Rom Rom: Abschied von Gestern

Sie pfeifen auf die Ewigkeit: Die Römer experimentieren im künstlerischen Unterholz ihrer Stadt und nutzen jede kleine Lücke, die ihnen die antike Pracht lässt. In den Vierteln am Rande des historischen Kerns wächst das moderne Rom heran
In diesem Artikel
Das trendigste Viertel der Stadt
Kunst aus unterirdischen Labors

Das trendigste Viertel der Stadt

Angst vor Nähe hat hier niemand. Jungs mit Feinripp-Unterhemden und Pepita- Hütchen schmiegen sich an Mädchen mit Bob-Frisur und dickem Lidstrich, während Sophia Loren ihren "Mambo Bacan" säuselt, pfeift und manchmal schreit. Pärchen, die Sophias Enkel sein könnten, machen das "Fanfulla 101" in Roms neuem Bohème-Quartier Pigneto zu einer der In-Adressen der Stadt.

In der zum Kulturclub umgebauten Ex-Garage legt heute DJ "Mr. Twist" auf, italienische Schlager aus den fünfziger und sechziger Jahren. Weit nach zwei Uhr – und damit der Sperrstunde – gibt es nicht einmal Raum für einen Hauch von Distanz, doch die ist hier ohnehin nicht erwünscht. Die Stimmung in der mit schwarzen Tüchern abgehängten Halle ist fast familiär. "Wie dieser Club entstanden ist", erzählt Carolina Cutolo, „sagt viel über den Werdegang unseres Viertels.“ Die Schriftstellerin, eine knabenhafte, hellwache Mittdreißigerin, kennt das Quartier bis in den letzten Hinterhof.

Rom: Abschied von Gestern

Im Szeneviertel Pigneto schafft sich die Jugend ein modernes und buntes Rom. Ein wenig neapolitanische Altstadt, ein bisschen Prenzlauer Berg

Vor neun Jahren ist die studierte Soziologin geflohen aus dem gutbürgerlichen Zuhause mitten in Roms vom Tourismus manchmal wie gelähmtem centro storico, hinein in diese krause Ansammlung niedriger Arbeiterhäuschen, bougainvilleenumrankter Kleinbürger- Villen und nüchterner Wohnblocks namens Pigneto. Hier lotet sie als Bloggerin das Intimleben ihrer Generation aus – eine Mischung aus Briefkastentante für verzweifelt Liebende und Charlotte-Roche-ähnlicher Expertin für Feuchtgebiete. "Pornoromantica", ihr erstes Buch, entwickelte sich daraus und stürmte 2007 die Bestsellerlisten des Landes. "Ohne die vielen bizarren und saukomischen Begegnungen hier im Viertel", sagt sie, "wäre das alles nicht entstanden."

Als Carolina ihre Autorenlaufbahn begann, war Pigneto noch eine verschlafene Vorstadt. So tot, dass die späteren Gründer des "Fanfulla 101" ihre Partys zu Hause feiern mussten. Irgendwann reichte es den lärmgeplagten Nachbarn, und die Freunde machten eine stillgelegte Autowerkstatt zu ihrer Tanzhalle, in der nun auch Filme, Experimentaltheater und Live- Konzerte zum Programm gehören. Das schräge, von Ausfallstraßen eingequetschte Quartier beidseits der Via del Pigneto hat sich in das trendigste Viertel von Rom verwandelt. Noch vor Monti, dem einstigen Handwerkerbezirk hinter den Fori Imperiali, wo heute rund um die Piazza della Madonna dei Monti die avantgardistische Mode- und Designer-Szene der Stadt blüht. Und sogar noch gefragter als San Lorenzo oder Garbatella, auch dies lange vergessene und von einer jungen Künstler- und Kreativen-Kolonie jäh wachgeküsste Kleine-Leute-Viertel jenseits der Bannmeile um Roms weltberühmte Monumente aus Antike bis Barock.

Es bewegt sich etwas in der zweieinhalb Jahrtausende alten Mutter aller Städte. "Rom scheint im neuen Millennium angekommen zu sein", lobt Carlotta Mismetti Capua, die Kulturkritikerin der römischen Tageszeitung "La Repubblica". Warum la città eterna so lange Probleme hatte mit der Moderne, liegt für sie auf der Hand: "Rom tut sich schwer damit, dich zu überraschen: Alles Neue muss sich ja gegenüber Berninis Kolonnaden oder dem Kolosseum behaupten."

Eine ganze Stadt als Museum für die Ewigkeit – das, befand die herrschende Kulturpolitik lange Zeit, habe gefälligst zu genügen. Erst die linksliberalen Lokal- und Provinz-Regenten der vergangenen 15 Jahre förderten moderne Kunst und Architektur mit Millionen. Besonders während der Amtszeit von Walter Veltroni, dem Vorgänger des seit Mitte 2008 amtierenden Bürgermeisters rechter Couleur, Gianni Alemanno, war am Tiber das Who’s Who internationaler Star-Architekten aktiv: Richard Meier erschuf die schneeweiß-strenge Umbauung des Ara-Pacis-Friedensaltars von Kaiser Augustus, Renzo Piano das neue Auditorium Parco della Musica mit seinen Muscheldächern, und Zaha Hadid verwandelte eine alte Kaserne in das avantgardistische Nationalmuseum für die Künste des 21. Jahrhunderts, kurz MAXXI, dessen Eröffnung ständig verschoben wird.

Plötzlich hatte aktuelle Kunst eine Lobby in der Stadt Caravaggios. Der Palazzo delle Esposizioni, Roms Ausstellungspalast für zeitgenössische Kunst, wurde total überholt und mit einem futuristisch-gläsernen Spitzenrestaurant gekrönt, wo Feinschmecker neue Ausblicke auf die Stadt genießen. Alda Fendi aus der römischen Modedynastie ließ für ihre Kulturstiftung gar Teile der antiken Basilika Ulpia am Trajansmarkt zur raffinierten Veranstaltungsbühne für Künstler, Film- und Theaterleute umwandeln. Draußen aber, in den einstigen Randvierteln San Lorenzo, Garbatella oder Pigneto, hat sich parallel zur gesponserten Hochkultur der Innenstadt eine Art "künstlerisches Unterholz" entwickelt, wie es der Maler Claudio Evangelista nennt: Alternative Galerien zieren zuvor unauffällige Nachbarschaften; vor allem die centri sociali, selbstverwaltete Kulturzentren in einst besetzten Fabriken oder ehemaligen Kinos, wirken wie Katalysatoren für neue Kunst, Literatur und Musik.

Kunst aus unterirdischen Labors

Der 30-jährige Evangelista, der seinen Unterhalt als Sonderschullehrer verdient, hat im Frühjahr mit Gleichgesinnten in einer ehemaligen Glasfabrik in Garbatella die "Laboratori Sotterranei" ("Unterirdische Laboratorien") eröffnet, wo zu Action Painting mit DJs und Videoinstallationen eingeladen wird. "Lange haben wir uns hier nach Berlin gesehnt, dieser unfertigen Weltmetropole, die an jeder Ecke zu schreien scheint: ‚Mach was aus mir!‘", sagt Evangelista und rumort mit seinen Farbtöpfen, "während Rom in seiner bleiernen Monumentalität ständig zu zetern schien: ‚Rühr mich nicht an!‘ Das hat uns viel zu lange blockiert."

Rom: Abschied von Gestern

Rom sättigt die Sinne. Allerdings sind die Drinks in der wiederbelebten Barlegende "Necci dal 1924" heute fast so teuer wie am Pantheon

Dass neuerdings rings um Roms Zentrum neue Kreativität sprießt, "ist wohl der speziellen Mischung aus Dolce Vita und Bronx zu verdanken", beschreibt Autorin Carolina Cutolo die Atmosphäre ihres Wahlviertels Pigneto. Für Leute wie sie oder den Dokumentarfilmer Emanuele Svezia war der Umzug dorthin eine unumgängliche Entscheidung, "wenn man sich auf eigene Beine stellen wollte, eine anständige Wohnung zu bezahlbarer Miete suchte und ein Klima noch unversehrter Nachbarschaft". Für ein Treffen mit Freunden gab es nicht viel mehr als das "Vini e olii", eine etwas heruntergekommene Kneipe mit Wein vom Fass an der spärlich beleuchteten Via del Pigneto, wo Carolina Gitarre spielte und eigene Lieder sang und Emanuele, ein rundlicher Mittdreißiger, über seinen Scripts brütete, während der stets alkoholisierte Quartiersphilosoph lauthals über das Leben sinnierte.

Pigneto war einst eine Vorstadt für Eisen- und Straßenbahner. Pier Paolo Pasolini drehte 1961 rund um die Nachbarschaftsbar "Necci dal 1924" seinen berühmten Film "Accattone"; Protagonisten waren die auf dem sozialen Abstellgleis verrohenden ragazzi di vita. Die Jungen zogen auf der Suche nach Arbeit fort, und an ihre Stelle rückten Immigranten aus Afrika, Indien oder Bangladesch, die sich mit den Alten arrangierten – so gut, dass Pigneto heute als das Vorzeigeviertel für multiethnisches Zusammenleben gilt. Die Wende kam 2006. Unter der linksliberalen Regierung von Romano Prodi gab es erstmals Fördermittel für benachteiligte Stadtbezirke – unvorstellbar in heutigen Zeiten, fürchten Carolina und Emanuele, wo Italien von einem selbstherrlichen TV-Tycoon und Rom von einem einst bekennenden Faschisten regiert wird. Schon versiegen die Subventionen für alles, was nach Kultur riecht – also nach Kritik.

Und doch machen neben verfallenen Hinterhöfen im Monatsrhythmus Designerläden und literarische enoteche auf, wo zu Literatur exzellente Weine kredenzt werden. Der alte "Vini-e-olii"-Wirt hat längst profitabel an einen Innenstadtgastronomen verkauft, der dort eine weitere Szenebar eröffnen will; unter dem römischen Aquädukt in der Via Nuoro hat Roms schrillste Galerie, "Dorothy Circus", Einzug gehalten; im "Circolo degli

artisti" an der Via Casilina Vecchia treten häufig Independent-Bands auf, noch bevor sie international Furore machen.

Grafiker, Architekten, Kreative sind erst mit ihren Büros, dann mit ihren Familien hergezogen. Bunt und lebendig ist Pigneto geworden, ein wenig neapolitanische Altstadt, ein bisschen Prenzlauer Berg. Wie eine ferne Erinnerung an Pasolinis Zeiten zieht hier der Duft von hausgemachtem Tomatensugo aus der Küche der betagten Nachbarin in den Vernissagen-Hinterhof der Schmuckdesigner Iosselliani. Allerdings sind auch die Spekulanten schon da. Entlang der Isola pedonale del Pigneto, der zur Flaniermeile aufgehübschten Fußgängerzone, beginnen erste Edelsanierungen, eröffnen Trendrestaurants wie das "Primo", wo römische Starregisseure mit ihrer Entourage zu Preisen essen, wie man sie sonst an der Piazza Navona zahlt. Die Drinks in der wiederbelebten Bar- Legende "Necci dal 1924" sind heute fast so teuer wie am Pantheon. Längst haben auch die Miet- und Immobilienpreise angezogen; und selbst die Wirte der alteingesessenen Trattorien haben die einst gigantischen Portionen ihrer Gnocchi mit Schweinsrippchen ein bisschen schrumpfen lassen.

Carolina und Emanuele freuen sich über den Boom – und sind doch alarmiert. Die movida angeheiterter Nachtschwärmer könnte den Anwohnern schon bald so zu schaffen machen wie in Trastevere oder in San Lorenzo, wo Mütter und Kinder vor Kurzem aus Protest gegen die Flaschenpartys grölender Studenten nachts ihre zentrale Piazza dell’Immacolata besetzten.

"Schade, dass sich solche Tendenzen wiederholen. Unsere Viertel sollten voneinander lernen und Fehler vermeiden", sinniert Emanuele. Carolina will ihr zweites Buch den Menschen von Pigneto widmen. Und Emanuele arbeitet an einem Film, der die Metamorphose seines Quartiers dokumentieren soll. "Ich muss mich beeilen“, sagt er, „der Wandel schreitet so rasend schnell voran, dass ich manchmal fürchte, ich komme zu spät."

GEO SAISON Nr. 10/2009 - Metropolen
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