Städtereise Städtereise: Los Angeles

Warum Deutsche in Kaliforniens Megacity viel über ihre eigene Geschichte lernen, wie Alligator-Bratwurst schmeckt, und wo Architekten aus Braunschweig für Brad Pitt bauen

Ansehen

Dass der Überwachungskoffer der Stasi, die FDJ-Wimpel und das Radio "Ilona" ihre letzte Ruhestätte beim Klassenfeind in L.A. finden würden, hätte die Genossen der DDR sicher schockiert. In einem Bürogebäude in CULVER CITY findet sich auch das komplette Mobiliar einer DDR-Amtsstube. Es ist Teil des WENDE MUSEUM, das mehr als 60 000 Objekte aus der Ära des Kalten Krieges versammelt, vom Gemälde bis zu Honeckers Notizen. Hier ist keine DDR-Disney-World entstanden, sondern eine wissenschaftlich anerkannte Forschungsstätte, in der deutsche Besucher viel über ihre Geschichte lernen können. Zusammengetragen und penibel katalogisiert von dem kalifornischen Historiker Justinian Jampol. Nur ein Teil der einmali gen Kollektion ist in den engen Räumen ausgestellt, der Großteil lagert im Keller, den man nach Anmeldung besichtigen kann. Wissenschaftler aus aller Welt recher chieren hier zur Alltagskultur Osteuropas vor und nach der Wende (Buckingham Parkway 5741, Suite E, Tel. 001-310- 216 16 00; www.wendemuseum.org; Fr 15 Uhr Führung durchs Lager, Mo–Do nach Anmeldung).

Städtereise: Los Angeles

Die Skyline von Los Angeles im US-Bundesstaat Kalifornien

Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls initiierte das Wende Museum das WALL PROJEKT in MID-WILSHIRE: In der Nacht zum 9. November 2009 wurden von Künstlern bemalte, nachgebildete Teile der Berliner Mauer quer über dem Wilshire Boulevard aufgebaut und wieder abgerissen. Für das Happening ließen die Künstler auch zehn Original-Segmente einfliegen, die früher hinter dem Berliner Springer-Hochhaus standen und heute als gut 12 Meter langer Wall gegenüber dem Los Angeles County Museum of Art, sozusagen im Vorgarten des Variety-Wolkenkratzers, aufragen. Er gilt als größtes zusammenhängendes Berliner Mauerstück außerhalb Europas (Variety Building, Miracle Mile, Wilshire Boulevard 5900).

Mit dem Mauer-Import holte Berlins Partnerstadt ein Stück deutsche Geschichte an Amerikas Westküste. Die Verbindung begann bereits vor hundert Jahren, als die ersten deutschen Filmschaffenden - etwa Ernst Lubitsch und Marlene Dietrich - dem Ruf Hollywoods folgten. Als Pionier gilt Carl Laemmle aus dem württembergischen Laupheim, der 1915 im stickigen SAN FERNANDO VALLEY mit einer riesigen Kulissenansammlung die UNIVERSAL STUDIOS eröffnete. Der Vergnügungspark gehört noch immer zu den Touristenattraktionen (Universal Center Drive 1000, www.universalstudios hollywood.com).

Auch die Intellektuellen, die während des Zweiten Weltkriegs aus Nazi-Deutschland emigrierten, hinterließen Spuren in den Vororten von L.A. Bertolt Brecht wohnte sechs Jahre lang in SANTA MONICA (26th Street 1063). Das Haus steht noch, ebenso Alfred Döblins Heim in HOLLYWOOD (North Citrus Avenue 1347). Heinrich Mann starb 1950 im kalifornischen Exil, er wurde auf dem WOODLAWN MEMORIAL CEMETERY in Santa Monica bestattet. Zwar ließ ihn die DDR später nach Ost- Berlin überführen, doch der schlichte Grabstein blieb stehen (14th Street 1847, Section 12). Heinrichs Bruder Thomas Mann lebte bis in die Fünfzigerjahre in PACIFIC PALISADES, einem schmucken Vorort auf dem Weg nach Malibu (San Remo Drive 1550). "Ein wahres Schloss am Meer" nannte Thomas Mann die VILLA AURORA hoch über dem Pazifik. Das Haus bot dem deutsch-jüdischen Autor Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta ab 1943 Zuflucht vor den Nazis, und hier trafen sich die deutschen Immigranten. Ende der Achtzigerjahre wurde das Haus zur Künstlerresidenz und einem Ort für deutsch-amerikanischen Kulturaustausch. Auch Partys werden hier gefeiert, gern für deutsche Oscar-Kandidaten. Interessierte können das Denkmal des deutschen Exils nach Absprache besuchen (Paseo Miramar 520, Tel. 001- 310-454 42 31, www.villa-aurora.org).

Ein bizarres Erlebnis ist ALPINE VILLAGE im recht heruntergekommenen Viertel TORRANCE: Die auf bayerisch getrimmten Gebäude des "Alpendorfs", das nicht etwa ein Themenpark ist, sondern eine 1968 von heimattreuen Einwanderern gegründete Siedlung, scheinen aus Nachkriegsdeutschland gepurzelt zu sein. Entsprechend verstaubt wirken die Auslagen der Läden: Nippes, Bücher und Kosmetik made in Germany. Der Supermarkt verkauft Importware sowie frische Wurst- und Backwaren, im "Alpine Inn" pflegt man mit Haxen, Bier und Blasmusik verkitschtes teutonisches Brauchtum. Ein Prosit der Gemütlichkeit unter Palmen (West Torrance Boulevard 833, www.alpinevillage.us/).

Bis heute zieht es deutsche Kreative nach Los Angeles. Nicht nur Schauspieler und Film produzenten lassen sich hier nieder, auch Architekten wie Lars Krückeberg und Wolfram Putz. Sie kennen einander seit Studienzeiten in Braunschweig, in L.A. gründeten sie mit Thomas Willemeit 1998 das Architekturbüro Graft. Bekannt wurden sie durch ihre Freundschaft zu Brad Pitt. Für ihn errichteten sie ein Atelierhaus in den Hügeln Hollywoods. Ihr organisch- futuristischer Stil passt offenbar perfekt zur Skater- und Snowborder-Kultmarke DC SHOES, deren Geschäft in BEVERLY HILLS von Graft gestaltet wurde. Die Schuhe, Klamotten und Accessoires werden unter der verschachtelten Holzdecke zur hübschen Nebensache (Melrose Avenue 8025, www.dcshoes.com).

Essen

Der deutschstämmige Hans Röckenwagner fusioniert seit mehr als 25 Jahren die Küche seiner alten mit der seiner neuen Heimat zu Köstlichkeiten wie dem "Pretzel Burger" (Amerikaner sagen zu Bretzen "Pretzels") mit karamellisierten Zwiebeln und Schweizer Käse. In seinem 3 SQUARE CAFÉ + BAKERY in VENICE ordern die Gäste auch Spätzle, Bratkartoffeln oder Weißwürste (Abbot Kinney 1121, www.rockenwagner.com).

Im trendigen HISTORIC ARTS DISTRICT in DOWNTOWN gibt es traditionelle deutsche Bratwurst. Den Gästen der WURSTKÜCHE haben es aber vor allem die exotischen Varianten angetan: Würste aus Schlangen- oder Alligatorfleisch, Enten- oder Büffelbratwurst und Kreationen wie "Mango Jalapeño" oder "Filipino Marharlika" - alle in weichen Brötchen serviert, dazu verschiedene Senfsorten und das obligatorische Sauerkraut als Beilage. Keine Bratwurst ohne Bier: Allein 24 Sorten vom Fass werden hier ausgeschenkt (East 3rd Street 800, www.wurstkucherestaurant.com).

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