Interview Ein Prosit auf die Heimat

Die Satiriker Matthias Egersdörfer und Jürgen Roth haben ein Buch geschrieben mit dem Titel "Reise durch Franken", ihrer beider Heimat. Im Interview erklären sie, warum der Franke an sich ungern reist
Ein Prosit auf die Heimat

Matthias Egersdörfer, 45 (rechts im Bild) ist Kabarettist, der fränkische Akzent sein Markenzeichen. Bekannt wurde er durch Auftritte in "Neues aus der Anstalt" und "Satire-Gipfel". Jürgen Roth, 46, Schriftsteller und Journalisten schreibt unter anderem für das Satiremagazin "Titanic"

GEO: Ist eigentlich etwas dran am Klischee der mundfaulen, in sich gekehrten Franken?

Matthias Egersdörfer: Ja.

Jürgen Roth: Hm.

GEO: Und dann schreiben zwei Franken ein dickes Buch über ihre Heimat. Wie passt das zusammen?

Jürgen Roth: Der Franke kann bisweilen sehr mitteilsam sein, vor allem nach 12 bis 20 Bieren, die er nach alter Sitte im Wirtshaus in sich hineinverfrachtet. Davon versteht er wirklich was, also vom Im- Wirtshaus-Sitzen. In dieser Sozialgestalt ist mir der Franke übrigens am liebsten. Ich bin zwar gebürtiger Franke, lebe aber in Frankfurt und gehöre damit der Population der Teil- und Freizeitfranken an.

GEO: Allerdings prangern Sie den Weißweinkonsum ihres Kollegen Egersdörfer an. Sind das nicht Lästereien eines Abtrünnigen?

Jürgen Roth: Als Mittelfranke Weißwein trinken! Der Abtrünnige ist eindeutig Herr Egersdörfer!

GEO: Sie, Herr Egersdörfer, leben in Fürth, der fränkische Akzent ist auf der Kabarettbühne Ihr Markenzeichen. Hatten Sie nie Lust, die Heimat zu verlassen?

Matthias Egersdörfer: Nun, ich hab’s versucht und die Zivildienstzeit in Hamburg verbracht. Aber ich wurde unglücklich. Da dachte ich mir, unglücklich kann ich auch in Franken sein.

GEO: Erst reisen Sie wochenlang gemeinsam, um für Ihr Buch zu recherchieren, dann verfassen Sie "Die Reise durch Franken" als E-Mail-Schlagabtausch. Waren Sie sich so uneins?

Matthias Egersdörfer: Der Roth hat bei Schopenhauer, Marx und Kant nicht nur die Buchrücken überflogen. Der scheut weder lange Gedanken noch lange Sätze. Ich sehe mich da eher als Cousin von Pu, dem Bären. Aus dieser Konstellation ergeben sich naturgemäß Konflikte, über die kann man nicht einfach drüber hinwegschreiben.

Ein Prosit auf die Heimat

Das Buch "Die Reise durch Franken" ist frisch beim Piper Verlag erschienen

GEO: Haben Sie unterwegs etwas Neues über Franken erfahren?

Jürgen Roth: Die Sichtweisen auf diese Region sind derart disparat, dass wir oft nicht mehr wussten, ob es Franken überhaupt gibt.

GEO: Weil nicht wirklich bayerisch und schon lange nicht mehr preußisch?

Jürgen Roth: Historisch gibt es ungleich mehr Verbindungen ins Preußische als nach Oberbayern. Der Protestantismus spielt da eine Rolle – die Fetischisierung der Arbeit, die Abneigung gegenüber allem barock-katholisch Theatralischen. Würden sich die Bayern nicht immer so aufspielen, würde der Franke über diese Wichtigtuer kein Wort verlieren.

GEO: Sie schreiben, der Franke reise selten. Warum?

Matthias Egersdörfer: Er weiß, dass er auch auf Bali nicht loskommt von sich selbst. Da kann er auch gleich daheim bleiben.

GEO: Und warum sollten wir nach Franken reisen?

Jürgen Roth: Die Fränkische Schweiz ist einer der schönsten Flecken, die es auf dieser geschundenen Erde noch gibt.

Matthias Egersdörfer: In Franken erfreut man sich am besten Bier und an den besten Würsten der Welt.

Jürgen Roth: Nürnberg, da muss man hin, aus tausend historischen Gründen. Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände etwa ist sehr sehenswert. Und dann Bamberg, die Stadt ist nah dran am Elysium! Aus den Brauereien "Fässla" und "Spezial" will ich nie wieder weg.

GEO: Und was ist mit dem Grünen Hügel?

Jürgen Roth: Mein Gesicht verfärbt sich beim Anblick des Grünen Hügels eben genauso. Grün.

Matthias Egersdörfer: Meines rot. Aber vor Begeisterung, wenn ich im Festspielhaus Wagner-Aufführungen beiwohne.

GEO: Was gibt es sonst noch Sehenswertes in Bayreuth?

Jürgen Roth: Das Jean-Paul-Denkmal. Und natürlich die "Lohengrin Therme", die "Parsifal Apotheke" sowie "Reifen Wagner".

Matthias Egersdörfer: Das Grab von Wagners Hund Russ nicht zu vergessen.

GEO: Bei allen Meinungsverschiedenheiten: Gab es auch Momente, die Sie beide genossen haben?

Matthias Egersdörfer: Wir sind einmal nachts unter dem fränkischen Sternenhimmel stark besoffen in einem Kahn den Main hinuntergefahren. Da waren wir beide glückselig.

Jürgen Roth: Daran kann ich mich nicht erinnern.

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