Myanmar Myanmar: Das Glück liegt auf der Straße

Bis vor kurzem war es eine Gewissensfrage, ob man Myanmar bereisen sollte oder nicht. Jetzt wurde das Land zu einem der Top-Reiseziele 2012 gekürt. Unsere Autorin hat sich das Land im Umbruch angesehen
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Zu Fuß durch Myanmar
Ein Land im Wandel
Myanmar-Info

Zu Fuß durch Myanmar

Der Schweiß läuft mir in Strömen, schon vor einigen Stunden haben meine Augenbrauen und Wimpern Ihre Arbeit versagt um die salzige Flut von meinen Augen fernzuhalten. Es ist brütend heiß, obwohl der steile Pilgerweg die meiste Zeit im Schatten der Bäume verläuft. Nach jeder steilen Treppe denke ich: "Jetzt könnten wir doch umdrehen"; aber dann kommen uns wieder Pilger entgegen, die uns anstrahlen, als wären wir die Träger des gelben Trikots bei der Tour de France und uns mit einem "Minkalabar" anspornen - was auf burmesisch so viel heißt wie "Hallo", oder auch "Willkommen".

Myanmar: Das Glück liegt auf der Straße

Die Shwedagon Pagode in Yangon ist das buddhistische Herz des Landes. Hier glänzt mehr Gold als es im gesamten Vereinigten Königreich von England gibt

Eine Gruppe von jungen Frauen im traditionellen Wickelrock, dem Longyi, will unbedingt ein Foto mit meinem Freund; eine Familie drückt sich stolz an mich, um für ein Foto zu posieren, obwohl mein T-Shirt völlig verschwitzt ist. Ein paar Meter weiter kommt uns eine ältere Dame entgegen, die sich unter wildem Geplapper in unsere Arme wirft, als wären wir langvermisste Verwandte. Also laufe ich weiter, denn Aufgeben gilt bei so viel Ansporn nicht. Mein Gesicht hat inzwischen die Farbe einer überreifen Tomate, und so bin ich wohl ein noch beliebteres Fotomotiv. Vier Stunden geht es bergauf - immer wieder fragen mich Pilger und die Verkäufer der vielen kleinen Lädchen, die Getränke und Essen anbieten: "Bist du ein Mensch?" Wahrscheinlich liegt es nicht nur an der roten Gesichtsfarbe, dass ich für die Burmesen so merkwürdig aussehe, sondern eher daran, dass Myanmar die letzten 50 Jahre in nahezu völliger Isolation gelebt hat.

Myanmar: Das Glück liegt auf der Straße

Angeblich halten nur zwei Haare Buddhas den Felsen im Gleichgewicht - damit ist der Golden Rock eine der wichtigsten Pilgerstätten im Land

Touristen werden neugierig begrüßt

Erst seit kurzem kommen vermehrt europäische Touristen in das von einer Armeediktatur ausgebeuteten Land, aber noch sind es mit 65.000 pro Jahr vergleichsweise wenige. Fast keiner von ihnen läuft den steilen Weg zum goldenen Fels hinauf, der angeblich nur durch zwei Haare Buddhas im Gleichgewicht gehalten wird, und somit eine der wichtigsten Pilgerstätten in diesem vornehmlich buddhistischen Land ist. Stattdessen steigen die meisten auf die umgebaute Ladefläche eines Lasters, der eine Stunde lang die holprigen Schotterwege steil bergauf fährt, um Besucher dann nur noch die letzten 45 Minuten laufen zu lassen. Wem selbst das zuviel ist, der kann sich von vier starken Männern in einer Sänfte bis zum Eingang tragen lassen.

Wir haben den steinigen Weg gewählt, denn in Myanmar liegt das Glück für uns auf der Straße - die Menschen, die eine unglaubliche Freude, Neugierde und Offenheit an den Tag legen, so dass man sich schon nach kurzer Zeit nicht wie ein Tourist, sondern wie unter Freunden fühlt. Bis 2011 war jede Berichterstattung über das Weltgeschehen so stark reglementiert, dass zuverlässige Informationen für das Gros der Bevölkerung nicht verfügbar waren. Umso größer ist nun die Begierde, alles aufzusaugen, was Touristen erzählen. Obwohl das Regime die englische Sprache erst ganz verboten und nun im Schulunterricht das Lesen und Schreiben von englischen Texten - nicht aber das Sprechen - gestattet hat, können doch die meisten Burmesen erstaunlich gut in dieser Sprache kommunizieren.

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Mönchsspeisung in Amarapura

Erstaunlich ist auch die Offenheit der Menschen, die politische Situation im Land anzusprechen. Bei unserer Ankunft waren wir nach entsprechender Recherche noch sehr vorsichtig, das Thema anzuschneiden, geschweige denn den Namen der Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi auszusprechen. Um so erstaunter waren wir, als schon der Taxifahrer vom Flughafen uns munter erzählte, dass es ja den Burmesen so viel Hoffnung gibt, dass momentan alle Staatsoberhäupter der "Lady" (so wird Suu Kyi ehrfürchtig genannt) die Aufwartung machen. Nach Hillary Clinton im Dezember waren England und Frankreich an der Reihe, und im Februar hat auch Dirk Niebel das Land bereist. Was vor einigen Monaten noch undenkbar war, ist jetzt spürbar: Veränderung liegt in der Luft. Fast in jedem Restaurant und Teehaus hängt inzwischen ein Porträt der 15 Jahre unter Hausarrest gestellten Freiheitskämpferin - noch vor wenigen Monaten hätte das für's Gefängnis gereicht. Nun hat sich die Hoffungsträgerin offiziell als Kandidatin für die regionalen Nachwahlen im April registrieren lassen, bei denen 48 Parlamentssitze nachbesetzt werden.

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Vor ein paar Monaten wäre das Aufhängen eines Bildes von Aung San Suu Kyi noch Grund für eine Gefängnisstrafe gewesen. Inzwischen hängt es in fast jedem Restaurant und Teehaus

Ein Land im Wandel

Myanmar gilt als "Must visit"

Noch herrscht Angst, dass die Regierung ihre Versprechen wieder nicht einlöst und stattdessen, wie in der Vergangenheit, die Opposition ins Gefängnis wirft oder unter Hausarrest stellt. Daher sind das ausländische Interesse und auch die Touristen für die Menschen so wichtig. Sie bieten zumindest teilweise einen Schutz gegen Menschenrechtsverletzungen und Willkür, bringen Informationen in und aus dem Land. Jahrelang war es eine Gewissensfrage, nach Myanmar zu reisen und damit noch mehr Geld in die Taschen des Regimes zu stecken. Selbst Aung San Suu Kyi rief zu einem Reiseboykott auf. Aber die Zeiten ändern sich. Stolz erzählt uns unser Fahrer, dass der Fernsehsender CNN Myanmar gerade zu einem der drei Topreiseziele für 2012 gekürt hat; auf der Internetseite der Reisebibel Lonely Planet wird das Land als absolutes "Must visit" angepriesen.

Gründe dafür gibt es reichlich: geografisch hat das Land von Traumstränden bis zu den höchsten Bergen alles zu bieten. Die angeblich 4 Millionen Pagoden und Tempel von Bagan können es durchaus mit der Faszination von Angkor Wat aufnehmen. Das Land hat eine lange ruhmreiche Geschichte, war einst nicht nur eines der am weitest entwickelten Ländern Asiens, sondern auch noch der "Reiskorb" Südost-Asiens. Durch die lange Isolation haben sich viele Traditionen erhalten, die in anderen Ländern wie Thailand, Vietnam oder Kambodscha schon vor längerer Zeit der Modernisierung zum Opfer gefallen sind. Und jetzt ändert sich hoffentlich auch die Politik.

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Nicht nur Jahrhunderte alte Tempel locken die Touristen, sondern auch absolute Traumstrände

Noch sind die Wege steinig - oder vielmehr löchrig. Die meisten schmalen Teerstraßen werden nach dem Zufallsprinzip ausgebessert. An einigen Abschnitten gibt es Löcher, in die ein Elefant fallen könnte, bemerkt unser Fahrer lakonisch. Vor uns tuckert ein völlig überladener LKW, dessen Dach vollbesetzt ist mit Menschen, Bananenstauden und Körben. Aber selbst dieses anstrengende Geholper wird in Myanmar zu einem grandiosen Erlebnis: Kinder schenken uns Blümchen, Erwachsene grinsen uns freundlich an und geben uns ein Gefühl von Freundlichkeit, das wir so vorher noch nie im Ausland erlebt haben.

Das eigentliche Wunder sind die Bewohner

Zwei Holländer, die Myanmar mit dem Rad durchqueren, erzählen von vorbeifahrenden LKW-Fahrern, die Wasserflaschen aus dem Fenster reichen und dass vor jedem Dorf Kinder und Erwachsene Spalier stehen. Auch sie finden, dass Aufgeben nicht gilt, wenn man so angefeuert wird.

"Manchmal bin ich fast vom Rad gefallen, weil ich völlig erschöpft oben am Berg ankam und mir die Leute beim Fahren die Hand abklatschen wollten" erzählt uns die Holländerin.

Die meisten Touristen fliegen von Hauptattraktion zu Hauptattraktion und lassen das eigentliche Wunder des Landes - die Bewohner - links liegen. Fast alle Besucher kommen als Pauschalreisende mit einem in der Heimat vorgeschnürten und verplanten Paket ins Land. Das ist bequem, führt aber vor allem dazu, dass man mit vielen anderen Touristen lediglich die Hauptsehenswürdigkeiten abklappert und die spärlichen Devisen bei regierungsnahen Organisationen landen anstelle die breite Bevölkerung zu bereichern.

Während am Inle Lake und im Tempelgebiet von Bagan schon eine gewisse Routine im Umgang mit den Touristen herrscht, hat sich das Leben abseits der Hauptwege in den letzten 50 Jahren kaum verändert: Felder werden mit Ochsen bestellt, Waren zum Markt gefahren, Bettelmönche ziehen im Morgengrauen von Haus zu Haus und Fremde werden mit der Herzlichkeit von Freunden begrüßt.

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Das weite Tempelareal von Bagan ist eine der Hauptattraktionen des Landes

Aufgeben gilt nicht

Die Parlamentswahlen im Jahr 2015 werden zum vielbeachteten Meilenstein in der Demokratisierung des Landes werden. Sollte dann die Partei von Aung San Suu Kyi tatsächlich eine Regierungsbeteiligung bekommen, ist der Wendepunkt in Myanmar erreicht.

Zu hoffen bleibt, dass damit nicht der Ausverkauf des Landes an ausländische Investoren beginnt, die schon jetzt mit den Füßen scharren. Wahrscheinlich ist momentan tatsächlich der beste Zeitpunkt, dieses traumhafte Land zu besuchen - jeder Tag birgt so viel Hoffnung für eine bessere Zukunft für die Menschen, die sich auch durch 50 Jahre Diktatur nicht haben brechen lassen, sondern voller Optimismus in die Zukunft schauen. Auch für sie gilt: Aufgeben gilt nicht!

Myanmar-Info

Check-In:

Internationale Vorwahl: +95

Zeitdifferenz: 6,5 Stunden

Geld: Wichtig: In Myanmar gibt es keine Geldautomaten und es werden auch in Hotels keine Kreditkarten akzeptiert (es gibt einige wenige 5-Sterne-Hotels, die für einen horrenden Aufschlag Ausnahmen machen).

Grundsätzlich gilt: Nur Bares ist Wahres. Deshalb das benötigte Geld in US-Dollar (Euro geht nicht immer und die meisten Prise werden in US-Dollar genannt) mitnehmen.

Alte oder verschmutzte Scheine werden ebenfalls abgelehnt. Die lokale Währung ist der Kyat, den man in Hotels oder auf dem Schwarzmarkt umtauschen kann. Kyats braucht man eigentlich nur für kleinere Restaurants und Souvenirs.

Anreise:Eine Einreise nach Myanmar ist nur über den internationalen Flughafen in Yangon möglich. Von Deutschland aus kann man Myanmar nicht mit einem Direktflug erreichen. Die beliebtesten Umsteigeflughäfen sind Bangkok und Singapur. Bei der Ausreise aus Myanmar ist auf dem Yangoner Flughafen eine Flughafengebühr von 10.00 US-Dollar zu zahlen. Visum: Für die Einreise nach Myanmar ist ein Visum erforderlich, das bei der Botschaft der Union Myanmar (Thielallee 19, 14195 Berlin, Tel. 030-206 15 710, Fax: 030-206 49 757, Bürozeiten: Mo - Fr 09.30-16.30 Uhr) in Berlin beantragt werden muss und gegen Zahlung einer Gebühr (derzeit 25 Euro) normalerweise in angemessener Zeit auch ausgestellt wird. Deutsche Reisepässe müssen am Tag der Einreise nach Myanmar noch mindestens 6 Monate gültig sein. Aktuelles bei der Botschaft: www.botschaft-myanmar.de

Gesundheit: Landesweit gibt es unter 1000 Meter Höhe, einschl. der Touristenorte Pindaya Caves und Inle Lake ein mittleres Malaria-Risiko.

Auskunft: Einen recht guten Überblick verschafft die deutschsprachige Seite

www.myanmar-guide.de . Der Reiseführer von Lonely Planet ist im Dezember 2011 erschienen. Die Autoren haben nach bestem Wissen und Gewissen versucht, Reisetipps zu geben, die nicht Geld in die Taschen der Regierung bringen ( www.lonelyplanet.com ).

Ansehen:

Die Shwedagon-Pagode in der früheren Hauptstadt Rangun (heute: Yangon) ist die größte und vermutlich wertvollste Stupa der Welt. Angeblich wurde an ihr mehr Gold verbaut, als es im gesamten Vereinigten Königreich von England gibt. Besonders am Abend, wenn die untergehende Sonne das Gold glitzern lässt und sich Betende und Touristen im Staunen vereinen, ist die Stimmung an der Pagode unbeschreiblich. Die grösste Attraktionen des Landes sind wahrscheinlich die weitläufigen Anlagen der alten Hauptstadt Bagan mit über 2000 Sakralbauten aus vier Jahrhunderten, sowie der im Artikel beschriebene Goldene Fels bei Kyaikto.

Der Inle-See ist für seine Einbeinruderer, schwimmenden Dörfer und Gärten bekannt. Wahrscheinlich ist Nyaung Shwe am Inle Lake die einzige Stadt in Myanmar, die ein bisschen Backpacker-Feeling aufkommen lässt. Am schönsten lässt sich der See mit dem Boot erkunden. Indiana Jones lässt in Indein grüßen - einem Ort südlich des Sees mit 1054 Stupas in allen Bau- bzw. Verfallszuständen. Unerwartet ist der Traumstrand von Ngapali - Palmen wachsen am weissen Sandstrand, der langsam in das türkisblaue Meer abfällt. Die Preise für Unterkünfte sind hier gehoben.

Übernachten:

In allen grösseren, touristischen Ortschaften ist es normalerweise kein Problem, vor Ort eine Unterkunft zu bekommen. Hier ein paar Tipps:

Yangon: Classique Inn No. 53 B. Geschmackvoll eingerichtetes Teakhaus mit wunderschönem Innenhof. Shwe Taung Kyar Street (Golden Valley Road), Bahan township, Yangon, Myanmar. Tel: (95-1) 525557, 505021, 524813, 503968 Email: classiqueinn@yangon.net.mm, www.classique-inn.com

Wer es ein bisschen luxuriöser mag, geht ins Savoy Hotel Yangon 129, Dhammazedi Road Yangon, Tel: (+95) 1 526289, generalmanager@sa voyhotel-yangon.com , www.savoy-myanmar.com

Bagan: Das Kaday Aung Hotel in New Bagan liegt wunderschön in einem tropischen Garten. Am Pool lässt es sich prima entspannen, wenn einem die Tempel zu viel werden: Kaday Aung Hotel, Bagan Hninn Pann St., Hteeminyin Block, Kyansittha Quarter, New Bagan, Tel : (+95) 61-65070

Das Thiripyitsaya-Resort liegt inmitten alter Stupas und Tempel in Alt-Bagan . Hier kann man auch die berühmten Heissluftballonflüge über Bagan buchen. Thiripyitsaya-Resort, Bagan Archeological Zone, Old Bagan Tel: (95 61) 60048 / 60049, E-mail: rsvn@thiripyitsaya-resort.com,

www.thiripyitsaya-resort.com

Ngapali: Während sich in Ngapali langsam die grossen Hotelresorts breitmachen, hat sich die Laguna Lodge mit ihren acht Zimmern direkt am Meer noch ihre Individualität erhalten - Frühzeitig reservieren! In Deutschland: esserrene@aol.com , oder direkt in Myanmar: Oliver E. Soe Thet, angel@myanmar.com.mm , Tel.: 00951 501 123, www.lagunalodgemyanmar.com

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