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Reise-Experiment Reiseexperiment: Ausgerechnet Kopenhagen!


Nicht gerade billig, aber einen Versuch wert, dachte sich GEO.de-Redakteurin Judith Horchert. Denn für unschlagbare neun Euro bekam sie eine Fahrkarte in die dänische Hauptstadt - und stürzte sich ins Abenteuer

Ich solle das Geld nehmen und verschwinden, hat mein Chef gesagt. Das Land verlassen und mindestens zwei Tage nicht wiederkommen. 150 Euro hat er mir mit auf den Weg gegeben, in kleinen Scheinen, sieben Stück genau. Damit soll ich für ein Wochenende verreisen, irgendwohin in Europa.

Das war vor zwei Tagen. Jetzt liege ich in einer schmalen Koje, fast zwei Meter über dem Boden und nur wenige Zentimeter unter der Kabinendecke. Ich bin auf einem Schiff mit einer undurchsichtigen Vergangenheit. Die Wikipedia sagt, sein Verbleib sei unbekannt, aber ich habe es gefunden und für heute Nacht ist es mein Zuhause. Das Boot und ich liegen in Kopenhagen.

Acht Quadratmeter Glück. Neben dem Bett in meiner kleinen Kabine hängt ein graues Bordtelefon. Unter der 4 erreiche ich den Maschinisten, unter der 10 einen der Matrosen. Theoretisch. Die "Arctic Janus" ist zwar seetüchtig, aber seit dem letzten Sommer erreicht man unter der 10 allenfalls andere Gäste. Denn vorübergehend dient das Schiff als Frühstückspension. Durch das offene Bullauge weht der Frühlingswind, leise schwappen die Wellen an den Holzrumpf. Hier werde ich hervorragend schlafen.

Reise-Experiment: Momentan ist die "Arctic Janus" eine Frühstückspension und liegt im Stadtteil Christianshavn
Momentan ist die "Arctic Janus" eine Frühstückspension und liegt im Stadtteil Christianshavn
© Wolfgang Smolka

Ausgerechnet Kopenhagen! Für einen Billigtrip ist die Stadt denkbar ungeeignet, denn hier ist wirklich alles teuer: Essen, Trinken, Busfahren – selbst das Geld ist teuer, sobald man die mitgebrachten Euro gegen Gebühr zu Kronen macht.

Aber ich konnte einfach nicht widerstehen: Für nur neun Euro, plus drei Euro Gebühr, fuhr ein Reisebus ab Hamburg. Damit konnte kein Flug mithalten, ganz zu schweigen von der Bahn. Den Bus musste ich noch nicht einmal früh buchen; einfach hingehen, zahlen, losfahren. Fünf Stunden später stieg ich in Kopenhagen aus – ausgeruht und nur um einen Geldschein ärmer.

Die erste Nacht habe ich in einer Absteige im Bahnhofsviertel verbracht, mit Duschen auf dem Gang und Huren vor der Tür. Ein halbes Doppelzimmer dort hat mich knapp vierzig Euro gekostet, die nächsten beiden Scheine. Dafür hat mich die Lage überzeugt: Vesterbrø ist mittlerweile ein angesagter Kiez mit Multikulti-Küche und vielen Bars. Das Zentrum erreicht man zu Fuß in wenigen Minuten, so dass ich mir gleich am ersten Abend die Stadt ansehen konnte, die ich mir eigentlich nicht leisten kann. Das Zimmer war zwar nicht schön, aber zweckmäßig. Ich habe geschlafen und gefrühstückt und mehr auch nicht erwartet.

Reise-Experiment: Wer sich auf dem Turm der "Frelsers Kirke" auch noch die äußere Wendeltreppe hochtraut, wird mit einem grandiosen Blick über die Stadt belohnt
Wer sich auf dem Turm der "Frelsers Kirke" auch noch die äußere Wendeltreppe hochtraut, wird mit einem grandiosen Blick über die Stadt belohnt
© imago/imagebroker

Heute nächtige ich für acht Euro mehr, aber gefühlt zehnmal so schön. Dafür geht zwar der große 50-Euro-Schein drauf, aber das ist mir das gemütliche Holzschiff wert. Christianshavn ist nun für eine Nacht mein Heimathafen, von dem aus ich die Stadt erkunden kann.

Ich gehe zu Fuß los, preiswerter geht es nicht. Stilecht wäre wohl das Fahrrad, das bevorzugte Verkehrsmittel der Kopenhagener; für die Innenstadt gibt es Räder sogar kostenlos zu mieten. Viele Sehenswürdigkeiten erreicht man aber auch mit ausgedehnten Spaziergängen, und Gucken kostet schließlich nichts. Das gilt sowohl für die Kleine Meerjungfrau, die Frederikskirche und den Rathausplatz als auch für die Hippiestadt "Christiania". Hier könnte man zwar viel Geld für Marihuana lassen, aber man kann auch durchflanieren und die ausgefallenen Häuser bestaunen – kostenlos.

Damit ich aber auch die anderen Häuser der Stadt zumindest von weitem gesehen habe, gönne ich mir gleich um die Ecke einen Rundumblick über Kopenhagen. Für 25 Kronen (ca. 3,35 Euro) darf ich den Turm der barocken Frelsers Kirke besteigen. Von oben habe ich nicht nur einen sagenhaften Ausblick über die ganze Stadt – ein echtes Schnäppchen.

Satt werde ich davon allerdings nicht, und Einkehren ist in Kopenhagen teuer. Gegen den kleinen Hunger kaufe ich den dänische Snack schlechthin, ein Hotdog vom Straßenverkäufer. Gibt es übrigens auch in bio mit Vollkornbrot – zum Beispiel beim DØP vor dem Rundetårn (Runder Turm) in der Købmagergade.

Getränke für unterwegs bekomme ich am Kiosk, einen "Seven Eleven" zum Beispiel gibt es an fast jeder Straßenecke. Ein junger Amerikaner, der seit zehn Jahren in Kopenhagen lebt, erzählt mir: "Die Dänen trinken nicht immer in den teuren Kneipen. Bei schönem Wetter holen sie sich einfach was am Kiosk und setzen sich ans Wasser". In Nyhavn zum Beispiel, dem berühmten Hafen mit den bunten Häusern. "Auf der einen Seite reiht sich ein Touristencafé an das nächste", sagt Brent, "die Einheimischen aber sitzen gegenüber auf der Kaimauer und trinken ihr mitgebrachtes Bier."

So werde ich das auch machen, einfach draußen bleiben. Die Sonne scheint, und hier gibt es viele Parks. Ein Passant empfiehlt mir den Assistens Friedhof im Szene-Stadtteil Nørrebro, da träfen sich die jungen Kopenhagener gern. Tatsächlich: In der schönen Gartenanlage ist ganz schön was los. Unter der Erde liegen der Autor Hans Christian Andersen und der Philosoph Søren Kirkegaard, über der Erde liegen Studentencliquen und Familien in der Sonne. Ich lege mich dazu und fühle mich nach den zwei Tagen schon fast wie eine Einheimische. Eine, die auf dem Wasser wohnt, Hot Dogs isst und zwischen Gräbern den Frühling genießt. Selbstverständlich mit einem mitgebrachten Carlsberg.

Zwei Scheine kostet mich der Bus zurück nach Hamburg, 40 Euro. Das Experiment ist geglückt: Reise und Übernachtungen konnte ich locker mit 150 Euro bezahlen. Ein 10-Euro-Schein bleibt sogar übrig. Und weil ich mir hier davon nur wenig kaufen kann, nehme ich ihn wieder mit nach Hause. Mein Chef wird das Geld aber nicht wiedersehen - schließlich könnte ich damit glatt nochmal verreisen.

Reise-Experiment: In Nyhavn reiht sich ein Touristencafé an das nächste - aber Insider setzen sich lieber mit einem Bier auf die gegenüberliegende Mauer
In Nyhavn reiht sich ein Touristencafé an das nächste - aber Insider setzen sich lieber mit einem Bier auf die gegenüberliegende Mauer
© age fotostock/LOOK-foto

Die 150-Euro-Reise

Spartipps für Kopenhagen

Fahrrad mieten: Für die Innenstadt gibt es kostenlose Stadträder. Einfach eine 20-Kronen-Münze als Pfand einwerfen und losradeln: www.bycyklen.dk

Herum kommen: Eine Tageskarte für die Öffentlichen Verkehrsmittel kostet 70 DKK (ca. 9,39 Euro). Darin sind auch die Fahrten mit den "Boot-Bussen" enthalten. So lässt sich das Geld für eine touristische Bootsfahrt sparen.

Kopenhagen hören: Stadt einer teuren Rundfahrt oder einer geführten Tour kann man sich kostenlos von Einheimischen durch die Stadt führen lassen – auf dem eigenen MP3-Player. Einfach einen "Podwalk" herunterladen (englisch) und losspazieren.

Drüber stehen: Es gibt viele Möglichkeiten, die Stadt von oben zu sehen, denn begehbare Türme gibt es hier genug. Zum Beispiel: Vor Frelsers Kirke in Christianshavn. Schwindelfreie können den barocken Turm bis zur Spitze besteigen – zum Schluss über die markante Außentreppe. Täglich offen zwischen 11 und 16 Uhr, Sankt Annæ Gade.

Preiswert schlafen: Am besten in einer der vielen Bed & Breakfast-Pensionen ein Zimmer nehmen. Denn hier wohnt man häufig wie in einer WG mit Küche und kann selber kochen (zum Beispiel: Urban Bed and Breakfast; www.urban-bb.dk ). Oder einfach die Stadt hinter sich lassen und nur wenige Kilometer außerhalb im ländlichen Dänemark übernachten (zum Beispiel: www.cottagefarm.dk ). Ein besonderes Erlebnis ist die Übernachtung auf der Arctic Janus in Stockbetten mit Gemeinschaftsdusche. Kein Luxus, aber dafür rustikaler Seefahrercharme direkt am Wasser in Christianshavn: www.arctic-janus.com

Trinkeld sparen: In Dänemark ist Trinkgeld unüblich. Wenn der Service besonders gut war, kann man natürlich trotzdem etwas geben – es wird durchaus angenommen. Aber kein Kellner fühlt sich brüskiert, wenn exakt passend bezahlt wird.


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