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Erzgebirge Die Wiege des Advents


Falls Sie im Lauf des Jahres vergessen haben, was richtige Weihnachtsstimmung ist: Nirgends wird der Advent inbrünstiger zelebriert als in den schneereichen Höhen Sachsens
Erzgebirge: Der Weihnachtsmarkt von Annaberg-Buchholz: das Epizentrum der Vorweihnachtszeit im Erzgebirge
Der Weihnachtsmarkt von Annaberg-Buchholz: das Epizentrum der Vorweihnachtszeit im Erzgebirge
© Franz Marc Frei/LOOK-foto

Wenn es so etwas wie ein Weihnachts-Gen gibt, dann muss es im Erbgut der Erzgebirgler sehr dominant sein: Wenn ab dem ersten Advent in der sächsischen Region zwischen Aue und Seiffen die Kerzen auf den Schwibbögen, den hölzernen Lichterbögen, leuchten, die Räuchermännchen um die Wette qualmen und sich auf jedem Dorfplatz die Holzfiguren-Pyramide dreht, verfällt die Bevölkerung in kollektiven Weihnachtsenthusiasmus. Für die Erzgebirgler ist die Adventszeit eine Art Karneval der Ruhe und Besinnlichkeit. Heimlichkeit (sprich: Heymlischkeit) ist die wichtigste Zutat der ganz besonderen Gemütsverfassung: das gemütliche Beisammensein, sei es auf dem Weihnachtsmarkt oder beim Hutzenohmd, bei dem man singt, musiziert und gerne auch das eine oder andere Holzfigürchen schnitzt. Auch als Reisender kann man daran teilhaben: Der Holzbildhauer Frank Salzer etwa lädt regelmäßig zu seinen Hutzenohmden in Kühnhaide ein, einem Örtchen in der Nähe von Aue. Salzer ist einer der Letzten seiner Zunft und verfügt über ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein. Bei ihm lernt man, dass doch kein Gen für die Besinnlichkeit verantwortlich ist.

Die Weihnachtsstimmung kommt, wie so vieles in dem Mittelgebirge an der Grenze zu Tschechien, "vom Bergbau her". "Im Winter fuhren die Bergleute morgens bei Dunkelheit in die Stollen ein, schufteten im Dunkeln, und nach der Schicht war es draußen schon wieder dunkel", erklärt Salzer. "Deshalb entwickelte sich eine große Sehnsucht nach Licht." Hunderte von Bergwerken gab es einst im Erzgebirge, besonders in der zinnund silberreichen Gegend um Annaberg-Buchholz oder Schneeberg. Die alten Minen sind längst stillgelegt, die letzten wurden in den Neunzigerjahren geschlossen. Doch die Tradition lebt weiter. Wie in den Schwibbögen: Unter Tage trugen die Kumpel kleine Lampen, die der Schichtführer am Ende des Tages über den bogenförmigen Stolleneingang hängte. So konnte er kontrollieren, ob alle Kumpel wieder nach oben gekommen waren. Die Schwibbögen mit ihren aufgesetzten Kerzen ahmen das nach: "Wir sind alle beieinander, niemand ist zurückgeblieben", lautet ihre Botschaft.

Zur Adventszeit entwickelten die frommen Kumpel einen Kult des Lichts. Bis heute reagieren Erzgebirgler bestürzt auf Beleuchtungsverweigerer oder Menschen, die mit ihrer Deko zu weit vom Wege der Tradition abkommen (LED-beleuchtete Weihnachtsbäume? Geht gar nicht!). Es gibt Orte, an denen der Bürgermeister persönlich Hinzugezogene aufsucht, um sie sanft, aber nachdrücklich über die Lichtsitten aufzuklären. Eine abendliche Fahrt über die Dörfer und Kleinstädte kommt daher einer Tour durch ein Weihnachtswunderland gleich. Zumal meistens auch das Wetter mitspielt und der Gegend schon im Dezember reichlich Schnee beschert: Die Fenster sind sanft erleuchtet, die Dächer mit dicken Schneehauben versehen. Wer diese Fahrt dann noch in der von einer Dampflok gezogenen Fichtelbergbahn unternimmt, die Cranzahl schon seit 1897 mit Oberwiesenthal verbindet, kommt sich endgültig vor wie in einem Spielzeugland. Doch auch das lässt sich noch steigern: indem man abends mit der Grubenbahn zur Mettenschicht in den Markus-Röhling-Stolln in Annaberg-Buchholz einfährt – und geradewegs ins Herz des Weihnachtskults rumpelt.

Traditionell waren die Mettenschichten die letzten des Jahres, bei denen auf Kosten der Grubenbesitzer gegessen, getrunken und gesungen wurde. Auch wenn die Gruben stillgelegt sind – auf den Mettenschichten geht es nach wie vor hemdsärmelig zu, mit Linsensuppe und Fettbemmen, Griebenschmalzbroten, mit Glühwein und Geschunkel zu heimischem Liedgut. Spätestens, wenn heimische Kräuterschnäpse und Liköre die Runde machen, zeigen die Erzgebirgler, dass sie auch anders können als besinnlich. Auch das weltberühmte Holz-Kunsthandwerk kommt "vom Bergbau her", genauer: von den Krisen, die schon im Mittelalter die Branche heimsuchten. Wann immer die Vorkommen an Silber, Zinn oder Eisen erschöpft waren oder die Preise fielen, wichen die Bergarbeiter auf Holzarbeiten aus. Das Schnitzen und Drechseln wurde zu einer Spezialität des Erzgebirges. In vielen Figuren haben sich bergmännische Motive erhalten, etwa in den Uniformen der Nussknacker. Auch auf den berühmten Weihnachtspyramiden drehen sich zumeist Bergleute, und die verschiedenen Ebenen der Pyramiden führen häufig symbolisch nach unter Tage. Die Holzarbeiten boten auch Kumpeln ein Auskommen, die nach Unfällen nicht mehr in den Minen arbeiten konnten. Sie gestalteten sogenannte Buckelbergwerke, geschnitzte Miniaturstollen mit mechanisch bewegten Figuren, die sie in Schaukästen auf dem Rücken umhertrugen und gegen Geld in Bewegung setzten.

Zu sehen sind diese und andere Miniaturwelten in der Manufaktur der Träume in Annaberg-Buchholz, die die Sammlung der "Wella"-Erbin Erika Pohl-Ströher auf moderne und einfallsreiche Weise ausstellt. Annaberg-Buchholz ist ohnedies ein schöner Anlaufpunkt für Weihnachtsreisende: Weithin sichtbar thront die spätgotische Hallenkirche St. Annen über der Stadt, und auf dem Marktplatz findet sich einer der schönsten Weihnachtsmärkte der Region. Dort und in den umliegenden Geschäften ist die Auswahl an Holzkunst fast so reichhaltig wie in dem berühmten Volkskunst-Städtchen Seiffen mit seinen Bergparaden, das in der Saison jedoch ungleich überlaufener ist. Busladungen von Touristen ergießen sich im Advent über den kleinen Kurort im Ost-Erzgebirge. Wer sich ein wenig umschaut, kann jedoch auch kleine Manufakturen und Schauwerkstätten entdecken, in denen Spielzeugmacher nach alter Art ihrem Handwerk nachgehen. Spätestens dort kommt dann selbst bei Zugereisten echte Heymlischkeit auf.

Info zum Erzgebirge

Advent:Infos zu Weihnachtsmärkten, Paraden und Mettenschichten unter www.erzgebirge.de/advent

Markus-Röhling-Stolln:www.roehling-stolln.de

Hutzenohmde bei Frank Salzer in Kühnheide: www.salzerhaus.de

Manufraktur der Träume:www.manufaktur-der-traeume.de

Zum Weihrichkarzel: Was qualmt und duftet in den Räuchermännern? Jürgen Huss lädt zum Mischen und Kneten der Masse aus Holzkohlestaub, Stärke und Weihrauch in seine Werkstatt in Sehmatal-Neudorf: www.weihrichkarzl.de.

Freihlichtmuseum Seifen: Die historische Werkstatt eines der letzten Reifendreher ist eine Außenstelle des Spielzeugmuseums, das auch einiges über die Wirtschaftsund Sozialgeschichte des Erzgebirges erzählt: www.spielzeugmuseum-seiffen.de.

Zum alten Pochwerk: Kleine Schauwerkstatt des Spielzeugmachers Klaus Hübsch in Seiffen, der traditionelle Weihnachtspyramiden herstellt: www.huebsch-seiffen.de

Fichtelbergbahn: Auf der historischen Strecke in Deutschlands höchstgelegener Stadt Oberwiesenthal schnaufen die Dampfloks sogar im Linienverkehr: www.fichtelbergbahn.de

Schlafen

Im Wolkensteiner Zughotel nächtigen Eisenbahnfans in ausrangierten Waggons, Schlafwagen oder zu Apartments umgebauten Wagen. Am Bahnsteig 10, Tel. 037369-58 21, www.wolkensteiner-zughotel.de

Urgemütlich geht’s in dem schönen, alten Fachwerkbau im Wald bei Tannenberg zu. Der Gasthof Am Sauwald bietet lokale Wildspezialitäten – saulecker, versteht sich. Annaberger Str. 52, Tel.03733-56 99 90, www.sauwald-hotel.com

Auf fast 1200 Metern liegt das Wellness-Hotel Relaxhotel Sachsenbude nahe Oberwiesenthal. Tel. 037348-13 90, www.sachsenbaude.de

Weitere Unterkunftsverzeichnisse: www.erzgebirge.de/unterkunft/ und www.erzgebirge-tourismus.de

GEO SAISON Nr. 12/13 - Strände, Dschungel und Vulkane: Asien

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