Schweden So wundervoll ist eine Kajaktour durch die Schärenlandschaft

Keinen Plan vom Navigieren, aber viel Lust am Drauflos-Fahren: Drei Tage paddelte unser Team mit dem Kajak durch das St.-Anna-Archipel vor der schwedischen Ostküste
Paddeln in Schweden

Als hätte ein Gott Konfetti aus Stein verstreut: Das St.-Anna-Archipel, hier vor Småskär, besteht aus Tausenden von Inselchen, verziert mit Wildblumen, Beeren und Gräsern

Just als wir durch die Meerenge zwischen Lökö und Småskär gepaddelt sind, kommt der Wind. Nicht irgendein Wind. Ein beißender, pfeifender, baumentwurzelnder Südwind. Immer schnellere, höhere Wellen schickt er gegen unser Kajak. Wir müssen nach Westen, deshalb ist jede davon eine Breitseite. Die erste Welle überrollt das Boot, eine weitere lässt es beinahe kentern. Die nächste spült Wasser in meine Ärmel, die übernächste läuft zwischen Spritzdecke und Kajak in meine Hose. Es wird kalt. Wackliger. Und der Hafen, den wir erreichen müssen, ist ein paar Hundert Meter entfernt.

Nicht, dass es meiner Freundin Ulrike und mir zuvor langweilig geworden wäre auf unserer Dreitagestour durch St. Anna, ein Archipel aus Tausenden Inseln an der schwedischen Ostseeküste. Wir haben uns mehrfach verirrt, die Milchstraße bestaunt und – echt wahr – das Meer geteilt. Aber auf offener See beinahe zu kentern, das ist definitiv der Höhepunkt der Reise.

Zwei Tage zuvor hocken wir auf einer Picknickbank in einem kleinen Hafen 130 Kilometer südwestlich von Stockholm. Neben mir Ulrike, uns gegenüber Thomas vom Veranstalter «Do the North«, der ungeführte und geführte Touren durch die einsame Schären-Szenerie anbietet und die Ausrüstung stellt: Boot, das Zelt fürs wilde Campen, Lebensmittel, Kochutensilien. Thomas trägt eine dunkle Sonnenbrille und Hosen mit Seitentaschen. Er hat gerade das Zweierkajak erklärt, die Proviantboxen verstaut und uns wasserdichte Säcke für das Gepäck gegeben.

GEO Saison Nr. 06/2019 - Im, am & unter Wasser
GEO Saison Nr. 06/2019
Im, am & unter Wasser
Im, am & unter Wasser: Wo alles schöner ist

Wir sitzen schon halb im Boot, da verschwindet Thomas noch mal und kommt mit einem Stapel Seekarten zurück. »Ich habe euch ja noch gar nicht erklärt, wie man navigiert!« Er legt sofort los: »Graue Kästchen sind Häuser oder sonstige Landmarken. Kreuze und Punkte sind Hindernisse im Wasser. Kreuze ragen immer heraus, Punkte nur bei niedrigem Wasserstand.« Dann sagt er noch was von einer Schifffahrtsrinne, deren Signale blinken oder nicht und rot oder grün sein können. Vielleicht war es auch andersherum, so genau kann ich es nicht wiedergeben, weil er uns zwischendurch noch über Bojen, Wassertiefen und Stromkabel informiert sowie über die Tatsache, dass sich der Grund seit der letzten Eiszeit anhebe, weshalb wir mit nicht auf der Karte verzeichnetem Neuland rechnen müssten.

In dem Moment, als er fertig ist, habe ich schon wieder alles vergessen. Aber das macht nichts. Ich verlasse mich einfach auf Ulrike. Sie geht mit ihrem Freund immer segeln, außerdem ist sie Ärztin, das sind von Natur aus kluge Menschen. Wir montieren den Kugelkompass am Boot und fahren los.

Unser Ziel ist ein Pub auf der Insel Missjö, danach wollen wir zu einem Dorf namens Harstena, dessen Bäckerei für ihre Zimtschnecken berühmt ist. An der ersten Schäre dreht sich Ulrike zu mir um. »Wie genau kommen wir eigentlich zu diesem Pub?«, fragt sie. »Keine Ahnung«, antworte ich. Wir halten an und breiten die Karte aus. »Hast du kapiert, wie das mit dem Navigieren geht?«, frage ich. Ulrike lacht bloß sehr laut und sehr lange. Sie habe nicht ein Wort von Thomas’ Vortrag verstanden, sagt sie dann. Wir einigen uns auf eine simple, aber geniale Strategie. Wir fahren einfach so lange in eine Richtung, bis es nicht mehr weitergeht. Dann fahren wir in eine andere Richtung.

Paddeln in Schweden

Tütensuppe zum Dinner auf Hastö? Viel besser! In der Kühlbox: Lachs, Gemüse, Thai-Curry, Kokosmilch

Schon ist der Blick frei fürs Wesentliche: die Landschaft. Da fliegen Schäfchen durch einen Himmel, so weit und hoch, dass er auf keine Postkarte passt. Da ragen flechtenbewachsene Felsen aus dem Meer wie sonnenbadende Buckelwale. Da halten sich Miniaturinseln über Wasser, gerade groß genug für eine Birke. Da sind die horizontweiten Felsküsten der größeren Inseln, überwuchert von Wacholder, Esche, Kiefer. Da ist die Schärenwelt, wie sie sich kein Fußgängerzonenmaler prächtiger ausdenken könnte.

Und genau da paddeln wir durch. Und zwar so, wie es sich für Anfänger gehört: Wenn Ulrike backbord paddelt, paddele ich steuerbord. Wenn wir zu weit nach links fahren, drücke ich das Ruderpedal mit dem rechten Fuß so weit durch, dass sich mein kleiner Zeh verkrampft. Schlägt das Boot endlich ein, landen wir viel zu weit rechts. Was erklärt, warum wir am ersten Tag nicht die gut zehn Kilometer bis zum Pub schaffen, sondern nur etwa die Hälfte bis zur Insel Vänsjö.

Wir legen an, oder besser: Beim Versuch, das Riff vor dem Ufer zu umschiffen, laufen wir unkontrolliert auf Grund. Als wir das Kajak aufs Trockene ziehen wollen, machen wir Bekanntschaft mit der Dreistufenschichtung des Schärenufers: Im knietiefen Wasser bietet es dank einem dichten Seegrasteppich bombenfesten Halt. Ganz oben steht es sich ebenfalls stabil, da ist der trockene Fels. Dazwischen aber liegt ein Meter abschüssige Glitschigkeit, vergleichbar mit einer eingeseiften Rampe aus gefrorenem Speiseöl. Sollte mich aus irgendeinem Gebüsch ein schwedischer Youtuber dabei gefilmt haben, wie ich wieder und wieder versuche, an Land zu kommen und zurück in die Ostsee rutsche: Der Clip geht definitiv viral.

Aber die Mühe lohnt sich. Als wir es endlich geschafft haben, stehen wir – ohne die Tausenden anderen Schären beleidigen zu wollen – am besten denkbaren Ort für unser Nachtlager. Eine Art Felsterrasse, so geformt, dass Koch- und Feuerstelle direkt am Wasser liegen. Darüber eine Stufe zum Sitzen. Ganz oben Platz fürs Zelt, dahinter ein Kiefernwäldchen.

Lagerfeuer in Schweden

Abendliches Ritual am offenen Feuer: Der Reporter Sebastian Kretz versucht sich am felsigen Ufer von Vansö erfolgreich als Blasebalg

Wir hocken uns auf die Felsbank. Gleich vor dem Ufer ragt, grau und kantig, das Riff aus dem Wasser, darauf wärmt eine Möwe in den letzten Sonnenstrahlen das Gefieder. Beim Meer ist nicht klar, ob jemand das Wasser durch glühendes Kupfer ausgetauscht hat. Ab und an sieht ein Fisch nach dem Rechten und taucht platschend wieder ein. Erst als die Sonne hinter den ochsenblutfarbenen Häuschen auf der gegenüberliegenden Insel verschwunden ist, packen wir aus.

Ich kenne Zelten vor allem vom Wandern; man verzichtet auf alles, was zum Überleben nicht nötig ist. Für die Verpflegung bedeutet das meist: Entweder die Tüte mit den Bolognese-Nudeln oder die mit den Käsenudeln. Ein halber Kubikmeter Bootsbauch fasst dagegen (unter anderem): per Kühlbox frisch gehaltenes Rindfleisch, einen Bund Frühlingszwiebeln, Karotten, Zucchini, Reis, zwei Dosen Kokosmilch, ein Paket Thai-Curry. Als Galionsfigur haben wir außerdem auf dem Rumpf eine Korianderpflanze mitgeführt. Eine Dreiviertelstunde später, das Meer ist jetzt mit Edelstahl gefüllt, sitzen wir an unserem kleinen Lagerfeuer und kommen zu einer endgültigen Erkenntnis: Mag sein, dass nach einem ganzen Tag an der frischen Luft selbst trocken Brot köstlich schmeckt. Ein frisch zubereitetes Thai-Curry schmeckt besser.

Am nächsten Tag widmen wir uns wieder unserer Mission Missjö: Vom Nachtlager aus müssen wir nur geradewegs nach Osten, dann ebenso direkt nach Süden. Das sollten selbst navigatorische Analphabeten wie wir schaffen. Auch das Problem des Synchronpaddelns lösen wir. Mit militärischem Drill.

Links! Rechts! Links! Leider ist es für die Feinabstimmung, Thomas riet uns, nicht mit den Armmuskeln zu paddeln, sondern mit dem Rumpf, jetzt zu spät. Mein Nacken schmerzt. Ulrike ruft etwas, das ich wegen des Windes nur erraten kann, aber Begriffe wie »Atombombe«, »Arm abhacken« und »sofort Pause« enthält.

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Wir legen auf etwas an, das aussieht wie eine Felseninsel mit einer Lagune. Ulrike verschreibt sich Kaffee, Kekse und Diclofenac. Eine Flotte Schweden paddelt vorbei.»Wohin fahrt ihr?«, ruft einer. Ich: »Nach Süden.« Der Mann lacht. Dann sagt er im selben Ton, in dem mir meine Mutter das Tragen einer zusätzlichen Jacke empfiehlt: »Da ist es aber ganz schön stürmisch.«

Diesem Problem entziehen wir uns auf bewährte Weise: Wir paddeln noch eine halbe Stunde, dann legen wir an. Was wir jetzt noch nicht wissen können: hervorragende Idee, dass wir uns schonen. Für den nächsten und letzten Tag werden wir alles brauchen, was an Kraft und Konzentration übrig ist.

Als wir Google Maps konsultieren, stellen wir fest, dass der Felsen, an dem wir für unsere Kaffeepause haltgemacht haben, Teil der Insel Missjö war. Und der Pub, nach dessen Zapfhahn wir uns seit 48 Stunden sehnen, liegt in der Bucht daneben. Leider sind wir vorbeigefahren. Die zweite Erkenntnis: Wir werden es nie und nimmer zu unserem zweiten Ziel, dem Dorf Harstena, schaffen. Wir können stolz sein, wenn wir den nächsten auf der Karte verzeichneten Abholpunkt namens Tyrislöt nicht verfehlen. Andererseits: Wenn den ganzen Tag die Sonne scheint und sich abends verlässlich spektakulär verabschiedet, wenn die Kühlbox Lachsfilets, Süßkartoffeln und Dill bereithält und das Zelt so nahe am Meer steht, dass wir von der Luftmatratze ins Wasser rollen könnten – wen interessiert dann das Tagessoll? Als der letzte Schimmer Licht vom Horizont gerutscht ist, legen wir uns auf den Rücken. Wenn man das in der Stadt macht, ist der Himmel eine grauschwarze Fläche, aus der hier und da zaghaft ein weißer Krümel leuchtet. In St. Anna: ein einziges Funkeln, jedes Sternbild vollständig bis hin zum schwächsten Pünktchen, und mittendrin das Band der Milchstraße.

Paddeln in Schweden

Wenn langsam das Licht vom Horizont rutscht, schlägt auf Småskär die Stunde der Hängematte

Am Vormittag paddeln wir zwischen den Inseln Lökö und Småskär südwärts. Nach der schmalen Durchfahrt wollen wir einen scharfen Bogen landeinwärts machen und Tyrislöt ansteuern. Allerdings wird die Fahrrinne umso enger, je weiter wir kommen. Und umso flacher. So flach, dass wir das Ruder hochklappen müssen. So flach, dass nicht mehr klar ist, ob wir über Meer oder überschwemmtes Land fahren.

»Paddel rückwärts!«, ruft Ulrike plötzlich. »Da ist kein Wasser mehr.« Vor uns liegt keine schmale Durchfahrt. Vor uns liegt Land. Da fällt mir Thomas’ Geschichte vom sich hebenden Grund ein, die ich für Paddlerlatein hielt. Seit der letzten Auflage unserer Karte muss sich das Land um jene paar Millimeter gehoben haben, die dem Schilf zum Gedeihen fehlten. Und wenn Schilf einmal wächst, wächst es rasend schnell. Zum Glück, sehen wir jetzt, ist die Passage nicht völlig versperrt. Da gibt es einen schmalen, steinigen Wasserweg.

Wir wagen uns hinein. Laufen wir auf, drückt Ulrike das Boot mit dem Paddel vom Grund hoch. Gleiten wir auf einen Felsbrocken zu, greife ich mit der Hand ins Wasser und schiebe uns beiseite. Pro Meter brauchen wir eine gefühlte Minute. Dafür können wir jetzt von uns behaupten, eigenhändig das Meer geteilt zu haben! Oder das Land, je nachdem. Kaum, dass wir die Durchfahrt passiert haben, verstehen wir, warum uns der freundliche Schwede vor der Fahrt nach Süden warnte: Wir sind jetzt nicht mehr in dem geschützten Schärengarten von St. Anna. Wir sind jetzt auf dem offenen Meer; die nächste größere Landmasse Richtung Osten ist 300 Kilometer entfernt und gehört zu Lettland. Und das ist der Punkt, an dem uns der Sturm ins Gesicht schlägt und beinahe kentern lässt. Was uns, durchnässt und japsend, nicht davon abhält, beim Plan zu bleiben: Wir paddeln stur westwärts. Tyrislöt ist der einzige Abholpunkt, den wir heute erreichen können.

Geräucherter Fisch

Im kleinen Hafen von Tyrislöt bekommt man im Sommer Mietboote. Und geräucherten Fisch für die Fahrt

Als ich dermaßen nass bin, dass eine Eskimorolle auch keinen Unterschied mehr machen würde, hat Ulrike eine Idee: »Wir müssen kreuzen!« Wir rudern wieder mit Ansage, links-rechts-links. Zwanzig Stöße gegen den Wind aufs offene Meer, zwanzig mit dem Wind zur Küste hin. Damit kommen wir zwar kaum voran, aber immerhin kentern wir nicht. Es fühlt sich an, als hätte sich ein gehässiger Meeresvogel auf meiner Schulter niedergelassen und hackte mir bei jedem Zug in den Muskel. Ich kann nur ahnen, wie es Ulrike mit ihrem Arm gehen muss. Entweder schweigt sie den Schmerz weg. Oder der Wind übertönt ihr Jammern. Oder sie hat sich heute morgen noch ein paar Pillen aus ihrer Reiseapotheke verschrieben.

Nach einem gefühlten halben Nachmittag Sturm erahnen wir an der Küste ein paar Häuser. Die Gebilde, die daneben in die Höhe ragen, könnten Masten sein. Sollten wir ausnahmsweise richtig navigiert haben? Eine halbe Stunde später schlingern wir in das aufgewühlte Hafenbecken von Tyrislöt, rammen links eine Jacht und rechts ein Kajak, schubbern schließlich auf die Slipanlage. Werfen die Jacken ab, stürmen zu dem winzigen Tante-Emma-Laden neben dem Hafengebäude und leeren unverzüglich eine sehr große Kaffeekanne. »Geschafft«, sagt Ulrike. »Geil«, sage ich. Weitere Worte müssen warten, bis wir wieder warm und trocken sind.

Bevor Thomas uns abholt, spazieren wir durch den menschenleeren Hafen. An der Wasserkante steht eine einsame Zapfsäule, darüber zerrt der Wind eine Schwedenflagge senkrecht in die Luft. Das Meer schäumt und gurgelt. Ulrike und ich schauen uns an: Mag sein, dass wir nicht einmal die Hälfte unserer Route geschafft haben. Aber diese wilde See zu durchqueren: Das sollen uns die Paddelprofis mit Navigationsdiplom erst mal nachmachen!

Den Infoteil mit allen Tipps und Adressen zu der Geschichte finden Sie in der untenstehenden Ausgabe von GEO Saison.

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