Steiermark Wandern mit Gesangspause

Nein, ein Diplom bekam sie hinterher nicht. Dafür Lust aufs Singen: Unsere Reporterin lernte im österreichischen Krakautal wandernd das Jodeln

Jodeln enthemmt: Mein österreichischer Sitznachbar auf dem Rückflug von Salzburg nach Hamburg muss mich nicht lange um eine Kostprobe bitten. Ich trage ihm den Jodler vom steirischen Stier vor, "von Ålm å-bagfålln". Nur ein Wochenende in der Steiermark war für mein Erfolgserlebnis nötig: Fünf Österreicherinnen und ich lernten unglaubliche 14 Jodler in Krakauhintermühlen, das zum Krakautal in den Schladminger Tauern gehört. Rund 550 Menschen leben in dem Dorf, wo die Gehöfte groß sind und die Hühner stämmig, mit buschigen Federn hinab bis zu den Füßen. Wir wohnen beim Schallerwirt, Joseph Schnedlitz, der uns gemeinsam mit Eva Maria Hois vom Steirischen Volksliedwerk das Jodeln beibringt. Los geht’s gleich nach der Anreise und einer Paradeisersuppe, einer sämigen Tomatensuppe: ohne Textblatt, ohne Noten. Eva Maria singt vor, wir nach. Dreimal wiederholen, dann sagt Eva Maria: "Jetzt zweistimmig!" Danach folgt ein Kanon und dann noch ein Jodler, bei dem der Gesang sich quasi überkreuzt. Mir ist fast schwindelig. Aber da schickt uns die Lehrerin auch schon zum ersten Freiluftversuch auf eine Waldlichtung in 1260 Meter Höhe. Wäre ich ein Reh, ich würde gucken kommen. Beim Wandern macht Jodeln am meisten Spaß. Zur Tockneralm führt der Weg durch dichten Wald und ein steiniges Bachbett zur Hütte auf 1803 Höhenmetern, wo wir mit einer Jause aus dem Rucksack rasten und natürlich jodeln – über die Alm und die Köpfe von Kühen und Pferden hinweg. Irgendwie funktioniert es, auch wenn in meinem Kopf ein Meer aus Silben und Tönen wogt, in dem ab und an ein Texttreibstück auftaucht oder ein Melodiefetzen. Neben den deftigen Jodlern (vom Sau-Dirndl) und munteren fürs Wandern kennt der Volksliedschatz auch zarte Stücke, die nach Liebeslied klingen und dabei eine Schweinsspeise preisen. Andere sind einfach nur wunderschön wie der "Andachtsjodler".

Wandern mit Gesangspause

Der Schattensee im Krakautal ist eine Jodel-Station

Inzwischen können wir locker von Brust- zu Kopfstimme und wieder zurück wechseln. Ich singe gern, daheim auch im Chor. Aber da geht’s um die richtige Stimmlage, korrekte Noten und Tempi. Hier dagegen zählt nur die Lust am Singen. "Die schönste Art, sich anzuschreien", hat einmal jemand das Jodeln genannt, das außer laut auch ansteckend ist. Am Abend zuvor hatten die Gäste in der holzgetäfelten Stube des Schallerwirts erst nur herübergeschaut, als wir zu jodeln begannen – nach einer Krakauer Steinpilzrahmsuppe, geräucherter Forelle mit karamellisiertem Apfel und Obers-Preiselbeeren, getrüffelter steirischer Creme-Polenta und Vanilleeis mit Kürbiskernöl. Dann holte Joseph schließlich das Akkordeon heraus, und die anderen rückten ihre Stühle heran und sangen oder summten mit, ganz ohne Diplom. Von der Hütte aus windet sich ein steiler Pfad durch Wacholder- und Blaubeerbüsche nach oben. Mein Schritt wird schleppender. Der 2357 Meter hohe Gipfel ist in Sicht, aber elend weit weg. Die Luft wird dünn, und wer aus der Puste ist, kann nicht jodeln. Und doch funktioniert der Gesang als Schrittmacher: Wie ein Ohrwurm gehen mir die Silben durch den Kopf, und der Rhythmus macht mir Beine, auch wenn vor lauter Anstrengung der "Bergsteiger"-Text "Ho-ri-di ho-to-to" zu "Hei-di-di hot hot hot" mutiert. Nachdem die Jodler mich quasi auf den Gipfel geschubst haben, bin ich dann nur noch dankbar: Was für ein Blick! Am Horizont ragen die Seetaler und Gurktaler Alpen auf, dahinter graublau die Julischen, die Karnischen und die Karawanken. Irgendwo versteckt sich der Wörthersee, unter uns liegt das Krakautal. Früher dienten die Jodler der Verständigung in den Bergen: Wenn ein Almhirte abends nicht juchzte und jodelte, wussten die anderen, dass etwas passiert war. Wir fangen an zu jodeln, zwei- und dann dreistimmig. Ob sie uns dort unten jetzt wohl hören?

Zum Nachmachen:

Schlafen & Essen

Schallerwirt: Das Wirtsehepaar hat die großen Zimmer des Gasthofs mit frischen Farben aktualisiert. Die Köstlichkeiten, die beide abends in der Stube auftischen, sind mit der Slowfood-Schnecke prämiert. Krakauebene 55, Tel. 0043-3535- 83 34, www.schallerwirt.at; DZ/F 70 €.

Rudolf-Schober-Hütte: Vor der Abreise am Sonntagnachmittag wandern wir noch eine knappe Stunde zwischen Fichten und Tannen zur Rudolf-Schober- Hütte. Sie liegt an einem gluckernden Bach auf 1667 Meter Höhe, am Fuß des Süßleitecks. Das tschechisch-österrei‑ chische Paar Eva und Werner Hlobil versorgt die Gäste mit guter regionaler Küche und den Traditionen der alten Monarchie: Kaffee gibt’s, aber keinen Cappuccino, Preiselbier, walachische Krautsuppe und süß gefüllte "Powidltaschen". Ein blecherner Lautsprecher ruft in den Wald, wenn eine Bestellung abholbereit ist. Bei Regen sitzt man in der gemütlichen Holzstube der Hütte, bei Sonnenschein vor dem Haus mit dem strahlenden Edelweiß unterm Dachfirst. Und wer nicht mehr nach Hause gehen möchte, reserviert sich einen Schlafplatz in der Hütte. Tel. mobil 0043-664-963 26 46, www.rudolfschoberhuette.at; Zimmerlager/F 29,30 €.

Ansehen

Ulrichskirche: Dem Stursinn der Bauern ist es zu verdanken, dass das Gotteshaus vom Ende des 15. Jahrhunderts noch immer am Eingang zum Etrachtal steht: Als es vor zwei Jahrhunderten abgerissen werden sollte, erhielten sie es einfach. Und bewahrten einen kleinen Schatz: Im hinteren Teil bedecken Felssteine den Boden, die Decke mit Holzschablonenmalerei ist komplett erhalten, ebenso das gotische Triptychon am Altar. Für den zauberhaften "Andachtsjodler", der 1830 erstmals in Südtirol zur Christmette angestimmt wurde, gibt es weit und breit keinen besseren Ort. Den großen Schlüssel verwahrt nebenan die Mesnerin Gertrude Wallner. Krakauhintermühlen 19.

Wandern & Jodeln

Joseph Schnedlitz und Eva Maria Hois bieten 2013 noch ein Seminar an: vom 20. bis 22. September. Weitere Termine ab Mai 2014. www.schallerwirt.at; Seminar inkl. DZ/HP p. P. 220 €

Hochtal Steirische Krakau: www.krakautal.at, www.bergsteigerdoerfer.at.

Die Tour der Reporterin als Video

GEO
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Wandern und jodeln in der Steiermark
Vorbei an Seen und Wäldern, geht es den Berg hinauf. Unterwegs legt die Reisegruppe unserer Reporterin öfter eine Pause ein - zum Jodeln
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