Landpartie durch Rheinhessen

Generation Riesling: Eine bäuerliche Weinbauregion hat sich wiedergefunden, modernisiert - und öffnet unserer Autorin Brigitte Scherer Hof und Herzen

Blutwurst und Champagner? Riesling und Rockmusik? Kuhkapellen und Winzerkrimis? Im Rheinbogen zwischen Bingen, Mainz und Worms ist alles möglich. Die Region der Reben und der Rüben ist ein Stück Deutschland zum Staunen: das dynamischste Weinbaugebiet, die besten Weißweine – und dazu Mangold mit weißen Trüffeln und brauner Butter. Wie sie das Weinrestaurant "Espenhof" in Flonheim serviert in seinem romantischen Innenhof, wo vor Natursteinmauern rosa Oleander schäumt – und alle städtischen Träume vom Landleben werden wahr.

Was ist nur in das spröde Rheinhessen gefahren? Ganz einfach: Die junge "Generation Riesling" hat sich in Neuseeland, Australien und Südafrika umgesehen und brachte ein frisches Lebensgefühl mit zurück. Die Gesteins- und Bodenschichten, die sich in Millionen Jahren über- und ineinander schoben, aufrissen und abbrachen, bilden das variantenreiche Land für den ebenso vielfältigen Wein.

Von ganz unten stieg das "Rotliegende" hoch, roter Sandstein, der jetzt wie der Rand einer Torte die Abbruchkante des Hochplateaus oberhalb von Nierstein bildet, eine der berühmtesten Rieslinglagen der Welt. Und das Beste dabei: Als Gast fühlt man sich hochwillkommen, ja geradezu hofiert. Das war nicht immer so. Einladende Wirtshäuser und lauschige Landhotels wie in der Pfalz waren schwer zu finden. Gastronomie, Hotellerie, überhaupt Touristen hatte die größte und älteste Weinbauregion Deutschlands nicht nötig. Und in den Jahrhunderten, in denen so viele Armeen über das Land hinwegzogen, hatte man gelernt, die großbürgerliche Behaglichkeit hinter abgeschlossenen Gehöften aus Feldstein zu verstecken.

Landpartie durch Rheinhessen

Viel Landschaft, viel Wein - und mittendrin das malerische Nierstein, das sich selbst "RieslingCity" nennt

Jetzt aber stehen immer mehr Türen offen, in den schönen Innenhöfen, unter Feigen- und Maulbeerbäumen sind Tische und Sonnenschirme aufgestellt. Straußwirtschaften machen auf, es entstehen Landhotels mit Anspruch. Ehrgeizige Winzer gesellen neuen Spitzenweinen gastronomische Glanzpunkte hinzu. Auf diesem Gebiet ist der "Espenhof" von Heike Espenschied ein Pionier. Mit Produkten aus der Region, Steckrüben, Flusskrebsen

und Käse vom Ziegenhof arbeitet das begabte junge Küchenteam auf kulinarische Highlights hin. Für den Pot au feu vom Reh sind "heimische Jäger" zuständig. Rehe in den Reben? Sie leben in den kleinen Wäldchen, und man wundert sich, wie geschickt sie in den Drahtverhauen der Rebengassen in hohem Tempo ihren Weg finden, ohne je einmal hängenzubleiben.

Dabei ist Flonheim nicht das einzige Dorf, das auf ein ländlich- elegantes Gesamtkunstwerk stolz sein kann. In Schwabenheim hat die Winzerfamilie Immerheiser, vom Toskana- Urlaub angeregt, ein ganzes Ensemble historischer Häuser um ihr Weingut herum gekauft und stilsicher restauriert: mit Bruchsteinwänden, alten Dielen und, wenn nötig, antiken Cottoböden aus Italien. Heute sitzt man im ehemaligen Pfarrhof von 1569 an blankgescheuerten Holztischen und bestellt zum Schoppen auch schon mal ein Mainzer Handkässüppchen mit Blutwursteinlage. Ein Renner, versichert der Wirt. Im "Alten Weinkeller" nebenan könne man jetzt sogar "Brennessel-Ravioli mit Wachtelbrüstchen" essen. Rheinhessen wird stadtfein. Trotz gastronomischer Leuchttürme ist Rheinhessen kein deutsches Piemont mit Spitzenlokalen in allen Tälern. Sondern ganz einfach eine bäuerliche, unverfälschte Weinbauregion. Das hat seine guten Seiten. Familienanschluss wird ernst genommen. Und wenn im Ort kein Lokal offen hat, stellt sich eben die Oma für die Gäste in der Ferienwohnung in die Küche, und der Winzer setzt sich abends zur Unterhaltung mit an den Tisch.

Große Gesten leistet sich nur die Landschaft. Von der Landskron, der Reichsburgruine über Oppenheim, sieht man weit im Rund. Nach Süden, den Rhein entlang, wo das Drama der Nibelungen spielte. Im Osten der Odenwald. Im Norden, vor den Taunusbergen, die Bankentürme von Frankfurt. Überall Weite und Ebenmaß, kein Ort, kein Berg, kein Schloss spielt die Rolle des Stars. Beim Spazierengehen trifft man Feldhasen und manchmal einen Fuchs oder einen Rüttelfalken. Ein Stückchen Toskana in Deutschland, sagen jene, die diese Landschaft lieben.

Auf halber Höhe bei Ingelheim, vor kalten Winden geschützt, blühen Sauerkirschplantagen. Oberhalb der Steilhänge mit den Reben die Äcker. Früher Weizen, Dinkel, Zuckerrüben. Heute leuchten dort Sonnenblumen und Raps in strahlendem Gelb. In sanften Hügeln rollt die Landschaft zum Rhein, wie mit einem überdimensionalen Kamm sind die Rebenhänge zu geometrischen Figuren gestriegelt. Die Dörfer ducken sich in Senken. Eines davon ist Essenheim, wo Andreas Wagner mit seinem Bruder Ulrich ein Weingut betreibt. Ein junger Akademiker, in Geschichte promoviert – und Krimiautor. Das Weingut ist ein Schmuckkästchen. Sorgsam restaurierte Bruchsteinmauern, freigelegtes Fachwerk. Im romantischen Ambiente von Hof und Scheune gibt’s von Shakespeare-Theater bis Autorenlesung mit Weinprobe alles. Hier will er leben, sagt Andreas Wagner. Denn hier ist alles "jung und gut". Schöner kann man seine Heimat nicht beschreiben.

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