Norwegen Eine winterliche Tour durch die Telemark

Die Heimat des modernen Skisports liegt im Süden Norwegens. Eine winterliche Tour durch die Provinz auf Schneeschuhen, mit dem Schlitten und auf Skiern
Gaustatoppen, Telemark, Norwegen

1883 Meter trohnt der Gaustatoppen über der verschneiten Kulisse der Telemark

Unterwegs mit Schneeschuhen

Die letzten Meter sind die mühsamsten. Schritt für Schritt kämpfe ich mich bergauf. Jetzt nur nicht ins Rutschen geraten und in den Tiefschnee plumpsen. Mit Schneeschuhen sollte die Wanderung eigentlich ein Kinderspiel sein (Verleih im Skicenter Vrådal), hatte mir die Leiterin des Norsk Skieventyr in Morgedal gesagt, des Museums zur Geschichte des Wintersports. Auch sie bekräftigte, dass ich mich am Geburtsort des modernen Wintersports befände. Ski, Slalom, Loipe, Telemarken – all diese Begriffe stammen aus Norwegen, ebenso wie der Sport selbst, der in der Telemark seinen Ursprung hat. Grund genug, der zwischen Schärenküsten und Hochgebirge gelegenen Provinz in der kalten Jahreszeit einen Besuch abzustatten. Aber der Ursprung des Skisports liegt halt nicht unten im Tal, sondern oben auf einer Anhöhe, 2,5 Kilometer nordöstlich vom Museum. Und die will bestiegen werden. Belohnung ist allein schon der Ausblick: blau-rosa Wölkchen am Himmel, schroffe, schneebedeckte Hänge und der See Morgedalstjønni, der sich wie ein weißes Band zwischen die Berge schmiegt. Daneben wirkt das Geburtshaus von Sondre Norheim, das Ziel meiner Tour, eher bescheiden. Eine einfache Holzhütte, die gerade einmal Platz für Bett, Tisch und Bänke hat, war das Zuhause des 1825 geborenen Bauernsohns und Vaters des modernen Skilaufs sowie eines der besten Abfahrer und Springer seiner Zeit. An seinem alten Küchenofen wurde deshalb gleich dreimal das Feuer für Olympische Winterspiele entzündet (der Schlüssel zur Hütte hängt an einem Brett auf dem Parkplatz vor dem Aufstieg). Das Quality Straand Hotel in Vrådal, eine ehemalige Poststation, bietet seit 150 Jahren Gästen behagliche Zimmer, historische Aufenthaltsräume und ein Schwimmbad mit Sauna (DZ/F ab 150 €). Die Eigentümer betreiben auch rustikale Holzhütten und moderne Ferienwohnungen (5 Nächte für 4–6 Pers. ab 415 €).

Telemark testen

Ob Sondre Norheim bereits als junger Mann so begeistert für seinen Sport warb wie Lars-Petter Laenn, entzieht sich meiner Kenntnis. Laenn, mein 23 Jahre alter Lehrer, ist nämlich begeistert von seinem. »Der Telemarkstil ist viel geschmeidiger als herkömmliches Skifahren – und sieht cooler aus«, findet er. Das mag auf ihn zutreffen, wenn er die Abfahrt des Skigebiets Gaustablikk im Norden der Provinz herabfährt – schnittig, mit gebeugtem Knie und hinten hochgezogener Ferse, da bei dieser Abfahrttechnik nur die Spitzen der Skischuhe durch eine Bindung fixiert sind. Ich hingegen eiere eher, als dass ich fahre, schon bald protestieren die Oberschenkel gegen den ungewohnten Ausfallschritt beim Kniefall auf Skiern (Verleih: Kvitaavatn Skiutleie). Insofern ist es ein Glück, dass ich am Nachmittag den 1883 Meter hohen Gaustatoppen nicht mit Muskelkraft bezwingen muss. Denn der höchste Berg Südnorwegens, der ein wenig wie ein Vulkan mit abgeschnittener Kuppe wirkt, birgt ein Geheimnis. Jedenfalls war es das im Kalten Krieg: eine Bergbahn im Inneren des Gesteins, die in den 50er-Jahren in den Fels gehauen wurde und lange Zeit strikter Geheimhaltung unterlag. Heute kann jeder mit der 850 Meter langen Schmal spurbahn und der anschließenden 1045 Meter langen Standseilbahn den Berg erobern. Das tun vor allem Tourengänger und Freerider. Extremskifahrer können sich in die fast senkrechten Rinnen des Berges stürzen und die Fahrt abseits von präparierten Pisten genießen, ohne dass Lifte oder Gondeln den Blick trüben. Als nicht besonders geübte Alpinistin erfreue ich mich dagegen am 360-Grad-Panoramablick und entscheide mich für eine Abfahrt mit der Bahn. Schließlich lässt sich auch von der Terrasse des Gaustablikk Hoyfjellshotell der Ausblick auf den Berg genießen, und später kann ich im Pool und in der Sauna relaxen (DZ/F ab 195 €). Wem das weitläufige Hotel zu groß erscheint, mietet sich eine Hütte (ab 120 €/Tag). In der Gaustatoppen Turisthytte werden einfache Speisen wie Suppen oder Waffeln aufgetischt. Außerdem gibt es 11 Schlafplätze (ab 40 €).

Rodeln und Langlauf

Tiefenentspannt traue ich mich am nächsten Tag auf die schwarze Piste. Allerdings nicht mit alpinen Skiern, sondern zunächst mit dem Lenkschlitten. Das Skigebiet Rauland umfasst drei Stationen. Beliebt bei Familien ist Vierli, denn dort gibt es einen Schlittenlift, einen Verleih und drei lange Lenkschlitten-Pisten – wie beim Skifahren nach Schwierigkeitsgrad in Blau, Rot und Schwarz unterteilt. Die meisten Gäste sind jedoch Langläufer. Rund um das Skicenter liegen über 30 Loipen, die sich über rund 150 Kilometer erstrecken. Auch ich steige deshalb auf Langlaufskier um und gleite durch die märchenhafte Landschaft um den See Uvatn und die Bergkette Raulandsfjell, blicke auf Holzhäuschen, windschiefe Birken und den Schnee, der in der Sonne glitzert. Das Rauland Høgfjellshotell liegt direkt an einer der Loipen, die zum Skicenter führen. Abends sind sie beleuchtet und ziehen sich wie eine Prozession von Glühwürmchen den Berg hinauf (Pool, Dampfbad, Sauna, DZ ab 230 €)

Anreise in die Telemark

4,5 Stunden dauert die Überfahrt mit der Fjordline-Fähre vom norddänischen Hirtshals über den Skagerrak nach Langesund im Süden der Region Telemark (2 Pers. inkl. Auto, hin und zurück ab 130 €). Der nächstgelegene Flughafen ist Sandefjord/Torp.

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