Herbstausflug Buchen suchen

Wölfen nachspüren, Luchse beobachten, Bären füttern und im Eichhörnchen-Stil durch Baumwipfel hüpfen: Der Südosten des Nationalparks Bayerischer Wald ist ein wilder Flecken Erde
In diesem Artikel
Im Geäst
Im Gehege
Auf dem Gipfel
Schlafen und Essen

Im Geäst

Zur nächsten Plattform sind es geschätzt 100 Meter. Gefühlt 200 zum Boden. Den einzigen Halt bieten ein paar Ringe, die über dem Draht baumeln. Egal. Fuß aufs Seil, Ring greifen, anderen Fuß nachziehen und schnell den zweiten Ring in die Finger bekommen. Kurze Pause und bloß nicht nach unten sehen, damit sich der Herzschlag verlangsamt. Wenige Minuten später habe ich es geschafft. Und stelle fest: Es waren eher sechs Meter Strecke und 20 Höhenmeter.

Trotzdem eröffnete sich mir eine aufschlussreiche Perspektive. Die des Eichhörnchens, für das der Wald ein Wohnzimmer mit Luxus-Ausblick ist. Etwa 70 Klüfte können Besucher im Naturhochseilpark Schönberg überwinden. Zwischen einigen verkehrt der Flying Fox, eine Art Ein-Mann- Seilbahn. Zu der Anlage gehören auch ein 30 Meter hoher Kletterturm auf dem Gipfel des Kadernbergs und eine Riesenschaukel mit Blick auf unendliche Waldweiten (www.die-erlebnis-akademie.de). 20 Kilometer nordöstlich, bei Neuschönau, liegt das Nationalparkzentrum Lusen, die Keimzelle des Nationalparks (www.nationalpark-bayerischer-wald.de). Nahe Passau, an der Grenze zu Tschechien, wurden 1970 die ersten 130 Quadratkilometer des Bayerischen Walds zum Nationalpark erklärt. 1997 kamen weitere 110 und das Zentrum Falkenstein dazu. Die Geschichte des Nationalparks Bayerischer Wald ist im Besucherzentrum, dem Hans-Eisenmann-Haus, dokumentiert. Gleich nebenan: der mit 1300 Metern längste Baumwipfelpfad der Welt, der in 44 Meter Höhe auf der Plattform eines hölzernen Aussichtsturms endet (www.baumwipfelpfad.by). Nach meiner zweiten Wipfeltour auf Augenhöhe mit den Eichhörnchen möchte ich nun endlich sehen, was die anderen Waldbewohner so treiben - die am Boden.

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Im Bayerischen Wald kann man auf dem mit 1300 Metern längsten Baumwipfelpfad der Welt wandern

Im Gehege

Ich rechne schon mit dem nächsten Nervenkitzel. Denn direkt vor mir lauert irgendwo der Wolf. Zumindest sagt das ein Schild am Zaun. Aber es tut sich nichts. Ich sehe bloß Wald. Keine Ahnung, wo das eingezäunte Gelände endet. In dem 250 Hektar großen Tier-Freigelände im Nationalparkzentrum Lusen scheinen die Zäune zu verschwinden, die Tiere müssen das Gefühl haben, sie lebten in freier Wildbahn. Und ich habe es auch. Die Wölfe jedenfalls haben gerade Besseres zu tun, als mich zu amüsieren.

"Die schlafen wahrscheinlich", sagt Dennis Müller, Tierarzt im Freigehege. "Wölfe sind am Tag nur vier bis fünf Stunden aktiv." Man braucht Glück, um sie zu sehen. Oder man kommt zur Fütterung. Oder zur Dämmerung. Die Elche sind in der Regel verlässlicher. Sie liegen in Sichtweite des sieben Kilometer langen Rundwegs nahe einem Stapel Zweige und wiederkäuen vor sich hin. Auf einem Felsvorsprung entdecke ich Seine Majestät: Ein Luchs leckt sich seelenruhig die Pfote. Im Lusener Freigehege (www.lusenschutzhaus.de) leben nur Tiere, die wirklich in den Bayerischen Wald gehören. Oder gehörten. Wie die Braunbären. Bei denen hätte ich auch kein Glück gehabt, wenn nicht Dennis Müller da gewesen wäre. "Bärentraining" nennt er es, wenn er seine Truppe mit Schlägen ans Gitter lockt und ihnen mit einem riesigen Bärenlöffel Honig ums Maul streicht. Darauf fahren die Teddys richtig ab, streiten sich um den süßesten Platz am Zaun und zeigen Eckzähne, so lang wie meine Hand. Sinn der Übung ist es, dass sich Bären ab und an blicken lassen. Für den Fall, dass sie etwa wegen einer Verletzung eine Behandlung brauchen.

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Das Lusener Freigehege teilt sich Seine Majestät mit Elchen, Wölfen und Bären

Auf dem Gipfel

Wölfe, Bären oder Luchse kann ich am nächsten Tag gar nicht gebrauchen! Denn der Wald ist an sich schon unheimlich genug. Ich fühle mich wie Gretel. Das Herbstlaub raschelt mich von oben herab an. Riesige Baumleichen ragen in den grauen Nebel. 30 Meter lange Fichten verrotten am Boden.

Ein sechsbeiniger Förster namens Borkenkäfer hat sie zu Totholz verarbeitet. Dafür schießen junge Fichten, Buchen, Tannen, Weiden und Vogelbeeren wie botanische Feuerwerke aus dem Boden. So sieht es aus, wenn ein Bergmischwald seit 40 Jahren vor sich hin vegetiert. Der Weg führt zwischen ein paar bungalowgroßen Granitblöcken hindurch. Ich streichle eine flauschige, moosbewachsene Wand. Hänsel läuft voraus. Er kennt den Wald und hat ein ganz schönes Tempo drauf. Seit mehr als 15 Jahren ist er Ranger im Nationalpark, heißt eigentlich Siegfried Schreib und zeigt mir einige Wege im Felswandergebiet zwischen Neuschönau und Mauth. Der Weg hinauf zur Kleinen Kanzel quält meine Beine. Dafür habe ich von oben das ganze Ausmaß im Blick: ohne Ende Wald. Wenn die Sonne ein paar Strahlen durch den Nebel schickt, leuchtet das Laub am Boden orangerot. Gut, dass Hänsel da ist. Mal durchs Unterholz, mal auf dem Wanderweg führt er mich zurück zur Straße. Ob es in der Zwischenzeit geregnet hat, kann ich nicht sagen. Zumindest habe ich nichts abbekommen. Der Wald macht eben gern mal dicht. (Infos zu geführten Wanderungen gibt’s beim Nationalpark-Service, Tel. 0700-00-77 66 55, E-Mail: npservice@t-online.de, www.nationalpark-bayerischer-wald.de)

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Fichten, Buchen, Tannen, Weiden und Vogelbeeren schießen wie botanische Feuerwerke aus dem Boden. So sieht es aus, wenn ein Bergmischwald seit 40 Jahren vor sich hin vegetiert

Schlafen und Essen

Auf dem Weg zum Nationalparkzentrum Lusen ist der Landgasthof Euler in Neuschönau nicht zu übersehen. Warme Zimmer und bayerische Küche mit Zutaten aus der eigenen Metzgerei (Kaiserstr. 10, Tel. 08558-10 07, www.landgasthof-euler.de DZ ab 60 €).

Ein Blick nach Tschechien, ein weiterer in die Alpen. Für die Aussicht vom Lusengipfel (1373 Meter) nimmt man den eineinhalbstündigen Fußmarsch vom Ort Waldhäuser gern in Kauf. Wer oben im Lusenschutzhaus übernachtet, den erwartet ein Frühstück auf der Terrasse mit unschlagbarem Weitblick (Tel. 08553-12 12, www.lusenschutzhaus.de Ü/F ab 28 € p. Pers.).

Seit mehr als 100 Jahren betreibt Familie Beck den Postwirt. Gemütliche Zimmer, ein überraschend großzügiger Wellnessbereich, ein Frühstücksbuffet, das genug Stoff bietet für eine Tageswanderung, und regionale Gerichte, besonders zur Wildsaison, sind ein gutes Argument für einen Trip nach Grafenau (Rosenau 48, Tel. 08552-9 64 50, www.hotel-postwirt.de DZ/F ab 74 €).

Wer sich lieber selbst versorgt, nimmt Quartier in einer Ferienwohnung, etwa im Landhaus Birkenberg: zwei Apartments für bis zu fünf Personen am Rande Neuschönaus mit einem kleinen Badesee vor der Tür (Lerchenweg 13-19, Tel. 08552- 38 85, www.landhaus-birkenberg.de FeWo ab 39 €).

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Für die Aussicht vom Lusengipfel (1373 Meter) nimmt man den eineinhalbstündigen Fußmarsch vom Ort Waldhäuser gern in Kauf

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