ossos an der São Francisco tausende Totenschädel und Gebeine, die in die Wände und Säulen eingelassen sind. Und der Spruch: "Wir Knochen, die wir hier versammelt, warten auf deine" (Praça 1 de Maio). Das motiviert enorm, sich rasch den irdischen Reizen dieser mit rund 57 000 Einwohnern größten Stadt des Alentejo zuzuwenden (www.visitalentejo.pt).

Ansehen

Wenn die Sonne strahlt, und das tut sie rund 3000 Stunden im Jahr, bietet der große Marmorbrunnen auf der zentralen Praça do Giraldo einen kühlenden Sitzplatz. Ringsum herrschaftliche Häuser mit kunstvoll geschmiedeten Balkongittern. Schatten spenden die Arkadengänge mit ihren kleinen Läden. Dort findet sich auch eine Kopfbedeckung: In den Regalen von A Chapelaria stapeln sich Strohhüte für die Damen und jene schwarzen für die Männer, die typisch sind für die Region (Rua da República 7–9). Der Kork- Bikini im Schaufenster von Mont'Sobro ist leider nur ein Blickfang, sagt die Verkäuferin, aber die originellen Schuhe, Taschen und Schmuckstücke aus dünnem Kork sind alltagstauglich (Rua 5 de Outubro 66, www.montsobro.com). Zur Stärkung gibt’s eine bica, einen Espresso, und ein Törtchen in der Pastelaria Conventual Pão de Rala. Nach geheimem Rezept von Hausherrin Maria Ercília Zambujo wird aus Eigelb, Zucker, Zitronenschale, Mandeln und süßem Kürbis der sattgelbe, saftige Pão de Rala gebacken, ein Kuchen zum Dahinschmelzen. Mit gekachelten Wänden und einer beeindruckenden Fotogalerie auch optisch ein Erlebnis (Rua do Cicioso 47.)

Anecken

Ketzerische Gedanken sind im Palast der Inquisition durchaus willkommen, auch wenn der wuchtige weiße Bau, der den Platz Largo Conde de Vila Flor beherrscht, mit den vergitterten Fenstern verschlossen wirkt. Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert wurden hier tausende Juden gefoltert, auch jene, die zum Christentum konvertiert waren. Heute herrscht an diesem düsteren Ort der freieste Geist der Stadt: Es wird nach Ziel und Zweck von Kunst gefragt, Ventilatoren wirbeln Papierstöße mit Begriffen wie "Macht", "Struktur" oder "Vernunft" durch die Luft. "Wir wollen neue Wege für den Umgang mit Kunst aufzeigen", sagt Filipa Oliveira, künstlerische Direktorin des Fórum Eugénio de Almeida (Largo do Conde de Vila Flor, www.fundacaoeugeniodealmeida.pt).

Geniessen

So ländlich die Region, so deftig das Essen. Eigentlich kommt man gut mit petiscos durch den Tag, herzhaften Kleinigkeiten wie gebratenen Schweinsohren, Leber mit Koriander oder Im Licht von rund 3000 Sonnenstunden pro Jahr erscheint die geschichtspralle portugiesische Stadt im Alentejo trotz Knochenkapelle grundheiter Évora Schnecken mit Oregano. Die Cozinha de Santo Humberto im alten jüdischen Viertel pflegt die traditionelle Küche, zum Beispiel mit der Açorda Alentejana, einer Brotsuppe mit Ei, Knoblauch, viel Petersilie und Koriander, oder carne de porco à Alentejana, Schweinefleisch mit Kartoffeln und Muscheln (Rua da Moeda 39, Tel. 00351-266-70 42 51). Wer danach einen Digestif braucht, kann ein paar Häuser weiter, in der Bar Oficina, einen mit Algen oder Minze destillierten Gin aus der Manufaktur "Nautilus" probieren (Rua da Moeda 27). In ihrerRota dos Vinothek Vinhos do Alentejo stellt Maria Teresa Chicau jede Woche einen anderen Winzer der Region bei einer Gratis-Weinprobe vor (Praça Joaquim António de Aguiar 20, www.vinhosdoalentejo.pt).

Aufs Land

Maria Teresas Empfehlungen führen mich nach Reguengos de Monsaraz, ein Kreisstädtchen im nördlichen Alentejo, das nicht sonderlich interessant wäre, gäbe es dort nicht hervorragende Weingüter wie Esporão (www.esporao.com) oder Carmim (www.carmim.eu), die dem Ort den Titel "Europas Weinstadt 2015" einbrachten. Auf der Fahrt dorthin volles 3-D-Panoramakino: eine weite, leicht hügelige Landschaft, in der sich Weinfelder mit Olivenbäumen, Wäldern aus Steinund Korkeichen und trockener Grassteppe abwechseln. Storchennester auf alten Telefonmasten, fast menschenleere Dörfer – eine Landschaft im Ruhe-Modus, der ansteckend wirkt. Von Reguengos aus schlängelt sich die Landstraße hoch in den alten Festungsort Monsaraz mit seinen weiß gekalkten Häusern, der erhaben über dem verwinkelten Stausee Lago Alqueva liegt. Die Luft dort oben ist so klar und auch nachts nicht durch Licht verschmutzt, dass sich der Himmel wie eine funkelnde Sternendecke über Monsaraz legt. Deshalb ist der Ort als "Dark Sky Schutzgebiet" (www.darkskyalqueva.com) registriert. Hier lassen sich nicht nur der Große Bär oder Kassiopeia beobachten, sondern auch Weine der Region unterm Sternenhimmel blind verkosten (Casa Saramago, Monsaraz, Rua de Reguengos 9 A, www.casasaramago-monsaraz.com.pt). Ob mit oder ohne Wein: Der nächtliche Himmel über Monsaraz ist ein Anblick, der schwindelig macht.

Schlafen

Nahe der zentralen Praça do Giraldo steht das Évora Inn, ein charmantes Gästehaus: auf vier Etagen (ohne Lift) in historischen Mauern zehn moderne Zimmer (Rua da República 11, www.evorainn.com, DZ ab 50 €). Im Café Inn Plaza im Erdgeschoss desselben Hauses gibt’s köstliche Törtchen aus der Pastelaria Conventual Pão de Rala. Vom kleinen Dachpool des Hotels Vitória Stone überblicken Gäste die Altstadt. Das moderne Design spielt mit Elementen steinzeitlicher Kultstätten, der Vier-Sterne-Komfort ist heutig (Rua Diana de Lis 5, www.vitoriastonehotel.com, DZ/F ab 70 €). Nahe dem Bergdorf Monsaraz garantiert das abgeschiedene Hotel Rural Horta da Moura für Ruhe. 25 Zimmer und Suiten im Landhausstil verteilen sich auf mehrere Gebäude oberhalb eines Gartens mit Olivenbäumen, einer ist angeblich 2450 Jahre alt. Esel im Wasserschöpfdienst drehen ihre Runden um den Brunnen, Pferde stehen zum Ausritt bereit (Monsaraz, www.hortadamoura.pt, DZ/F ab 70 €). Dieses und weitere Hotels sowie individuelle Rundund Genießerreisen durchs Alentejo sind auch über den Portugal-Spezialisten Olimar zu buchen (www.olimar.de).

Anreise

Von Lissabon per Bahn oder Bus nach Évora. Für Touren durchs Alentejo braucht man einen Mietwagen.

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