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Sachsen-Anhalt: Auf in die Altmark


Mittelalterliche Hansestädte und unberührte Naturlandschaften entlang der ehemaligen Grenze: Die Region im Norden Sachsen-Anhalts ist eine Entdeckung

Inhaltsverzeichnis

Tangermünde

Karl IV. hatte Geschmack. Der Kaiser, der von Prag aus große Teile Europas regierte, machte die kleine Hansestadt 1373 zur Nebenresidenz. Die Bewohner der Mark, soll er gesagt haben, "sind mir lieber als die Einwohner aller meiner andern Staaten zusammengenommen". Auf einer idyllischen Anhöhe über der Auenlandschaft, wo der Tanger in die Elbe mündet, ragen der Burgfried und die alte Kanzlei seiner Burg in den Himmel. Im Stadtkern zeugen die Stadtmauer mit ihren Backsteintoren und die gotische Stephanskirche

von der prachtvollen Vergangenheit. Ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte ist hingegen der verheerende Brand von 1617, der zu Unrecht der rothaarigen Grete Minde in die Schuhe geschoben wurde. Theodor Fontane setzte ihr fast drei Jahrhunderte später mit seiner gleichnamigen Novelle ein Denkmal, die Bürger widmeten ihr 2009 eine Skulptur vor dem spätgotischen Rathaus. Geschichtsträchtig ist auch das Hotel Exempel Schlafstuben, wo Gäste in Königin Luises Salon mit Messinghimmelbett nächtigen oder im Gemach Kaiser Karls mit Holzzuber und Thron. Und in der Schlafstube der Jungfer Emerentia Lorenz wacht ein lebensgroßer Plüschhirsch (Lange Str. 24, Tel. 039322-735 40 00, www.exempel.de; DZ/F ab 79 Euro).

In den Exempel Gaststuben

gegenüber sitzt man auf den alten Bänken und Stühlen des ehemaligen Schulhauses und isst altmärkische Köstlichkeiten, Hansesack etwa, mit gedünstetem Hechtfilet gefüllten Wirsing an Käsesauce. Dazu wird Tangermünder Kuhschwanz-Bier gereicht, das seit dem Mittelalter in der Altmark gebraut wird. Wer Kaiser Karl IV. folgen möchte, der oft "durch die lieblichen Wiesen um des herrlichen Geruchs der Blumen und Kräuter und der schönen Auen halber spazieren fuhr", geht in die Natur. Der Elberadweg, der von Cuxhaven bis zur tschechischen Grenze reicht, verläuft rund 110 Kilometer durch die Altmark und führt von Tangermünde in die herrliche Auenlandschaft (Fahrradvermietung Gerike, Stendaler Str. 45, Tel. 039322-7 26 60, www.service-center-gerike.de). Zehn Kilometer südlich, im Dorf Buch, steht das NABU-Zentrum, das Safaris ins Biosphärenreservat Mittelelbe anbietet. Bei einer Schlauchboottour begegnen Naturfreunde mit etwas Glück den "Big Five" Storch, Kranich und Adler (Querstr. 22, www.elbetourist.de).

Der Dom St. Marien macht Havelberg zum wichtigen Stopp auf der Straße der Romanik
Der Dom St. Marien macht Havelberg zum wichtigen Stopp auf der Straße der Romanik
© Richard Nebesky/Robert Harding World Imagery/Getty Images

Havelberg

Die alte Bischofsstadt zeigt sich bei einer Vier-Insel-Wasser-Stadtrundfahrt per Kanu von ihrer schönsten Seite (Info und Kanus über Tourist-Information, Tel. 039387-7 90 91, www.havelberg.de). Während die Ziegen-und die Biberinsel nur von Vierbeinern bewohnt werden, drängen sich auf der Altstadtinsel rund um den Salzmarkt Fachwerkhäuser und das Beguinenhaus, ein aus dem 14. Jahrhundert stammendes Klostergebäude. Der Dom am anderen Flussufer macht Havelberg zum wichtigen Stopp auf der Straße der Romanik. Auf dem vierten Eiland, der Spülinsel, liegt ein Campingplatz (Spülinsel 6, Tel. 039387-2 06 55, www.campinginsel-havelberg.de). Ebenfalls nah am Wasser gebaut hat das neue Arthotel Kiebitzberg (Schönberger Weg 6, Tel. 039387-59 51 51, www.arthotel-kiebitzberg.de DZ/F ab 95 Euro). Auf der Weiterfahrt in die kleine Hansestadt Werben setzen Auto-und Radfahrer mit einer Gierseilfähre über die Elbe. Das Boot gleitet nur mit Hilfe von Strömung und Drahtseilen über den Fluss. In der Schäferei Schuster im Dorf Beuster tischt die Hausherrin Spezialitäten wie Altmärkische Hochzeitssuppe auf, eine köstliche Mischung aus Hühnerbrühe, Hackklößchen, Eierstich und Spargel. Souvenirs aus Wolle und Picknick-Proviant gibt’s im dazugehörigen Hofladen (Ostorferstr. 2, Tel. 039397-3 65). Heinrich Rathsmann vom Reiterhof Neulingen im Örtchen Losse fährt Wagemutige mit seiner Marathonkutsche im Galopp durch den Wald. Dabei heißt es:

Schutzwesten anziehen und gut festhalten, denn Mitreisende begleiten den Kutscher stehend. Wer es gemütlicher mag, bucht mehrstündige oder -tägige Touren in der bequemen Reisekutsche (Dorf str. 11, Tel. 039386-7 95 07, www.reiterhof-neulingen.de). In den Elbtalauen leben rund 150 Vogelarten. Ein Ausflugsziel ist das "Storchendorf" Wahrenberg mit vielen Nestern auf Giebeln und Schornsteinen. Kaffee, Kuchen und Snacks genießt man im winzigen Café Anne-Elbe (Am Elbdeich 68; Mai bis September).

Arendsee

"Perle der Altmark" nennen die Anhalter den 550 Hektar großen Arendsee im Norden des Bundeslands, der sich gut per Boot erkunden lässt (Infos unter www.luftkurort-arendsee.de). Das Nordufer war zu DDR-Zeiten Sperrgebiet, südlich des Sees, beim Luftkurort Arendsee, finden Reisende ein Strandbad, Cafés und einige Unterkünfte. Das Flair-Hotel Deutsches Haus in einem Fachwerkhaus aus dem 19. Jahrhundert ist durch einen kleinen Park mit dem See verbunden (Friedensstr. 91, Tel. 039384-25 00, www.dh-arendsee.de; DZ/F ab 65 Euro). In der nahe gelegenen Wellnessfarm Haus am See kann man schlafen, speisen oder sich als Tagesgast massieren lassen (Lindenstr. 28, Tel. 039384-98 90, www.wellnessfarm-arendsee.de; DZ/F 109 Euro). Eine Radtour mit dem Naturführer Jürgen Starck vom Haselnusshof in Binde führt über den Vierländer-Grenzradweg entlang des "Grünen Bandes" am ehemaligen Todesstreifen. Stopps an der einstigen Kaserne Ziemendorf und auf der Wirler Spitze, einer Sanddüne mitten im Kiefernwald, zeigen, wie nahe Schrecken und Schönheit beieinander liegen können: Wo einst Selbstschussanlagen DDR-Bürger an der Flucht hinderten, hat sich ein Biotop entwickelt, das Fischottern, Schwarzstörchen, Laubfröschen, Küchenschellen, Trollblumen und hunderten anderen Tier- und Pflanzenarten ein Zuhause gibt (Radkultur, Dorfstr. 14, Tel. 039036-9 64 32, www.radkultur-starck.de). Südlich des Arendsees verbindet ein Wegenetz von 700 Kilometern elf Wandernester, Dörfer, die sich ganz auf Spaziergänger eingestellt haben. Naturschönheiten wie die mehr als 600 Jahre alte Kroneneiche in Jemmertz, Wildblumenwiesen, Moorwald und Orchideen entdecken Besucher auf geführten Touren (Altmärkischer Wanderverein, Tel. 03909-28 09).

Salzwedel

Die Hansestadt ist bekannt für Kunst und Kulinarisches, Backsteingotik (prächtige Kirchen, Stadttore und das Rathaus) und Baumkuchen. In der 205 Jahre alten Ersten Salzwedeler Baumkuchenfabrik etwa sieht man beim Schaubacken am offenen Feuer zu, wie die Köstlichkeit schichtweise aufgebaut und am Drehspieß gebacken wird. Dann ist eine Kostprobe fällig (St.-Georg-Str. 87, Tel. 03901-3 23 06; www.baumkuchen-salzwedel.de). Wer es den alten Hansekaufleuten gleichtun will, bereist die Umgebung zu Pferd oder per Kutsche. Mit 1600 Kilometern verfügt die Altmark über eines der größten Reitwegenetze Deutschlands. Reitstunden, Ausritte und Kutschfahrten bietet etwa der Reiterhof Dammkrug an. Seine Gäste übernachten in rustikalen Blockhäusern, Kinder bevorzugen die Heuherberge (Güssefeld, Dammkrug 1, Tel. 039080-4 04 96, www.dammkrug.de). Im Freilichtmuseum Diesdorf treten Gäste eine Zeitreise in ein altmärkisches Dorf an, mit Schmiede, Bockwindmühle, Dorfschule, Wohnhäusern und Ställen. Und in den historischen Bauerngärten wuchern Hopfen, Flachs und Kohlrüben (Molmker Str. 23, Tel. 03902-4 50, www.freilichtmuseum-diesdorf.de; Mo geschl.).


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