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Argentinien Wallfahrt in Argentinien


Die katholische Kirche verweigert ihr den Segen, doch viele Argentinier glauben an die Difunta Correa und ihre Wunderkraft. Besonders Fernfahrer verehren die Mutter, die in der Wüste verdurstete und ihr Baby über den Tod hinaus stillte, als Schutzheilige. Sie machen sich aus allen Teilen des Landes einmal im Jahr zu einer Wallfahrt auf. Ein GEO-Special-Team war dabei

Inhaltsverzeichnis

Die Heilige für unterwegs

Die Tachonadel tanzt auf der Null herum, während Norberto Delgado den Viehtransport in einem mühevollen Zweikampf überholt. Sie zuckt, als wolle sie die Geschwindigkeit anzeigen. Aber sie kann es nicht, weil Delgado ein paar Kabel durchtrennt hat. Damit Tacho und Kilometerzähler stillstehen. Argentinien ist mehr als sieben Mal so groß wie Deutschland. Da kommt sonst schnell was zusammen und der Lastwagen ist nichts mehr wert. Wir schaukeln an endlosem Grün links und rechts von uns vorbei. Dunkles Grün, helles Grün und zwischen geduckten Büschen immer wieder rotbraune Hereford- Rinder mit weißen Köpfen. Die Wolken ziehen schnell, sie sehen aus wie Bumerange.

Wir sind seit drei Stunden unterwegs und fahren immer noch durch die Provinz Buenos Aires, allein die ist fast so groß wie Polen. Es geht immer geradeaus. Keine Kurven. Keine Abfahrten. Weiter, immer weiter auf unserem Weg nach San Juan. 1100 Kilometer sind es bis zur Fabrik "Soda D’Anna". Dorthin soll Delgado leere Plastikkanister liefern. Der Auftrag bringt kaum Geld, aber er kam gelegen: Delgado will am Wochenende in San Juan sein, wenn die Fernfahrer die Fiesta Nacional del Camionero feiern. "Am Wallfahrtsort unserer geliebten Schutzheiligen, der Difunta Correa", sagt er. Die Difunta Correa ist in Argentinien eine Heilige des Volkes. Obwohl sie von der Kirche nicht anerkannt ist, pilgern allein am Osterwochenende jedes Jahr 50 000 Menschen zu ihr in die Wüste. Am Samstag treffen sich die gläubigen Trucker in San Juan und legen die restlichen Kilometer zum Wallfahrtsort, wo sie dann beten und feiern, im Konvoi zurück.

Argentinien: Mit kleinen Geschenken am Straßenrand bitten Reisende um die Gunst der Patronin
Mit kleinen Geschenken am Straßenrand bitten Reisende um die Gunst der Patronin
© Sven Creutzmann/Zeitenspiegel

Sie stillte ihr Kind über den Tod hinaus

Mehr als tausend Mal ist Delgado schon die Ruta 8 in Richtung Westen gefahren. Bis zu zwei Mal in der Woche schruppt er die Strecke Buenos Aires – San Juan. Seit mehr als 30 Jahren, fast immer alleine. Ins Führerhaus hat Delgado ein rotes Band gehängt, auf das in goldener Farbe "Difunta Correa" gedruckt ist. Unter der Sonnenblende klemmt ein Porträt der Schutzpatronin: Sie liegt auf dem Rücken, eine Brust entblößt, auf ihrem Bauch ein Säugling. "So haben Gauchos sie gefunden", sagt Delgado.

Eine mutige Frau laut Legende, denn sie zog Mitte des 19. Jahrhunderts los, um ihren Mann aus dem Heer des berüchtigten Facundo Quiroga zu befreien, das im Unabhängigkeitskrieg gegen die Spanier gekämpft hatte. Ohne Wasser und Proviant stürzte sie in die Wüste, das Kind auf dem Arm. "Als die Gauchos kamen, war sie längst tot", sagt Delgado. "Aber der Säugling lebte. Obwohl seine Mutter verdurstet war, gaben ihre Brüste noch Milch."

Das ist das erste Wunder der Difunta Correa, weshalb die Gauchos einen Altar in Vallecito errichteten, dem kleinen Tal bei San Juan, in dem sie ihre Leiche fanden. Sie begannen, die Difunta zu verehren, sie um Hilfe zu bitten. Und wirklich: Einmal half sie einem Viehhirten 500 Rinder wiederzufinden,

die bei einem Gewitter auseinander gestoben waren. Die Rinder eines anderen starben nicht an der Rinderpest, obwohl sie mit kranken Tieren in Kontakt gewesen waren. 1908 wurde in Vallecito schließlich eine Zugstation gebaut, durch die immer mehr Menschen in die Wüste kamen und die Erzählungen über die Wunder der Difunta weitertrugen.

Wie leer dieses Land ist. Keine Stadt. Kein Haus. Doch. Dort. Ein Grillrestaurant. Wir halten. Hühnchen gibt es. Und Rotwein ohne Etikett. Delgado mischt ihn mit Mineralwasser. "Man kann nicht einfach denken: Difunta hilf mir, und das war’s", sagt er. "Gratis macht die gar nichts."

Wunder gibt es nicht umsonst

Argentinien: Für Wundertaten der Difunta bedanken sich die Gläubigen mit Dankesplaketten, manchmal auch mit Jesus-Büsten. Der katholischen Kirche wäre eine strikte Trennung zwischen Volksglaube und Staatsreligon lieber
Für Wundertaten der Difunta bedanken sich die Gläubigen mit Dankesplaketten, manchmal auch mit Jesus-Büsten. Der katholischen Kirche wäre eine strikte Trennung zwischen Volksglaube und Staatsreligon lieber
© Sven Creutzmann/Zeitenspiegel

Cobradora sei die Difunta. Das heißt: Sie kassiert für ihre Dienste. "Wenn du willst, dass dich dein Freund heiratet, musst du ihr versprechen, nach der Hochzeit das Brautkleid zum Wallfahrtsort zu bringen", sagt Delgado. Deshalb gibt es in Vallecito 17 Kapellen, in denen Gläubige ihre Gaben ablegen: Die Kapelle der Bräute, in der Hunderte weißer Kleider hängen. Die Kapelle der Sicherheitsleute, in deren muffiger Luft uralte Uniformen lagern. Die Kapelle der Schulkinder, in deren Wände Schüler Bitten geritzt haben: "Liebe Difunta, mach bitte, dass ich es auf die Uni schaffe. Wenn du dieses Wunder vollbringst, komme ich dich wieder besuchen." Und dann gibt es noch die Kapelle der Lastwagenfahrer, mehrere tausend Dankesplaketten zieren sie. Zwischen den Kapellen liegen kleine Gebetszettel herum: Eine Art Kettenbrief, denn am unteren Rand findet sich die Notiz: "Wer die Güte der Difunta Correa erfahren möchte, verspricht, dieses Gebet zu verbreiten."

Doch noch sind es mehrere hundert Kilometer bis nach Vallecito, zwei Übernachtungen. Delgado schläft in einem schmalen Bett hinter den Sitzen im Führerhaus, hier übernachtet er häufiger als bei seiner Frau. Am Kopfende, eingeklemmt in den Spalt zwischen Wand und Matratze, steckt ein Revolver, für alle Fälle.

Für mehr Personen ist im Führerhaus kein Platz. Deshalb schlafen der Fotograf und ich in der ersten Nacht im Zelt neben der Straße. Obwohl die Gegend nicht sicher ist: Ein Fahrer soll hier vor kurzem ausgeraubt worden sein. Und unmittelbar vor unserer Ankunft ist in der Nähe eine Waschmaschine aus einem Haus gestohlen worden. Die Polizei durchkämmt die Felder mit Suchscheinwerfern. Der Fotograf nimmt seine Kamera mit ins Zelt, legt sie dicht neben die Isomatte. Bevor die Sonne aufgeht, drückt Delgado schon auf die Hupe. Wieder geht es geradeaus, stundenlang, Abzweigungen gibt es kaum. Plötzlich hält unser Fahrer an: Auf der anderen Straßenseite liegen unzählige Plastikflaschen; ordentlich aufgereiht und meist zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Ein Altar für die Difunta Correa. "Leute haben irgendwann angefangen, Wasser zurückzulassen, damit kein Reisender wie die Difunta verdurstet", sagt Delgado und steigt aus, mit einer kleinen Flasche in der Hand. "Früher war das Wasser zum Trinken da. Heute bleiben die Flaschen liegen, bis sie jemand wegräumt." Er legt seine Flasche dazu.

"Wir Fahrer", sagt er, als er wieder hinter sein Lenkrad klettert, "haben Schutzengel wirklich nötig. Besonders, wenn wir über die Anden nach Chile müssen." Die Serpentinen der Passstraße sind eng und steil, ein Härtetest für die Bremsen. Und im Winter schneien die Lastwagen ein, wenn ihre Fahrer tagelang auf die Zollabfertigung warten müssen. Aber auch wer auf gut ausgebauten Straßen unterwegs ist, braucht die Hilfe der Difunta: "Es gibt immer mehr Überfälle", sagt Delgado. "Einige Unternehmer lassen ihre Trucks von bewaffneten Beschützern begleiten."

Kurz vor San Juan übernachten wir und erreichen am nächsten Morgen die Umgehungsstraße, den Treffpunkt für Fernfahrer, die im Konvoi nach Vallecito fahren wollen. Die Sonne brennt, die Kennzeichen der Lastwagen flimmern in der Hitze der Abgase. Viele von Delgados Bekannten sind da: Antonio Ponce von der Gewerkschaft Stotac, der den Konvoi ordnet. Miguel Cortés, der der Difunta ewig dankbar sein wird, weil er nicht erblindete, als ihm in den einsamen Weiten Patagoniens ein Eisensplitter ins Auge sprang und erst zwei Tage später herausoperiert werden konnte. Daniel Rojas, der Verwalter des Wallfahrtsortes, der selbst nicht gläubig ist. "Aber das stört niemanden", sagt der kleine Mann mit Brille, Glatze und gebügeltem Karohemd. "Eine Million Menschen kommt jedes Jahr nach Vallecito. Das muss gemanagt werden wie ein Unternehmen!"

Argentinien: Doppelt hält besser: Ein Jesus-Bild an der Scheibe und sein Glaube an die Difunta lassen Norberto Delgado auch in unsicheren Gegenden fest schlafen. Über tausend Mal hat er seinen Truck schon von Buenos Aires nach San Juan gelenkt. Nie ist etwas passiert
Doppelt hält besser: Ein Jesus-Bild an der Scheibe und sein Glaube an die Difunta lassen Norberto Delgado auch in unsicheren Gegenden fest schlafen. Über tausend Mal hat er seinen Truck schon von Buenos Aires nach San Juan gelenkt. Nie ist etwas passiert
© Sven Creutzmann/Zeitenspiegel

Wallfahrt per LKW

Argentinien: Dort, wo heute eine Gipsfigur liegt, soll die junge Mutter verdurstet sein
Dort, wo heute eine Gipsfigur liegt, soll die junge Mutter verdurstet sein
© Sven Creutzmann/Zeitenspiegel

Ein Tanklastwagen, der 33 000 Liter Wasser fasst, führt die Karawane an: Der alte Bochín, ein Transportunternehmer, den die Heilige vor dem Bankrott gerettet haben soll, hat ihn der Difunta-Correa-Stiftung geschenkt. Wasser ist wichtig in Vallecito, jeder Tropfen muss aus San Juan herangekarrt werden, zwei Millionen Liter im Monat. Auf den Bauch des Lastwagens ist die Difunta gemalt. Wie immer: auf dem Rücken liegend, das Kind an der Brust. Es folgen weitere Trucks mit Zeichnungen auf Türen und Anhängern, danach die, die nur Wimpel und Aufkleber haben. Etwa 50 Fahrer warten mit laufendem Motor darauf, dass es endlich losgeht. Eine zweite Gruppe steht außerhalb von San Juan an einer Tankstelle und wird sich unterwegs anschließen.

Als der Konvoi anrollt, winken Kinder am Straßenrand, sie reichen Wasserflaschen ins Führerhaus. Ganze Familien kommen vor die Tür geeilt. Dann stockt der Verkehr, Hupen in allen Tonlagen. Wir stehen am Ortseingang von Caucete, dem letzten Dorf, bevor die Strecke nach Vallecito beginnt. Die Polizei will die Lastwagen nicht durchlassen. "Der Bürgermeister hat etwas dagegen", sagt unser Fahrer. Er spricht leise, als könne draußen jemand mithören. "Es heißt, dass Daniel Rojas, der Verwalter, selbst Bürgermeister werden will. Deshalb gönnt ihm der jetzige Amtsinhaber keinen Erfolg." Wir sind mitten im Wahlkampf. Die Fahrer reihen ihre Ungetüme nebeneinander auf. Dauerhupen. "Komm schon, Dicker, weg mit dir!", ruft unser Fahrer einem Polizisten zu. Meter für Meter drängen die schweren Maschinen nach vorn. Bis die Polizisten ihre Motorräder wegschieben müssen. Der Weg ist frei. Die Leute am Straßenrand jubeln. Der Konvoi zwängt sich durchs Dorf. Noch sind es 35 Kilometer bis zum Wallfahrtsort. In Vallecito stehen die wichtigsten Bauten auf drei Hügeln: das Hotel "Difunta Correa", in dem das Bild der Volksheiligen auf die Anhänger der Zimmerschlüssel gedruckt ist. Die Grotte, an deren Außenwand Hunderte Autokennzeichen hängen. Und die Kapelle, in der ein katholischer Pfarrer jeden Sonntag eine Messe hält, aber die Difunta mit keinem einzigen Wort erwähnt, weil seine Kirche offiziell andere Heilige hat.

Im Ort gibt es ein Museum mit Kuriositäten, die Gläubige der Difunta gewidmet haben: die Handschuhe von Boxer Nicolino Locche sind zu sehen, der nach einer Herzoperation der Difunta dankte. Oder eine teure BMW-Limousine, deren Besitzer beim Fischen ins Wasser fiel. Der Nichtschwimmer überlebte; sein Freund, der auch aus dem Boot stürzte, ertrank. Hinter vorgehaltener Hand reißen die Fahrer Witze über einen Pilger, der an diesem Morgen mit einem Pick-up nach Vallecito kam und 7200 Rollen Toilettenpapier spendete. Sie lagern in einem Schuppen neben dem Museum.

"Wir verdanken ihr alles"

An der den Kapellen abgewandten Seite der Hauptstraße reihen sich Restaurants, in denen Pilger chivito essen können, gegrillte Jungziege. Auf der anderen Seite machen sich Souvenirläden mit Difunta- Aufklebern, Difunta-Kalendern, Difunta- Schlüsselanhängern und Difunta-Kerzen Konkurrenz. Lilafarbene Kerzen für finanzielles Glück. Rote für die Liebe. Grüne für die Gesundheit. Warum ausgerechnet diese Farben gut sein sollen, kann niemand erklären. "Hauptsache, es hilft", sagt eine Verkäuferin.

Doch wo sind die Wunder? Wen immer wir nach ihnen fragen – alle schicken uns zu Mari Pereyra. Als wir an ihre Tür klopfen, öffnet eine zierliche Frau mit dunkler Haut. Links im Arm hält sie ein kleines Kind, rechts einen Holzschieber, mit dem sie Brote in einem steinernen Ofen wendet. "Alles, was wir haben, verdanken wir der Difunta", sagt Pereyra leise und lächelt.

Vor drei Jahren wohnte sie noch in der alten Zugstation von Vallecito. Ohne Toilette. Ohne Kanalisation. Ohne Wassertank. Ohne Arbeit. Ohne Kinder. Außerdem hatten die Ärzte bei ihr Leukämie diagnostiziert, alle zwei Monate musste Pereyra ins Krankenhaus zu einer Transfusion, hoffte auf eine Knochenmarkspende. Sie betete zur Difunta. Dann wurden neue Sozialwohnungen verlost: Pereyra und ihr Mann Jesús bekamen eine eigene Doppelhaushälfte. Und damit nicht genug: "Ich dachte, ich könnte keine Kinder bekommen", sagt sie. "Dann wurde Walter geboren." Wenig später waren ihre Blutwerte wieder normal. Und als sie zu einer der Kapellen ging, um der Difunta zu danken, stand dort ein Mann, der ihr 500 Pesos schenkte: "Er sagte, er habe der Difunta versprochen, der ersten Person, die er in Vallecito sehen würde, Geld zu geben. Diese Erste war ich", sagt Pereyra. "Wir konnten Möbel kaufen. Ein Bett. Einen Tisch für die Küche. Einen Kühlschrank." Hastig reibt sie sich die Augen, um nicht zu weinen.

Argentinien: Hier wird nicht gefastet! Gekühltes Bier und Grillwurst markieren den Höhepunkt des Fernfahrer- Festes am Wallfahrtsort
Hier wird nicht gefastet! Gekühltes Bier und Grillwurst markieren den Höhepunkt des Fernfahrer- Festes am Wallfahrtsort
© Sven Creutzmann/Zeitenspiegel

Die Frau bleibt bei ihrem Kind, während ihr Mann versucht, die frisch gebackenen Brote zu verkaufen. 50 Centavos pro Stück, das ist nicht teuer. Trotzdem essen die Lastwagenfahrer lieber Grillfleisch und choripan, Brötchen mit grober Grillwurst. Vor ihren Trucks haben sie Campingstühle aufgestellt. Delgado spielt mit ein paar Freunden Truco, ein typisch argentinisches Kartenspiel: Es gewinnt, wer am besten lügen kann. "Gleich wählen wir unsere Königin", sagt er. Abseits vom Scheinwerferlicht, neben einer Bühne, stehen fünf Mädchen in weißen Abendkleidern. Ihre Lippen sind stark geschminkt. Niemand spricht, nur eine Mutter zupft aufgeregt die Ärmel am Kleid der Tochter zurecht. Zuerst steht die aktuelle Königin der Fernfahrer im Rampenlicht. Über dem samtblauen Umhang trägt sie eine Schärpe, auf der ihr Titel prangt: Reina del Camionero. Huldvoll hebt sie den rechten Arm und grüßt das Publikum auf den Campingstühlen. Ebenfalls angeleuchtet wird das Bühnenbild im Hintergrund: eine Zeichnung der Difunta Correa, überlebensgroß. Die Kandidatinnen kommen auf die Bühne: "Nummer eins", liest der Moderator vom Zettel ab, "ist Natalia, 16 Jahre, 88–65–91. Sie tritt an für Transportes Gonzalito y Hermanos." Dann darf Natalia etwas sagen: "Ich spiele gern Volleyball." Sie dreht sich dazu auf der Bühne im Kreis. Die zweite Kandidatin ist Cecilia Andrea, 17, 88–69–91, nominiert vom Unternehmen Cruz del Sur. Cecilia hört gern argentinische Rockmusik, die nächste Kandidatin, Kenny, auch. Nummer vier, María José, mag lieber "internationale Rhythmen", und Nummer fünf, Romina, spielt Hockey, wenn sie aus der Schule kommt. Am Rand der Bühne, schwach beleuchtet, stehen mehrere Fahrer und Vertreter der Gewerkschaft. Sie dürfen im Namen aller abstimmen. Die Mädchen laufen vor ihnen auf und ab. Der Moderator bittet die Jurymitglieder, die Nummer ihrer Favoritin hochzuhalten. Er intoniert, als moderiere er eine Tombola: "Gewonnen haaat: Kandidatin Nummer 1, Natalia Gonzales!"

Die Fahrer auf den Campingstühlen klatschen und pfeifen. Natalia hat ihre Sympathien, weil sie als einziges der Mädchen wirklich on the road lebt. Ihr Vater transportiert Gemüse mit dem Vorderteil eines alten Busses, das er an die Ladefläche eines Lastwagens geschweißt hat. Jesús Pereyra steht am Rand zwischen den parkenden Trucks, seine Brote liegen ordentlich gestapelt vor ihm auf einem Tisch. "Die Difunta hat so viel Gutes für uns getan", sagt er. "Zum Dank wollen Mari und ich nach Buenos Aires fahren. Dort gibt es an einer Autobahnauffahrt eine kleine heruntergekommene Statue der Difunta Correa. Die werden wir durch eine schöne große ersetzen." Dann wird das Paar die gleiche Reise antreten, die wir am nächsten Tag vor uns haben: 1100 Kilometer. Immer geradeaus. Wir fahren diesmal mit Eduardo Sanchez, den wir während der Feier am Grill kennen gelernt haben. Es ist ein Gefahrguttransport, wir dürfen nicht schneller als 80 Kilometer die Stunde fahren, sonst piepst ein leiser Alarmton. Aber kein Grund zur Sorge, sagt Sanchez: "Der Chef schickt alle neuen Lastwagen auf der Jungfernfahrt erst mal bei der Difunta Correa vorbei. Dann sind sie gesegnet."

GEO SPECIAL Nr. 05/2006 - Chile und Argentinien

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