Tour of Eritrea Das älteste Radrennen Afrikas

Wenn die Fahrer zum ältesten Radrennen Afrikas antreten, ist alles ganz anders: Sponsoren? Gibt es nicht. Doping? Nur die Höhenluft. Und eine Live-Übertragung? Nicht nötig, denn das Volk steht am Straßenrand. Von einer bewegenden Zeit in einem Land, das sonst unter Repression erstarrt
In diesem Artikel
Erste Etappe: Keren-Mendefera, 148 Kilometer. Start der Tour of Eritrea
Der "Milchmann" siegt
2. Etappe: Mendefera-Dekemhare, 156 Kilometer
Teamgeist vs. Darwinismus
3. Etappe: Dekemhare-Massawa, 151 Kilometer
4. Etappe: Massawa-Asmara, 115 Kilometer
5. und letzte Etappe: Asmara- Kriterium, 140 Kilometer
Das älteste Radrennen Afrikas

Glückliches Finale: Daniel Teklehaymanot ist Zweiter geworden, unter die ersten 14 schaffte es nur ein Ausländer

Erste Etappe: Keren-Mendefera, 148 Kilometer. Start der Tour of Eritrea

16. Dezember 2009, 12 Uhr: Ägypter, Marokkaner, Saudi-Araber und Kenianer warten an der Startlinie. Libyer und Sudanesen radeln auf und ab. Die eritreischen Fahrer schmieren Ketten mit dem Finger, pumpen Reifen nach, füllen Wasserflaschen. Ihr Assistent Yonas Zekarias rast in den abgesperrten Kreisverkehr, ins offene Beifahrerfenster ein Rennrad gehakt, das er im Hotelhof entdeckt hat; in seinem Windschatten weitere Fahrer. Vor ihnen liegt das wichtigste Rennen ihrer Geschichte, zum ersten Mal international. Für diesen Tag der Tage hat Radek Valenta, Tscheche mit australischem Pass, die Eritreer acht Wochen lang trainiert. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Impossible is nothing", unmöglich ist nichts.

12.13 Uhr: Der erste Pfiff. Die Schuhe der Fahrer rasten in die Pedale, der Tusch einer Zehn-Mann-Combo verliert sich im Klatschen, Trommeln, Trillern, Pfeifen des Publikums. 47 Radrennfahrer aus sieben Nationen rollen vom Platz, und 20 000 Menschen stehen Spalier. Beduinen mit Turbanen, Christinnen mit weißen Schals, bunt verschleierte Muslimas, alte Männer in eleganten Dreiteilern. Schüler winken mit Zweigen und Fahnen, ihre Uniformen verwandeln die Fahrt durch die Provinzhauptstadt Keren in einen Farbenrausch. Die Kinder rufen die Namen ihrer Favoriten, "oléoléoléolé" und "Viva Eritrea!". So wird es in jedem Ort sein, durch den wir in den nächsten fünf Tagen kommen. Am Ende werden 1,3 Millionen Menschen dieses Rennen gesehen haben. Radfahren ist in Eritrea so populär wie in Brasilien der Fußball: Jeden Juli diktiert die Live-Übertragung der Tour de France das staatliche Fernsehen. Jedes Wochenende jagen Tausende Amateure auf fast autofreien Straßen durch die Wüste und über Bergpässe.

Das kleine Land am Roten Meer zählt 4,8 Millionen Einwohner - und 500 000 Fahrräder. Das erste Rad haben, 1910, Italiener in ihre damalige Kolonie gebracht, so überliefert es eine ziegeldicke Geschichte des eritreischen Radsports. 1946 fand dann der "Giro dell’ Eritrea" statt - das erste Straßenrennen auf dem afrikanischen Kontinent. Auch die Tour 2009 wird einen besonderen Platz in der Chronik bekommen. Sie ist erstmals im Kalender des Internationalen Radsportverbandes eingetragen und bringt Punkte für die Afrika-Rangliste. Der Beginn einer neuen Ära, vielleicht. Dafür wurde, noch eine Premiere, ein ausländischer Coach engagiert: Radek Valenta, 46 Jahre alt, zuletzt Nationaltrainer der Vereinigten Arabischen Emirate. Er fährt das erste Begleitfahrzeug der Eritreer. Ich sitze im zweiten Wagen, neben seinem Assistenten Yonas Zekarias, 38 Jahre alt, eritreischer Ex-Nationalmeister. Das ganze Land schaut auf diese beiden Männer und ihre drei Teams mit 16 Fahrern.

Grau zieht sich das Band der Straße ostwärts: unmarkierter Asphalt, glatt, dann wieder pockennarbig. Blitzschnell wie ein vom Feind irritierter Schwarm Fische weichen die Fahrer Schlaglöchern aus. Die Mittagssonne steht hoch über terrassierten Hügelketten, so sorgsam von Steinmauern gezeichnet wie eine Karte von Höhenlinien. Und so karg wie das Leben der Menschen. Eritrea ist eines der zehn ärmsten Länder der Welt. Durch ein trockenes Flussbett zieht eine Kamelkarawane. Affenbrotbäume halten in ihren verrenkten Ästen riesige Nester an Heuvorräten. Aus den Dörfern ragen spitz die Strohhüte traditioneller Rundhütten, dazwischen liegen kleine Quader gewürfelt, mit einer Tür, einem Fenster. Die ausgeblichene Landschaft zieht vorüber wie ein Film aus einer fernen Epoche. Bis sich unvermittelt ein Werbeclip dazwischendrängt: das Feld der Radrennfahrer. Laut, bunt, schnell.

Das älteste Radrennen Afrikas

Den Beduinen ist der Anblick hautenger Trikots vertraut: Auf den fast autofreien Straßen Eritreas trainieren Tausende Amateure und rund 100 Profis

Drei Motorräder umschwärmen die tief über ihre Lenker gekrümmten Gestalten. Ein Hubschrauber kreist. Mit gut 40 Stundenkilometern jagen die Fahrer voran, die meisten Körper so schmal, dass man ihre Kraft nicht erahnt. 20 Fahrzeuge folgen. Die Nationalteams tragen Trikots in ihren Landesfarben, rot-blau-grüngelb für Eritrea. Bei manchen ist die Herkunft auch am Rennrad zu erkennen: Die Saudi-Araber fahren das teuerste Material, die Sudanesen das billigste. Die Eritreer haben in Trek investiert, die Marke von Lance Armstrong.

Yonas*, Handy am Ohr, zieht den Wagen nach rechts, Vollbremsung. Nummer 3 steht am Straßenrand und reißt das Vorderrad aus der Gabel: Es ist ausgerechnet Daniel Teklehaymanot, Yonas’ Zögling und Favorit des Rennens. Ein 1,91 Meter großer jungenhafter Strubbelkopf, so dürr und durchtrainiert, dass an seinen Beinen die Venen wie dünne Stricke hervorstehen. Aus seinem Dorf Adi Bana im südlichen Hochland kommt auch einer der stärksten Langstreckenläufer der Welt, Zersenay Tadesse. Daniel, jüngstes von elf Geschwistern, bekam im Alter von 13 Jahren sein erstes Fahrrad, mit 19 wurde er bester Afrikaner bei der "Tour de la Paix" an der Elfenbeinküste, mit 20 entdeckte ihn der Internationale Radsportverband in Marokko und lud ihn zum Training in die Schweiz. Bei seiner Antrittsuntersuchung stellten die Ärzte einen schweren Herzfehler fest. Es folgten eine Herz-OP, erfolgreiche Rennen, Durchblutungsstörungen im Bein. Vor fünf Wochen ist Daniel aus Europa zurückgekommen. Yonas’ Mechaniker greift ein Ersatzlaufrad aus dem Kofferraum, Daniel hält den Rahmen, der Mechaniker setzt ein, zentriert, zieht den Schnellspanner stramm: zehn Sekunden. Yonas, groß, kräftig, schiebt Daniel an, "avanti!", los!

Die Autorückbank wird zur mobilen Werkstatt des Mechanikers: Mantel aushebeln, Schlauch wechseln, da ist Spiel zwischen Ventil und Felge, also Zeitung dazwischen. Yonas, linke Hand am Telefon, fixiert das Ventil, prüft den Reifendruck. Seine Handgriffe sind präzise wie die eines Chirurgen, sein feines Gesicht bleibt so entspannt, als säße er im Café. Das Laufrad muss so schnell wie möglich zurück zu Daniel.

Wieder klingelt Yonas’ Handy: Das Begleitfahrzeug des dritten eritreischen Teams braucht Luftpumpe und Ersatzschläuche. Drei Autos, zwei Luftpumpen, Mangosaft in einem Wagen, Wasser und Cola in einem anderen: Fliegende Übergaben sind Routine bei diesem Rennen, auch über mehrere Autos hinweg, mal mit einem Motorrad als Kurier, sogar mit dem Krankenwagen.

Die Serpentinen beginnen. 14 Kilometer lang windet sich die Straße vorbei an baumgroßer Kandelaberwolfsmilch hinauf nach Asmara, der Hauptstadt auf 2350 Metern. Die Ausländer fallen zurück, Puls 220. Die Eritreer ziehen davon, Puls 180. Sie leben fast alle in Asmara, die Höhenluft ist ihr Doping.

Yonas’ Telefonate beginnen immer häufiger mit "Bella! Bella!" - Schön! Schön!

Das älteste Radrennen Afrikas

Janni Tewelde macht sich startklar für sein erstes internationales Radrennen; seit Neuestem fahren bei der »Tour of Eritrea« auch ausländische Teams mit – aus dem Sudan etwa und aus Libyen

Der "Milchmann" siegt

15 Uhr: Ein Hupkonzert setzt ein, die Krankenwagensirene heult. Yonas bekreuzigt sich, als wir an der orthodoxen Marienkirche vorbeifahren, hinein in eine Stadt, die nicht in Afrika zu liegen scheint. Mediterran anmutende, palmengesäumte Boulevards, pastellfarbene Ministerien, kühle Bauhaus-Villen. Dazwischen Artdéco- Kinopaläste, Tankstellen, die Flugzeugen gleichen, blumengesäumte Piazze.

Italienische Architekten haben hier in den späten 1930er Jahren ihre kühnen urbanen Utopien Gestalt werden lassen: Asmara sollte das Herzstück von Mussolinis neuem "römischen Reich" in Afrika werden. Die Stadt bekam mehr Ampeln als Rom und wurde zur modernsten des Kontinents. Auf tragische Weise hat sich ihre Schönheit bewahrt, durch Krieg, Armut und Isolation.

Yonas ruft in seinem gebrochenen Englisch: "Nur Italiener hier." Und dann: "Apartheid". Asmarinos durften das Stadtzentrum nur zum Arbeiten betreten - und natürlich nicht mitfahren, als die radsportbegeisterten Italiener 1936 ein erstes Rennen rund um die Markthallen veranstalteten. 1942 allerdings, nachdem die Faschisten im Jahr zuvor von den Briten geschlagen worden waren, gewann ein Einheimischer. Später fuhren die Eritreer auch bei Olympischen Spielen mit, allerdings unter fremder Flagge. Denn nachdem die Vereinten Nationen 1952 eine Föderation mit dem südlichen Nachbarn Äthiopien verfügt hatten, war die autonome Region Eritrea zehn Jahre später von seinem Nachbarland annektiert worden.

Schon 1961 begann der Kampf der Eritreer um die Unabhängigkeit - und Fahrräder spielten eine neue Rolle: als "Banditenpanzer" der Guerilla. Nach einer Serie von Fahrradattentaten verboten die Äthiopier das Radfahren für Jahre.

"Forza, forza", rufen die Fans auf Italienisch, es sind Zehntausende. Und alle kennen Yonas Zekarias, ihren "Halabay". Der "Milchmann" grüßt zurück. Er ist ein Bauernkind und hat noch als Rennfahrer Kühe gemolken. Mit dem viel zu großen Rad seines Vaters fuhr er zwischen den Ampeln Asmaras Straßenrennen. Ein Freund bastelte den Pokal: eine halbierte Waschmittelflasche, den Hals zum Fuß verwandelt und mit Aluminiumpapier aus Zigarettenschachteln versilbert. "Vielleicht habe ich mich deshalb für den Radsport entschieden", sagt Yonas. "Schöne Erinnerungen."

Den Anstoß zu seiner Sportkarriere gab allerdings ein Kalkül: Das äthiopische Regime zog seit 1984 auch junge Eritreer zum Militär ein, nur Spitzensportler waren befreit. Yonas begann zu trainieren, um den Kriegsdienst vermeiden zu können.

Immer wieder begegnen wir während der Tour Hinterlassenschaften der äthiopischen Armee: Verrostete Lastwagengerippe, halb versunken am Straßenrand, und Panzerruinen auf Feldern. Äthiopien verfügte über eine der modernsten Armeen Afrikas, hochgerüstet erst von den USA, dann von der Sowjetunion. Die eritreischen Guerillakämpfer wurden nur von der eigenen Diaspora unterstützt, sie trugen Sandalen aus Autoreifen und schossen mit erbeuteten Waffen. Der ungleiche Krieg wurde der langwierigste des Kontinents. Erst nach 30 Jahren gelang das scheinbar Unmögliche: Die Rebellen siegten.

1993 stimmten 99,81 Prozent der Eritreer für ihre Unabhängigkeit - und Yonas Zekarias stieg auf zum bis heute erfolgreichsten Fahrer des Landes. Seine Fans campierten entlang der Zielstrecke, um ihn siegen zu sehen. Er schien die neue Nation zu verkörpern: fleißig, sympathisch, selbstbewusst. Und unschlagbar. Es waren goldene Jahre. Exil- Eritreer kehrten zurück, das Wirtschaftswachstum zählte zu den höchsten in Afrika. Der Präsident und ehemalige Rebellenführer Isayas Afewerki lehnte jede Einflussnahme des Westens ab. Man werde nicht die Fehler anderer afrikanischer Nationen wiederholen, sondern das Land aus eigener Kraft aufbauen: demokratisch, sozialistisch, unabhängig. Alle setzten auf diesen Traum.

Asmara liegt hinter uns. Über ein flaches Hochplateau folgen wir dem Rennen durch abgeerntete Felder weiter nach Süden. Heuhaufen liegen in der Landschaft verstreut wie riesige, halb versunkene Billardkugeln. Bauern führen Ochsengespanne im Kreis, damit deren Hufe das Korn dreschen. Die Ernte ist gut gewesen, endlich, nach großer Dürre, in der das Essen für die Mehrheit der Bevölkerung nicht reichte.

"Wer will Wasser, Mangosaft, Schokolade, Bananen?" Der Mechaniker reißt Früchte von einer großen Staude auf der Rückbank. "Afrikanische Energieriegel", lästern die Fahrer.

In Mendefera tanzt eine alte Frau auf die Straße. Ihr Haar ist in bleistiftdünne Zöpfe gelegt, in einer Hand hält sie einen Blumenzweig. So selbstvergessen wiegt sie sich zur scheppernden Musik aus einem Lautsprecher, dass sie die Zielkamera nicht bemerkt. Cédric Fonteneau winkt sie aus seinem Bild. Der französische Fotofini sher hat Laptops und Videokamera auf einem Tisch am Straßenrand aufgebaut. Er hat schon bei Hunderten von Rennen gearbeitet, doch Eritreas Publikum bringt selbst ihn zum Staunen. Nur ein Vergleich fällt ihm ein: "Das ist wie bei der Tour de France".

Applaus eilt wie eine Woge den fünf Fahrern voraus, die sich vom Horizont nähern. Ihre Trikots leuchten in den Farben der Eritre er. Unter ihnen ist die hagere Gestalt mit der Nummer 3, Daniel. Cédric hat ihn als Ersten im Bild.

Tränen laufen über Daniels Wangen, als ihn seine Trainer umarmen. So viele Erwartungen hatten auf dem Schweiz-Rückkehrer gelastet, und jetzt hat er ausgerechnet in seiner Heimatprovinz eine Etappe gewonnen. Als er auf das Siegerpodest steigt, bewerfen ihn in festlichem Weiß gekleidete Hochländerinnen mit Popcorn und stecken ihm Geldscheine ins Trikot. Und seine Fans rufen "Little Halabay", kleiner Milchmann.

An der Ziellinie steht derweil jener Mann, der die Autorität über dieses Rennen hat: der Niederländer Erwin Kistemaker vom Internationalen Radsportverband. Er pfeift zum Start, er wacht über die Regeln. Und jetzt wartet er, lange. Mehr als 20 Fahrer fehlen noch. Zwei Sudanesen rollen als Letzte ins Ziel, mit einem Rückstand von einer Stunde und 46 Minuten. Eigentlich fliegt raus,wer 15 Prozent mehr als die Bestzeit benötigt. Aber Kistemaker und Fonteneau erhöhen das erlaubte Zeitlimit auf 20 Prozent: "Sonst haben wir übermorgen keine Teams mehr dabei."

2. Etappe: Mendefera-Dekemhare, 156 Kilometer

Das Gras leuchtet golden im Morgenlicht, Eukalyptushaine verströmen scharfen Duft. Zwei Esel versuchen, mit dem Rennen Schritt zu halten. Die Fahrer haben sich zu einer langen Schlange aufgereiht, die Sudanesen sitzen im Bus. Plötzlich ein Sturz im Peloton. Zwei Fahrer wälzen sich am Boden. Zerrissene Trikots, Schürfwunden. Zwei Marokkaner ziehen davon, fünf Eritreer setzen ihnen nach.

Ein Fuß tritt auf eine explodierende Landmine: So sieht die Warnung auf einem Schild am Eingang der Kleinstadt Adi Quala aus. "25 Kilometer bis zur äthiopischen Grenze", sagt Yonas. Zu jener Grenze, die 1993 der Stolz des jungen, hoffnungsvollen Staates Eritrea gewesen war. Und nur fünf Jahre später der Anlass für den verlustreichsten Krieg des Jahrtausend-Endes. Wegen eines eritreischen Dorfes namens Badme hatte sich ein Grenzkonflikt entzündet. 500 000 Soldaten standen sich gegenüber. Auch Yonas war darunter. "Schwierige Zeit. Traurige Erinnerungen", sagt er. "Viele Freunde sind gestorben." Innerhalb von zwei Jahren kamen 19 000 Eritreer um. Anders als beim ersten Krieg mit Äthiopien konnte das Land diesmal nicht gewinnen. Schließlich markierte eine internationale Schiedskommission einen Grenzverlauf, den Äthiopien bis heute nicht anerkannt hat. Nach einem Jahr an der Front kehrte Yonas nach Asmara zurück. Er begann wieder zu trainieren, 2001 gelang ihm ein Comeback auf dem Rad, drei Jahre später hörte er auf. Seither arbeitet er als Regional-Coach, manchmal auch als Nationaltrainer. "Sport ist gut. Sport ist sauber", sagt er, "keine Politik." Meint er das wirklich? Er lacht und bricht das Gespräch ab: "Nicht genug Englisch." Ich frage nicht weiter. Über Politik spreche ich weder mit ihm noch mit den anderen Fahrern.

Eritrea hat sich seit dem Grenzkrieg in eine der repressivsten Diktaturen der Erde verwandelt, und wie schnell meine Gegenwart Menschen in Schwierigkeiten bringen kann, musste ich bereits vor Beginn des Rennens erfahren. Weil es in Eritrea weder internationales Roaming noch SIM-Karten zu kaufen gibt, hatte ich mir privat eine Karte geliehen. Die drei, vier Anrufe, die aus Deutschland eingingen, fielen sofort auf: Noch am selben Abend wurde der Kartenbesitzer verhaftet. Erst nach zwei Tagen im Gefängnis und einer Geldstrafe kam er frei. Bespitzelung, willkürliche Verhaftungen und Hausdurchsuchungen sind Teil einer umfassenden Kontrolle geworden. Als nach dem Grenzkrieg kritische Stimmen am eritreischen Regime laut wurden, ließ Präsident Isayas kurz nach dem 11. September 2001 die gesamte freie Presse verbieten. Journalisten und Politiker verschwanden in Gefängnissen, in denen laut dem "Oslo Center for Peace and Human Rights" bis zu 30 000 Menschen aus politischen oder religiösen Gründen ohne Prozess inhaftiert sind. Einmal mehr war aus einem afrikanischen Befreiungskämpfer ein Diktator geworden, wie schon Mengistu in Äthiopien oder Mugabe in Simbabwe.

"Wenn du jung bist, sei geduldig", steht vor einer Schule in Adi Quala. In einer engen Kehre im Ortszentrum wenden die Radrennfahrer auf die andere Straßenseite und fahren nun zurück nach Norden. Das saudiarabische Team kommt uns als letztes entgegen. Am Straßenrand feuern 200 Soldaten die Teams an. Hinter ihnen stehen Baracken aus verrostetem Wellblech, ein Stück weiter sandfarbene Zelte, halb verdeckt von Heuhaufen. Einige Männer tragen Maschinengewehre, andere Besen. Es sind Männer des "National Service" beim Ernteeinsatz.

Auf ein sechsmonatiges Militärtraining folgt für alle Eritreer ein Arbeitsdienst, der ihnen irgendwo im Land zugewiesen wird: meist bei der Armee, der gemessen an der Bevölkerung größten weltweit, oder als Minenarbeiter, Straßenbauer, Lehrer. Es gibt kaum noch Arbeit, die nicht durch den National Service besetzt ist. Der Einheitsmonatslohn: 22 Euro. Ein Kilo Mehl kostet zwei Euro. Das Dienstende: offen; manche dienen schon 15 Jahre.

Auch Yonas Zekarias und fast die gesamte Nationalmannschaft sind im National Service. Nachwuchstalente wie Daniel werden erst später eingezogen. "Ausnahmen machen wir nicht", bekräftigt Sportminister General Ramadan Osman Awliyay. Immerhin sind Spitzenfahrer privilegiert: Sie können nach zwei Monaten Militärtraining ihren Dienst aussetzen oder in Teilzeit leisten, meist im begehrten Asmara. Sie bekommen 70 Euro Zusatzlohn. Es ist das Sportministerium, das in Absprache mit dem National Service über das Schicksal der Rennfahrer entscheidet: Wer bleibt Soldat, wer darf ins Büro. Wer kommt in die Stadt, wer muss in die Wüste.

Teamgeist vs. Darwinismus

Wir verfolgen die zweite Gruppe: acht Eritreer, zwei Marokkaner. Daniel fährt als Erster, kämpft gegen starken Wind. Niemand löst ihn ab. Er setzt sich ab, bleibt allein, fällt wieder zurück. Von der Spitze trennen ihn sechs Minuten. Immer unruhiger schaut er sich um nach seinen Teamkollegen. Als Letzter in der Verfolgergruppe fährt "Bin Laden". Meron Russom, 22 Jahre alt, abstehende Locken, verschmitztes Gesicht. Seine Spezialität: lange im Versteck bleiben, dann einen gefährlichen Angriff starten. Die Bin- Laden- Taktik. Yonas ruft ihm durch das Beifahrerfenster zu: "Bin Laden! Fahr vor, Daniel braucht dich!" Meron holt einige Radlängen auf, doch bald ist er wieder hinten. Es ist nicht sein Tag.

Trainer Radek Valenta will, dass die eritreische Mannschaft, wie es sich bei Straßenrennen gehört, als Team fährt: mit Wasserträgern, Angreifern, Sprintern. Gemeinsam unterstützen sie den besten Fahrer im Gelben Trikot. Er erringt den Sieg für alle, auch für seine Helfer. "Daniel kennt dieses Prinzip aus Europa", erklärt Yonas. "Aber hier ist jeder gewohnt, allein zu fahren und allein zu kämpfen."

Die Fahrer der Nationalmannschaft werden für jedes Rennen in mehreren Qualifikationsrunden neu ausgewählt, auch der Trainer wechselt. Der Präsident des eritreischen Radsportverbandes, früher ein Befreiungskämpfer, heute Polizeisprecher, erklärt: "So haben wir immer die Besten." Ein darwinistisches Prinzip, das Einzelkämpfer hervorbringt, aber keinen Teamgeist.

"Genug, ich breche das Rennen ab", eröffnet mir Daniel, kaum dass wir beide am Nachmittag das Hotel zu einem Spaziergang verlassen. Er klingt bitter. "Gestern habe ich alle mitgezogen, und heute hat mir keiner geholfen." Wir gehen die sauber gefegte Hauptstraße von Dekemhare entlang, die weiße Ziellinie ist noch da. Die Eritreer haben sie wieder als Erste erreicht. Daniel ist Sechster geworden, Rückstand 2:42 Min. In der Gesamtwertung rangiert er jetzt auf dem dritten Platz.

Wolken ziehen über den Bergen auf, der Wind zerrt an den Palmen. Uns fröstelt. "Kalt wie in der Schweiz", bemerkt Daniel und wechselt das Thema. "Allein in Europa ist hart", sagt er. Er hatte Heimweh, und er wärmte sich an den E-Mails von eritreischen Fans. Einer schrieb ihm: "Wenn du nicht bald nach Hause kommst, fahre ich nie wieder Rad." Jetzt ist er zurück, aber noch nicht angekommen. Er hat nur zweimal im Haus seiner Eltern geschlafen; und fürchtet, dass seine Teamkollegen neidisch auf seine Zeit in der Schweiz sind.

Aus dem Festsaal des Hotels schallen Musik und Pfiffe. Der ägyptische Trainer, kräftig und untersetzt wie ein Ringer, lässt die Hüften kreisen, schnippt mit den Fingern: Bauchtanz im Trainingsanzug. Seine Fahrer fallen ein, auch die Marokkaner und Sudanesen. Der libysche Konsul fordert den eritreischen Sportminister zum Tanz auf. "Großartig!", ruft der marokkanische Coach. So feiern die Verlierer, die Gewinner machen es sich schwer.

Coach Radek ruft die Eritreer zu einer Krisensitzung. In der Ecke eines halbdunklen Saales versinken die Fahrer in den Sofas. Daniel zwirbelt in seinen Locken, er schaut kaum auf. "Dies ist ein trauriger Tag", eröffnet der Trainer das Treffen. Bedächtig wählt er seine Worte, der tschechische Akzent macht sein Englisch schwerfällig. "Wenn Daniel geht, verlieren alle. Was können wir tun, um das Team zu retten?"

Der Trainer als Krisentherapeut. Er spricht jeden Einzelnen an: "Was denkst du, Meron?", "Wie geht es dir, Daniel?". Wie ungewohnt muss dieser demokratische Gesprächsstil, die Aufforderung, gemeinsam Probleme zu lösen, für diese Männer sein? Vorsichtig, als lägen ihnen die Worte merkwürdig auf der Zunge, versuchen sie, ihrem Coach zu antworten. Doch sie haben Zuhörer bekommen, drei Sportfunktionäre stehen hinter den Sofas. Sie übernehmen das Rede-Regiment, sprechen über Stolz, Heimat, Disziplin.

Die Fahrer werden unruhig. Schließlich gibt der Präsident des Radsportverbandes den Befehl: "Ihr müsst eurem Coach gehorchen." Teamgeist auf Anordnung.

Der Zustand der eritreischen Gesellschaft scheint sich in dieser Krisensitzung zu spiegeln. Die ehemaligen Befreiungskämpfer, die das Land nur noch mit militärischem Zwang zusammenhalten, werden yikealo genannt, die Allmächtigen. Die Angehörigen der Nachkriegsgeneration wie der Radrennfahrer Daniel sind warsay, Erben, Gefolgsleute. Doch inzwischen verweigern viele diese Gefolgschaft.

Eritrea hat die zweithöchsten Flüchtlingszahlen weltweit. Auch Radrennfahrer haben sich bei Wettkämpfen im Ausland abgesetzt, ebenso die letzten beiden Präsidenten des Radsportverbandes. Wer bleibt, zieht sich in sich selbst zurück. Trainer Radek versucht, den Gesprächsfaden noch einmal zusammenzuknüpfen. Die Fahrer aber antworten wie gehorsame Schüler. Ja, wir sind stolz auf das Erreichte. Ja, wir sind ein Team. Ja, sagt Daniel, ich fahre weiter.

3. Etappe: Dekemhare-Massawa, 151 Kilometer

40 Kilometer lang hält sich die Mannschaft an die Vereinbarung, Kraft zu sparen. Dann plötzlich setzen sich Daniel und Dawit Haile, der Vortagessieger, ab. Radek ist fassungslos: "Was für ein Dickschädel! Erst spricht Daniel von Teamarbeit, jetzt haut er ab."

Die Straße stürzt über steile Serpentinen in ein grandioses Panorama von terrassierten Kegelbergen; es ist der Weg nach Osten, hinunter ans Rote Meer. Für Augenblicke entdecken wir die beiden Fahrer einige Hänge unter uns. Rasend schnell sind sie außer Sicht. Radek gibt Gas, dann eine Haarnadelkurve, abruptes Bremsen, Reifenquietschen. Die Schwerkraft reißt unsere Körper in die Waagerechte. Es stinkt nach verbranntem Gummi. In der nächsten Kurve hängt ein Lastwagen mit einem Rad über dem Abgrund. Keine Leitplanken, nur Fels und Kakteen.

"Sie verstehen nicht, was Taktik ist!", klagt Radek. "Sie haben viel zu wenig Rennerfahrung." 2009 ist nur zweimal eine eritreische Mannschaft im Ausland angetreten. Und manchmal steht Radek, der das Leben eigentlich mit stoischem Gemüt nimmt, innerlich am Rande tiefer Enttäuschung. Er sieht, wie begabt die Jungen sind, was sie erreichen würden, wenn man sie ließe - und wenn man ihn ließe. "In einem Jahr könnten wir in Afrika ganz vorn mitfahren, in zwei Jahren gegen europäische Teams bestehen. Danach die Olympiade." Er schweigt eine Weile. "Du kannst das kostbarste Gut der Welt in deiner Hand halten. Wenn du nichts damit machst, ist es nichts wert."

Keiner der Funktionäre bittet Radek um Rat, im Sportministerium ist jede Einmischung von außen so unerwünscht wie im ganzen Land. Viele Botschaften haben geschlossen, nur noch wenige Hilfsorganisationen sind aktiv. Wenn Radek, der Fremde, durch die Flure des Ministeriums geht, katapultiert ihn die Atmosphäre zurück in sein früheres Leben: "Mein Herz macht klick, klick, klick, und das alte kommunistische Gefühl ist wieder da. Niemand trifft Entscheidungen und überall dieser Mangel."

15 Jahre fuhr Radek Valenta in der tschechischen Nationalmannschaft. 1987 hat er sich in den Westen abgesetzt. Nach 30 Kilometern holen wir Daniel und Dawit ein. Die Temperatur ist auf 30 Grad angestiegen. Doch die beiden wollen kein Wasser, sie sind im Rausch. Wie nah sind ihre Verfolger? Radek drückt die Stoppuhr,hält. Zwei Minuten später sind sie da. Ein trojanisches Pferd: Im Windschatten einer Gruppe Eritreer reisen drei Marokkaner mit.

Dann ein Notruf über das Walkie- Talkie: "Dawit hat Probleme." Als wir ihn erreichen, sitzt er zusammengesunken am Straßenrand. Er hat einen platten Reifen. Daniel ist nun allein, er hat die Wüste erreicht. Noch 50 Kilometer bis zum Meer. Um den Rückstand vom Vortag wettzumachen, reicht sein Vorsprung nicht. "Hört auf, für die anderen zu arbeiten", ruft Radek. "Wir wollen keine Marokkaner auf der Siegertreppe sehen!" Doch die Eritreer rasen hinter Daniel her und ziehen die Gegner mit. Anders als bei der Tour de France gibt es keine Funkverbindung zwischen Trainer und Fahrern. Und nur spärliche Informationen über Zeitabstände. Immer wieder nimmt Radek selbst die Zeit, 2 Minuten, 1:30 Min., der Abstand zu Daniel schmilzt, der Trainer wird wütender. Er schreit seine Fahrer an, zum ersten Mal: "Hört auf zu arbeiten!" "Warum?" fragt einer. "Weil das ein Befehl ist!"

Ein bunter Menschensaum taucht auf, wird dichter, verdeckt Baracken am Rand der Hafenstadt Massawa. Daniel erreicht das graue, matte Meer, noch 500 Meter bis zum Ziel, nur noch 35 Sekunden Vorsprung - zu wenig für das Gelbe Trikot. Radek bremst. "Ende. Ich gehe nirgendwo mehr hin." Dann sagt er gar nichts mehr, bleibt einfach im Auto sitzen.

4. Etappe: Massawa-Asmara, 115 Kilometer

Vor den Fahrern liegt der härteste Teil des Rennens. 50 Kilometer durch die Wüste - dann die Bergetappe bis Asmara: 65 Kilometer aufwärts, fast dreimal so lang wie der längste Anstieg bei der Tour de France. Die ausländischen Fahrer wissen, dass sie diese Herausforderung nicht bestehen werden. An diesem Tag fahren Eritreer gegen Eritreer. An diesem Tag wird sich das Rennen entscheiden.

Fünf Eritreer, ein Libyer und zwei Marokkaner ziehen sofort nach dem Startpfiff davon. Die drei besten aber warten ab und schonen ihre Kräfte, unter ihnen Daniel, der immer noch Dritter ist. Als ihre Gruppe die erste Steigung erreicht, sind sie zu zehnt und liegen 8:30 Min. hinter den Ausreißern zurück. Der Kampf beginnt. Mit jedem Kilometer verlieren sie einen Fahrer. Übrig bleiben schließlich Daniel und Amanuel Kibraad, der seit zwei Tagen das Gelbe Trikot trägt. Sie kleben aneinander, Serpentine um Serpentine, lassen auch die drei Ausländer aus der Vorhut hinter sich. Dann fällt Amanuel zurück, wird kleiner und kleiner, irgendwann ist er verschwunden.

Daniel verfolgt die eritreischen Ausreißer, er kann sie sehen, am Berg gegenüber, der letzten Steigung vor dem Ziel. Er hat das Rennen verloren. Hinter der Zielgeraden nimmt er den Helm ab, sein Gesicht ist leer und erschöpft. Radek gratuliert ihm, da zuckt Daniel mit den Schultern. "Ein beschissenes Rennen", sagt er. "Was für ein traumhaftes Rennen!"

Erwin Kistemaker, der niederländische Rennleiter, ist Daniel im Auto gefolgt. "Er war heute der beste Fahrer. Nur am Anfang hat er zu lange gewartet." Der neue Träger des Gelben Trikots heißt Bereket Yemane, ein Fahrer der Ausreißergruppe. Bei der Nationalmeisterschaft 2008 hatte der 22-Jährige noch gegen Daniel verloren. Diesmal hat er 2:09 Min. Vorsprung.

5. und letzte Etappe: Asmara- Kriterium, 140 Kilometer

Ein Polizist droht den Passanten, nur 50 Meter weiter steht der nächste, er schleudert seinen Stock Menschen hinterher, die über die Straße eilen, und trifft eine alte Frau. 100 000 Zuschauer drängen sich auf den Bürgersteigen, hocken auf Mauern, Dächern, Balkonen. Alle sieben Minuten rauscht das Peloton an ihnen vorbei: noch 39 Fahrer, dahinter die Begleitkarawane. Und doch ist etwas neu an diesem Bild - ein grünes und ein rotes Trikot liegen an der Spitze. Libyen und Marokko. Auf ebener Strecke bekommen die ewigen Zweiten endlich ihre Chance. An der Gesamtwertung ändert das nichts mehr. Die besten Eritreer bleiben im Mittelfeld, bewachen einander. Der Spitzenreiter Bereket und Daniel fahren gemeinsam durch das Ziel.

Jubelnde Fans tragen Daniel auf ihren Händen davon. Viele aus seiner Heimat sind da, alle 50 Busse der Provinz waren im Sondereinsatz. Daniel, der "kleine Milchmann", ist glücklich. Er ist endlich zu Hause angekommen, wenn auch als Zweiter.

Februar 2010 Manly Peninsula, Australien: Radek Valenta geht jeden Tag am Strand spazieren. Er hat Papiere geschrieben, wie es weitergehen könnte mit dem eritreischen Radsport. Vom Sportministerium hat er nichts mehr gehört.

Aigle, Schweiz: Daniel Teklehaymanot fährt für weitere sieben Monate beim Internationalen Radsportverband.

Asmara, Eritrea: Yonas Zekarias trainiert wieder das Regionalteam von Mendefera; die Fahrer der Tour of Eritrea sind in ihre Clubs zurückgekehrt. Im Übrigen hat das Land keine Fußballnationalmannschaft mehr. Nach einem Auswärtsspiel sind alle Spieler in Kenia geblieben.

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