Im Anflug auf Reykjavík

Heiße Quellen, gigantische Wasserfälle und unwirkliche Landschaften locken Abenteuerlustige aus der ganzen Welt nach Island. Die Finanzkrise brachte eine günstige Krone und damit den ersten touristischen Aufschwung, der Ausbruch des unaussprechlichen Vulkans Eyjafjallajökull heizte den Boom weiter an und auch der Erfolg der Fußball-Nationalmannschaft half dabei, die Branche schließlich zum Glühen zu bringen. Heute besuchen jährlich weit über eine Millionen Touristen den nordischen Inselstaat. Die meisten von ihnen begeben sich auf eine Entdeckungsreise östlich von Reykjavík auf dem sogenannten Golden Circle. Doch wie sieht es im Nordwesten der Vulkaninsel aus? Lässt sich in den Westfjorden noch ihre einstige Abgeschiedenheit erfahren?

Auf der Ringstraße

Lavagestein gesprenkelt von grün-braunen Gräsern: Bereits kurz hinter Reykjavík beginnt die raue Landschaft Islands. Auf der berühmten Ringstraße geht es in Richtung Norden. Die See tobt und tiefhängende Wolken schieben sich vermehrt vor die Gipfel der Berge.

Kirkjufell

Rund zwei Stunden Autofahrt nördlich von Reykjavík wartet die Miniaturausgabe Islands: Auf der Halbinsel Snæfellsnes folgt ein Postkartenmotiv dem nächsten. Den Beweis liefert der vielleicht am meisten fotografierte Berg Islands. Der Kirkjufell soll für die Fischer aus der Entfernung dem imposanten Antlitz eines großen Gotteshauses geähnelt haben, weshalb sie ihn (zu Deutsch) "Kirchberg" tauften.

Filmkulisse am Wegesrand

In den düsteren Nebel gehüllt, wirken die Felsen am Horizont wie Figuren aus einer der zahlreichen Wikinger-Sagen. Und das alte, mit Moos bedeckte Lavagestein am Wegesrand erinnert an Kulissen aus "Game of Thrones" oder "Herr der Ringe“. 

Stykkishólmur

Stykkishólmur ist nicht nur Anlaufpunkt zur Überfahrt auf die Westfjorde: Die Häuser in dem beschaulichen Hafenstädtchen leuchten in verschiedenen Farben, in der Library of Water schafft die US-Künstlerin Roni Horn mit dem Schmelzwasser von diversen Gletschern in deckenhohen Glaszylindern Aufmerksamkeit für den allgegenwärtigen Klimawandel und am alten Fischereihafen posieren majestätische Pferde vor einem verwitterten Schiffswrack.

Entspannen am Hafen

Vor einer mehr als beeindruckenden Kulisse laden die zwei sympathisch exzentrischen Initiatorinnen zur sogenannten "Stykkisholmur Slowly"-Tour. Ihr Ziel: Island ganz im Sinne ihrer „genusssüchtigen Großmütter“ zu vermitteln. Sie erzählen davon, wie sie sich über ihre Kinder kennengelernt und angefreundet haben. Erst später stellten sie fest, dass sie tatsächlich verwandt sind. Da dies keine Seltenheit in Island ist, hilft den Einheimischen das IslendingaBok („Buch der Isländer“) weiter – eine der umfassendsten genealogischen Datenbanken der Welt, die die genealogischen Informationen der Isländer auf über 1.200 Jahre zurückdatieren soll.

Die Überfahrt auf die Westfjorde

Bereits aus Stykkishólmur ließen sich viele kleine vorgelagerte Inseln erkennen. Doch erst auf der Fähre in Richtung der Westfjorde wird klar, warum sich ihre Menge kaum beziffern lässt. Der breite Breiðafjörður gilt als Paradies der ansässigen Eiderdaunen-Farmer. Die extrem leichten und gleichzeitig ebenso warmen Daunen werden von Hand aus den verlassenen Nestern der Eiderenten gesammelt und aufwendig gereinigt. 

Warme Farben im kalten Wind

Der Kälte trotzend, lohnt es sich die Überfahrt auf dem Außendeck zu verbringen. Die raue See bringt den Horizont immer wieder zum Kippen. Vereinzelnd tauchen kleine Hütten auf den kaum wahrnehmbaren Inseln auf. Plötzlich bricht ein Regenbogen durch die dunklen Wolken und fügt sich nahtlos in das beeindruckende Landschaftsbild ein. Die Hälfte der rund zweieinhalb Stunden Überfahrt vergeht so wie im Fluge.

Flatey

Bei dem einzigen Zwischenstopp auf der urigen Insel Flatey werden einige Briefe übergeben, kleine Container wechseln den Besitzer. Leider reicht die Zeit nicht dafür, kurz das Boot zu verlassen. Ein flüchtiger Blick über die flache Insel verspricht allerdings farbenfrohe Häuser und ein einzigartiges Panorama.

Die Westfjorde

Auf den Westfjorden angekommen, schlängeln sich schier endlose Straßen um die mächtigen Berge, die sich majestätisch in Richtung Ozean strecken. Jedes Ziel scheint in weiter Entfernung zu liegen. Jeder Kilometer kostet mehr Zeit als an vielen anderen Orten. Und jeder Blick aus dem Fenster bestätigt die allseits umschriebene Abgeschiedenheit, die neben den ausbleibenden Touristenmassen sogar viele Einheimische fernhält.

Látrabjarg – Das Ende Islands

Als die scheinbar einzige Straße plötzlich endet, sind es nur noch ein paar Meter bergauf, die das Ende der Welt vermuten lassen. Und während ein Schild den westlichsten Punkt Islands und sogar Europas verspricht (die Azoren würden hier sicherlich Einspruch erheben), stürzen im Hintergrund die steilen Klippen von Látrabjarg in die Tiefe. Das riesige Brutgebiet gleicht in den Sommermonaten einem Hochhaus für unzählige Meeresvögel, die sich ihre Nester etagenweise in den markanten Felsen einrichten. 

Rauðisandur

Ganz in der Nähe und doch weit entfernt liegt der Rauðisandur Beach. Der Weg mit dem Auto dorthin führt nur über eine Schotterstraße, die dieser Bezeichnung alle Ehre macht. Allradantrieb ist hier ein Muss und selbst das Radio lässt nur noch ein monotones Rauschen ertönen. Doch bereits der Blick von dem Pass lohnt sich – bei Ebbe als auch Flut. 

Roter Sand

Der atemraubende Sandstrand erstreckt sich kilometerweit nach links und rechts und ist ebenso verlassen wie die Straße dorthin. Vereinzelnd lassen sich Spuren von den wenigen Besuchern entdecken. Ein Beachvolleyball-Netz gehört zu dem nahegelegenen und vielleicht abgeschiedensten Campingplatz Islands. 

Schwarze Felsen

Die Muscheln färben den Sand im Sonnenlicht rot, braun, gelb und orange. Die tief-schwarzen Felsen verleihen der Umgebung ein einzigartiges Antlitz. Die Welt scheint an diesem Ort stillzustehen.

Schwarze Polarfüchse

Während erste Spuren im Sand bereits Hoffnung machten, lassen sich wenig später auf der Farm des Campingplatzbetreibers tatsächlich junge Polarfüchse blicken. Aus sicherer Distanz erkunden sie die Besucher, ehe sie nach unüberhörbaren Rufen aus der Entfernung wieder in der Felslandschaft verschwinden.

Verlassene Wracks

Vielerorts lassen sich am Wegesrand verlassene Auto- und sogar Flugzeug-Wracks entdecken. Ein Highlight bildet sicherlich das Stahlschiffswrack der Gardar BA 64, das vom Skápadalur Valley aus den Fjord Patreksfjörður überblickt. 

Kleine Dörfer

Rar gesät und umso uriger sind auf den Westfjorden auch die Einkehrmöglichkeiten. Im Fischerort Bíldudalur lädt das scheinbar einzige Restaurant weit und breit (und gleichzeitig der örtliche Supermarkt) „Vegamot“ zu frischen Fischgerichten – wie einem „Fish and Chips“ das dem Namen im positiven Sinne nicht gerecht wird. 

Mächtige Wale

Und während der Chef Gísli unter dem Lärm der lautstark applaudierenden Gruppe von Fischern am Nebentisch mit isländischen Liedern den Abend begleitet, lädt sein Onkel am nächsten Tag zum Whale Watching ein. Und tatsächlich tauchen immer wieder neugierige Buckelwale auf und beweisen eindrucksvoll, wer über die hiesigen Fjorde herrscht.

Imposante Nordlichter

Was zunächst den Anschein einer verschleierten Wolkendecke macht, entpuppt sich in der früh hereinbrechenden Nacht – fernab von der Lichtverschmutzung – als tanzendes Farbenspiel der Polarlichter. Während zunächst nur einzelne Streifen den Himmel zieren, erstrahlt dieser zwischenzeitlich grell-grün. 

Unbeständiges Wetter

Abgesehen von tatsächlichen Hitzewellen, muss man in Island auf alle Wetterbedingungen vorbereitet sein. Denn auf strahlenden Sonnenschein kann sehr schnell ein alles durchdringender Regen folgen. Und auf herbstliche Straßen, mit Frost übersäte Rutschbahnen. Während die Isländer Abstriche in den Bezeichnungen für ihre Verwandten machen, gibt es viele Umschreibungen für die unterschiedlichsten Formen von Eis. 

Heiße Quellen und alte Hütten

Das nächste Ziel ist Ísafjörður weit oben im Nordwesten der Westfjorde. Auf dem Weg dorthin passiert man eine heiße Quelle (Vorsicht! Denn die Wassertemperatur wird nicht überwacht) mit Blick auf einen der zahlreichen Fjorde, Wasserfälle und eine scheinbar verlassene Holzhütte, die sich perfekt in das Schattenspiel der Felsen fügt.

Markante Berge

An Tagen wie diesem lässt das Weiß des Neuschnees das dunkle Gestein noch schwärzer wirken. Ein Berg markanter als der nächste versperrt dem Menschen den Weg und prägt dabei das einzigartige Landschaftsbild der Westfjorde. 

Gigantische Wasserfälle

Während viele Wasserfälle Islands mittlerweile relativ einfach zu erreichen sind, erwartet der "Dynjandi" (Fjallfoss), dass Interessierte eine lange Strecke mit dem Auto zurücklegen. Ohrenbetäubend rauschen gigantische Wassermassen über die Felswand. Oben angekommen gilt es den Blick zurückzuwerfen und im wortwörtlichen Rausch der vielen kleinen Wasserfälle die Kulisse des zu Fuße liegenden Fjords zu bestaunen.

Die Abgeschiedenheit

Der Blick von den Gipfeln lässt nur erahnen, wie viel auf den Westfjorden noch unentdeckt ist. Die isländische Abgeschiedenheit, die vielerorts bereits vergangen scheint, ist hier allgegenwärtig. 

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