Wandern West Highland Way: Stop and Go

Eine Woche lang wandert Harriet Wolff auf dem schottischen West Highland Way schroffe Berge rauf und runter, durch liebliche Lowlands und steht am Ende vor einem Rätsel

Nach einer Stunde knickt Paul ein. Ich schleudere ihn den bemoosten Hang hinab und halte mich an Emil. Laut klappernd ziehe ich ihn den dunklen Weg durch Fichtenwald hinter mir her, spreche mit ihm, und einmal laufe ich sogar ein Stück zurück, weil ich ihn bei einer Rast vergessen habe. Ohne die krummen Stöcke, die ich aus dem Unterholz gefischt und getauft habe, würde ich mich ziemlich einsam fühlen als Neuzugang auf dem West Highland Way. Am Hochufer des Loch Lomond, zwischen Rowardennan und Inversnaid, kann es erschreckend still sein. Ich werde noch fast eine Woche und mehr als 100 Kilometer zu Fuß unterwegs sein und den berühmtesten aller schottischen Fernwanderwege Richtung Norden nach Fort William meist allein gehen. Gehen. Nicht pilgern. Gewandert bin ich schon immer gern, aber nie länger als eine Tagestour. Und nachdem am Morgen zuvor noch betreutes Wandern mit einer Rangerin angesagt war, bin ich jetzt wirklich allein in der Natur. Es riecht nach Pilzen, und fast trete ich auf einen winzigen Frosch. Mitten auf dem Forstweg hat er sich versteckt, staunend umrunde ich ihn, den feuchten Freund im Military- Look. Genau an dieser Stelle verschwindet meine Einsamkeit. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr ausgesetzt, nicht mehr fremd auf weiter Flur. Ich habe einen Lauf, vertraue meinen Schritten, hügelauf, hügelab. Jetzt gehe ich wirklich. Und auch ohne den übriggebliebenen Emil, den ich kurzerhand in den Wald schubse. Ein Blick nach oben auf die nackten Gipfel zeigt mir, wie schnell die lieblichen Lowlands, wie schnell sattgrünes Wiesenund Weideland in karges Hochland übergehen. Nur ein paar hundert Höhenmeter weiter wächst kein Baum mehr, gedeihen nur noch Heidekraut und Flechten. Der West Highland Way führt mich von Meereshöhe auf bis zu 550 Meter. Hier unten strecken sich Glockenblumen der Sonne entgegen. Die zeigt sich überhaupt viel öfter, als mir prophezeit wurde. Und an diesem Tag ist sie mir, im Wortsinn, wohlgesonnen.

West Highland Way: Stop and Go

Wasser ist in Schottland allgegenwärtig - in Form von Flüssen, Seen, Moor oder Regen

Eine Landschaft wie ein Buch

Immer noch geht es entlang Loch Lomond, dem größten schottischen Süßwassersee, klar wie Gin. Wie ein Buch sollte ich ihn lesen, hatte mir Tom, der Fischer aus Balmaha, geraten: "Blättere eine Seite um, biege um eine Ecke - und schon bist du in einer neuen Geschichte." Stimmt, eben noch versperrt eine umgestürzte Riesenlärche den Ziehweg durch düsteren Forst, nun schlängelt sich ein Pfad durch lichten Zauberwald aus jungen Birken und Weiden. Grüngraue Flechten klettern an Stämmen hoch und die Wiesen sind mit Farnen übersät. Tautropfen glitzern auf Gräsern. Plötzlich höre ich Schritte hinter mir. Ich zucke zusammen, so versunken bin ich in meinen Lauf. "Servus", bellt eine bayerische Frauenstimme, "bist' auch unterwegs?" Rosi aus Augsburg - in Dirndl und Haferlschuhen - hat mich, noch bevor ich den Mund aufmache, als Deutsche identifiziert, beklagt sich kurz über ihre nassen Füße und saust auch schon wieder davon. Ich werde auf dieser Tour noch merken, dass das Alleinwandern tiefergehende Gespräche mit anderen Wandersleuten nicht eben fördert: Gehtempo und Stimmung sind meist zu verschieden. Es bleibt bei freundlichen Telegramm-Begegnungen.

Am moosigen Wegesrand türmt sich herausgerissener Rhododendron - eine "invasive Art". Das weiß ich, weil Sara mir das erklärt hat, die Rangerin des Loch-Lomond-Trossachs-Nationalparks, durch den ich gerade gehe. Wo die Büsche sich ausbreiten, verkümmern andere Pflanzen in ihrem dichten Bodenschatten. So schlimm ist die Plage, dass sich die Ranger zum bashing, also Kahlschlag, verabreden, mit anschließendem Umtrunk. Friedfertiger sind da wohl Feste zu Ehren der Sichtung eines roten Eichhörnchens. Taucht ein solches im unteren Teil des West Highland Ways auf und wird fotografiert, so steigt die "Red Squirrel Party". Sara ist eigentlich Deutsche und findet die Feierkultur ihrer Kollegen "abgefahren". Der West Highland Way hält einige solcher Lektionen über die Natur der Schotten und Schottlands bereit. Wahrscheinlich lerne ich gleich zu Anfang die wichtigste, als Sara und ich vom kleinen Ort Balmaha aufbrechen. Es schüttet. Sara, Anfang 30, kräftig und rotbackig, holt mich durchnässt ab, eine Stunde ist sie schon geradelt. Ihre Ausrüstung trieft, aber: "Los geht's!". Der Besitzer des rustikalen "Oak Tree Inn" schickt uns noch ein fröhliches "Enjoy the rest of the rain!" hinterher.

Die Viehtreiber, die um 1800 und früher die Route abliefen, zauderten sicher auch nicht lang bei Wind und Wetter. Ihr Ziel: Das Vieh von den Weiden der Highlands zu den Märkten im schottischen Süden zu bringen. Nicht nur auf den Wegen der Viehtreiber geht man heute, sondern auch auf holprigen ehemaligen Militärstraßen. Gebaut von den Engländern im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Schottenaufstände. Während Sara und ich über grünbraune Farnhügel, über Wurzeln und durch Eichenlaub ziehen, zeigt sie mir besonders nützliche Pflanzen. Da ist zum Beispiel das Sphagnum-Moos, das Wunden desinfiziert, oder das Frauenhaarmoos, aus dem früher die Bauern Seile drehten. Und dann geht Sara zu ihrem schottischen Lieblingsbaum, der Sessile Oak, bei uns Traubeneiche genannt. "Über 200 Insektenarten tummeln sich bei ihr", erzählt sie, und ihre Augen glänzen. "Für mich ist sie der Urbaum." Eine komplette Urlandschaft ist der Wald zwischen Bridge of Orchy und Inveroran - den ich nur kennenlerne, weil ich nach drei Tagen einen derartigen Muskelkater habe, dass ich dringend pausieren muss. 25 Kilometer war ich tags zuvor unterwegs. Jetzt setzt mich ein ganz untypisch unfreundlicher Busfahrer fluchend auf freier Strecke aus. Aber genau da will ich hin, auf kürzestem Weg ins einsam in einer weiten Ebene gelegene "Inveroran Hotel". Der Weg dorthin führt durch einen hellen Wald aus schottischen Kiefern, stattlich und ausladend. Sie sind Teil des heute raren Caledonian Forest, der sich am Ende der letzten Eiszeit entwickelte und damals das ganze Land überzog.

Die Römer nannten Schottland "Caledonia", abgeleitet von dem frühen keltischen Wort caleto, das "hart" und "stark" bedeutet. Als ich mich dem Hotel nähere, das wie ein Puppenhaus in der jetzt dämmrigen Gemäldelandschaft liegt, höre ich es von den Hängen röhren. Hirsche in der Brunft - ich war vorgewarnt worden, jetzt sehe ich einige von ihnen im Feld, wie auf Stöckelschuhen staksend. Am selben Abend noch findet in meiner Unterkunft ein Roaring-Wettbewerb der Einheimischen statt, die unter Zuhilfenahme von Bier den besten Nachahmer ermitteln. Aus meiner Seelenruhe können mich aber mittlerweile nur Autos reißen - wenn der West Highland Way, was selten passiert, die Nationalstraße kreuzt. Am nächsten Tag geht es quer durch das Rannoch Moor, das durchzogen ist von Lochs und Lochans, größeren und kleineren Seen. Sogar wilde Orchideenarten gedeihen hier. An weniger feuchten Stellen wächst Heidekraut, im Sommer tiefviolett. Und auch hier röhrt wieder der Hirsch. Ein älterer Herr tippt mir auf die Schulter, bittet um ein Foto von sich. Erst als ich durch den Sucher gucke, sehe ich, dass sich ein doppelter Regenbogen über das Moor spannt. Dazu die Knickerbocker von Gordon, wie er sich mir vorstellt, und knallrot-karierte Kniestrümpfe: Monty Python hätten es nicht besser hinbekommen.

Ich laufe weiter; gegen das milde und zugleich alles flutende Sonnenlicht zeigen sich tiefe Furchen, die tausende von Bächen durch die Bergmassive getrieben haben. In der karg möblierten Landschaft der Highlands werden auch die Gedankengänge angenehm karg. Ich errieche mir die Landschaft, ich gucke sie mir aus, ich spüre ihren Untergrund, ihre Beschaffenheit. Der West Highland Way lässt jeden in Frieden, der es zulässt. Manchmal ist er dramatisch, aber nie pathetisch, nie eintönig. Und irgendwann an diesem Tag im Rannoch Moor habe ich das Gefühl, als gingen meine Beine während des Wanderns als Wurzeln in die Erde ein, als würde ich gleichzeitig an diesem magischen Ort bleiben - und weiterziehen. Weiterziehen bis zum ehrwürdigen "Kings House Hotel" im Glen Coe, wo Keeley, die schwarzhaarige Bernhardinerhündin, quer vor dem Eingang liegt. Patronin ist Kitty, onduliertes Haar, schwarzes Twinset mit weißem Kragen und weißen Manschetten. Sehr zurückhaltend ist sie, fast schüchtern, aber geradeheraus und stets hilfsbereit. Zum Frühstück im plüschigen dining room serviert sie mir außer einer Riesenforelle aus dem River Etive noch eine Bandage. Sie habe von der Rezeption gehört, ich hätte da wohl gerade ein leichtes Knieproblem. Die Bandage stammt aus dem legendären Trockenraum des Hotels, in dem, laut Kitty, "so einiges liegenbleibt". Auch die anderen Räume des Hauses haben ihre Reize: Ob die holzgetäfelte "Climber's Bar" direkt am Wasser oder die Lounge mit Kaminfeuer, cremefarbenen Zweisitzern und Panoramablick auf Berg und Tal. Das weitläufig leere Glen Coe und seine wuchtige Berggruppe, das Buachaille Etive Moor, erinnern an ein altes Landschaftsgemälde. Von meinem gemütlich einfachen Zimmer im Parterre sehe ich den über tausend Meter hohen Stob Dearg und komme mir vor wie im Zelt, so nah bin ich der Natur. Als ich für ein Nickerchen die Vorhänge zuziehe, starrt mir tatsächlich ein ausgewachsener Hirsch entgegen. Abends genehmige ich mir bar food und bestelle, abenteuerlustig, die Nationalspeise Haggis mit gebräunten Zwiebeln und Whiskysauce. Schmeckt köstlich - entgegen allen Warnungen. Haggis besteht aus Schafsmagen, der mit Herz, Leber, Lunge, Nierenfett vom Schaf, Zwiebeln und Hafermehl gefüllt und scharf mit Pfeffer gewürzt wird. Ron, der kanadische Koch, freut sich richtig, dass ich Haggis mag und tischt gleich noch das Nationaldessert auf: Cranachan, eine Whiskysahnecreme mit gerösteten Haferflocken und Himbeeren.

Treppenhaus des Teufels

Das Dessert ist so gut, dass ich beim Whisky bleibe und in der Lounge noch einen 12-jährigen "Caol Ila" kippe, auf der Barkarte beschrieben als: "Hellgolden mit zarter Heidekrautnote und Rhododendronblüten im Abgang". In der Früh will ich es mit dem "Treppenhaus des Teufels" aufnehmen, dem Devil's Staircase, einer Passhöhe, die einen Zickzackanstieg von gut 200 Höhenmetern bedeutet. Als ich atemlos beim Teufel im Obergeschoss angelangt bin, reißt der Himmel auf und gibt den dramatischen Blick frei auf eine weite Mondlandschaft, Gipfel an Gipfel, die Täler ohne Zivilisation. Auf nur 550 Meter Höhe fühle ich mich wie im Hochgebirge der Alpen. Plötzlich platzt Nicola, ein junger Mailänder, in die grandiose Stille mit Anekdoten aus der Welt der Fernwanderer. Über Anthony Tweepe etwa, der bereits zehnmal den West Highland Way gegangen ist und kürzlich beim Wandern gerettet werden sollte. Ein Mitwanderer hatte via Handy einen Hubschrauber bestellt, weil ihm der 86-Jährige gefährlich klapprig vorkam. Als die Ärzte dann landeten, meinte der Alte nur trocken: "Fliegt nach Hause, bei mir ist alles ok." Nicola ist mir um Längen voraus, als ich das kleine Städtchen Kinlochleven erreiche, das wie seine stillgelegte Aluminiumfabrik langsam verfällt. Entlang Vorgärten mit zerbeulten Wäschespinnen biege ich in den einzigen Supermarkt des Ortes ein. Dort kaufe ich Cola und werde erstaunt gemustert, so als wäre ich der erste Wanderer im Tal.

Am letzten Tag wandere ich nach Fort William, wieder mit einem Ranger, Angus. Wir machen Rast in Lairigmor, umgeben von blökenden Schafen. Angus zeigt mit dem Fernglas auf ein Schaf, das fast auf einem Gipfel steht. "Manche sterben dort oben, weil sie immer noch höher hinaus wollen." Wenig später treten wir aus einem dichten Wald ins Freie, als aus Wolkenschwaden der Ben Nevis auftaucht, höchster Berg des Königreichs mit 1344 Metern und Hausberg von Fort William. Wuchtig ist er und nicht zu unterschätzen: Wer hinaufwill, fängt bei null Höhenmetern an, und das Wetter ist hier besonders launisch. Aber dann wiederum, meint Angus, hätten sie kürzlich ein herrenloses Klavier unterhalb des Gipfels entdeckt. Mehr als 7000 Höhenmeter habe ich überwunden, 120 Kilometer bin ich gegangen, und dann stehe ich auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums. Hier endet der West Highland Way. Eine Bank, ein Schild, das war's. Morgens nehme ich den Zug nach Glasgow. Auf der Fahrt zieht die Landschaft an mir vorbei, durch die ich gestreift bin. Was ich mir erwandert habe, erkenne ich an der Anmutung, an der Form. Am liebsten würde ich an der nächsten Station aussteigen, zu Fuß nach Hause gehen und mir dabei in Ruhe überlegen, wie das Klavier auf den Ben Nevis kam.

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