Hidden City Auf versteckten Pfaden durch London

Das Start-up Hidden City bietet SMS-Schnitzeljagden durch fünf britische Metropolen an. GEO.de-Redakteurin Julia Großmann hat sich an einer abendlichen Route durch London versucht
Auf versteckten Pfaden durch London

Zwischen Big Ben und National Theatre: London Southbank war das Schnitzeljagd-Gebiet von GEO.de-Redakteurin Julia Großmann

Die Sonne ist gerade untergegangen, die Lichter Londons spiegeln sich in der Themse, ich zücke mein Handy und tippe "Start". Nur wenige Sekunden später bekomme ich die erste von 13 Aufgaben für den heutigen Abend per SMS zugesandt. Und die hat es gleich in sich: Aus einem Wust von Zahlen und verschlüsselten Hinweisen soll ich herausfinden, wer einst den Sonnenuntergang an der Waterloo Bridge besang. Nicht ganz einfach, aber ich habe es ja nicht anders gewollt, denn ich versuche mich an einer Schnitzeljagd durch das abendliche London.

Hidden City heißt das Konzept des gleichnamigen Start-ups. In York, Brighton, Newcastle, Manchester und London werden Schnitzeljagden zu verschiedenen Oberthemen und Stadtvierteln angeboten. Ich habe mich für den Bright Evening Trail entschieden. In zwei bis drei Stunden werde ich zwischen Southbank und Central London Aufgaben lösen, Hinweise suchen und, wenn mich der Ehrgeiz packt, versuchen, die Bestzeit zu knacken. Er packt mich nicht, und das ist gut so. Denn selbst der Erfinder und Geschäftsführer von Hidden City, Rob Reason, hält meine Routen-Wahl durchaus für eine Herausforderung: "Die meisten der Trails in London sind für die Bewohner gemacht, die ihre Stadt auf neuen Pfaden entdecken möchten. Touristen empfehle ich den West End Explorer. Reisende, die schon oft in London waren und sich im britischen Geschehen auskennen, können sich an jedem Trail versuchen." Ich zähle mich zu letzterer Gruppe. Aber wer den Sonnuntergang an der Waterloo Bridge besang, weiß ich trotzdem nicht. Ich suche mir Hilfe im National Theatre, das liegt gleich vor mir.

"Nein, Liebes, das weiß ich leider nicht", entschuldigt sich der Wachmann und verweist mich an Ryan, der die Information betreut. Ryan ergoogelt mir kurzerhand die Antwort: "The Kinks" tippe ich in mein Handy. Ryan und Google liegen richtig, ich bekomme meine zweite Aufgabe. Und die liegt praktischerweise gleich hier im National Theatre. Irgendwo im Erdgeschoss soll sich ein Stein befinden, den die Queen einst enthüllte. Aber zu welchem Anlass? Ryan grinst, als er die Frage liest, denn er kennt die Antwort. "Ich will sie Dir nicht verraten, das findest du allein heraus! Viel Glück."

Und tatsächlich, lange brauche ich nicht, bis ich die zweite Antwort abschicken kann. Mein Weg führt mich weiter am Ufer der Themse entlang, in sämtliche Veranstaltungshäuser, über die Brücke und wieder zurück. Anzutragende Theater- und Restaurantbesucher mischen sich mit ausgehhungrigen Jugendlichen. Ich entdecke Panoramaterrassen und Bars, die in keinem Reiseführer stehen, genieße den uneingeschränkten Blick auf Big Ben und lerne mit jeder Aufgabe mindestens zwei neue Menschen kennen, die mir die Richtung weisen, mir Tipps geben oder mich einem Freund vorstellen, der es vielleicht wissen könnte.

Die menschliche Interaktion ist eine Grundidee des Konzepts von Hidden City. "Wir wollen, dass Menschen sich austauschen und unterwegs kennenlernen – und Plätze entdecken, von deren Existenz sie bisher nicht wussten", so Rob. Ein bis fünf Spieler bilden ein Team, die bei Bedarf auch gegeneinander antreten können. Fragen ist erlaubt, sollte keiner der Teammitglieder oder Helferlein eine Idee haben, lassen sich mit den Befehlen "hint" und "hothint" weitere Informationen und Hinweise zu der Aufgabe per SMS abfragen. Ab dem zweiten Hinweis gibt es allerdings pro Information eine Zeitstrafe von zehn Minuten.

Eine Frage, die mich neben meinen Aufgaben unterwegs immer wieder beschäftigt: Wer kommt überhaupt auf diese geheimen Orte, wenn selbst gebürtige Londoner mit den Achseln zucken? "Unser Team besteht aus drei Festangestellten und 15 Freiberuflern. Gemeinsam arbeiten wir stets an neuen Routenideen und Jagden," sagt Rob. Während ein Spieler lediglich ein paar Stunden für einen kompletten Trail benötigt, sitzen mindestens vier Personen rund sechs bis acht Wochen zusammen, um eine neue Route zu entwerfen und umzusetzen. "Die meiste Zeit verbringen wir damit, zu entscheiden, was wir alles nicht mit reinnehmen. Am Anfang stehen so viele Ideen, die wir nach und nach einstampfen und zusammenführen", erklärt Rob den Arbeitsablauf. Zwischen acht und 22 Aufgaben hat ein Trail, es gibt eingeplante Pausen, vornehmlich, wenn Bars oder Cafés in der Nähe sind, bei denen die Zeit gestoppt wird, damit auch ehrgeizige Schnitzeljäger mal kurz durchatmen können.

Auf versteckten Pfaden durch London

Sprachkurs inklusive: Wer sich an einer Schnitzeljagd beteiligt, muss bei der ein oder anderen Frage Einheimische zurate ziehen

Auf die Zeit schaue ich schon lange nicht mehr. Nach zwei Stunden hänge ich an Aufgabe acht fest. Weder die "hint"-SMS noch intellektuell anmutende Briten können mir weiterhelfen. Letztere widmen sich lieber einem Glas Wein, denn die Lösung zu Aufgabe acht verbirgt sich irgendwo auf dem Gelände einer historischen Wein-Bar, die idyllisch zwischen Park und Themse liegt. Zwei falsche Antworten habe ich bereits abgeschickt und mir damit gleich 20 Minuten Zeitstrafe eingehandelt. Mein letzter Versuch ist ein junger Mann mit Schnauzer.

"Was zur Hölle machst du? Eine Schnitzeljagd? Es ist Samstagabend, betrinken solltest du dich!" Er sei Ire, entschuldigt der Schnauzbart sich mit einem Lächeln, und die würden sich am Wochenende eben lieber betrinken, anstatt organisierten Spaß zu haben. Die Antwort wisse er auch nicht, aber einen Wein könne er mir empfehlen. Betrinken werde ich mich zwar nicht, aber ich entscheide, dass dies der perfekte Ort ist, um auszusteigen. Ich werde die Antwort so schnell nicht herausfinden, was mich tatsächlich wurmt. Dafür habe ich einige neue Lieblingsplätze in London hinzugewonnen und das empfohlene Glas Wein auf die sieben schon gelösten Aufgaben schmeckt umso besser.

Infos zu Hidden City

Wie funktioniert Hidden City?

Auf der Webseite www.inthehiddencity.com sind alle sogenannten Trails aufgelistet – inklusive einer Kurzbeschreibung, der Angabe von Startpunkt, Dauer und Schwierigkeitsgrad. Dann gilt: Trail aussuchen, Team anmelden und Willkommens-SMS abwarten. Innerhalb der nächsten 28 Tage kann man sich dann am Startpunkt einfinden und beginnt die Schnitzeljagd mit einer "Start"-SMS. Ein Team zahlt 16 Pfund pro Trail.

Für wen ist Hidden City?

Alle Altersgruppen werden ihren Spaß haben. In jeder Stadt gibt es eine Einsteigerroute, die auch für Touristen machbar ist. Wer sich bereits auskennt und die Herausforderung sucht, kann sich an allen Trails versuchen. Tipp: Zu Ostern, Weihnachten oder anderen Festivitäten gibt es spezielle Schnitzeljagden, die teilweise umsonst angeboten werden.

Besonderheiten

Mit manchen deutschen Mobilanbietern funktioniert das SMS-System von Hidden City nicht einwandfrei (zum Beispiel E-Plus/Base), deswegen lohnt sich eine Test-SMS, bevor es losgehen soll. Pro Team können mehrere Nummern angegeben werden. Ganz sicher geht man mit einer britischen SIM-Karte, die es für 99 Pence in jedem Supermarkt oder Kiosk gibt.

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