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Über das Erbe einer Legende Prinzessin Messner

Messner Mountain Museum, Magdalena Messner
Magdalena Maria Messner hat in Wien und Rom Kunstgeschichte und Wirtschaft studiert. Jetzt arbeitet sie als Museumskoordinatorin bei Messner Mountain Museum (MMM)
© Florian Jaenicke
Wie führt man ein Lebenswerk fort, das an Größe kaum je zu erreichen ist? Unerschrocken, und charmant. Reinhold Messners Tochter Magdalena hat ihren Platz an der Spitze des bekanntesten Familienbetriebs in Südtirol gefunden

Die Kronprinzessin trägt Sneakers. Nicht aus Understatement. Die Wendeltreppe hinauf in ihr Turmzimmer auf Schloss Sigmundskron läuft so schmal und steil, dass jedes andere Schuhwerk deplatziert wäre. Ja, solche weichen Treter sind genau das Richtige, um sich in ihrem Reich zu bewegen. Treppauf und treppab geht es hier, einen viele Hundert Meter langen Ah- und Oh-Parcours durch die Traumwelt des Königs aller Berge, Reinhold Messner.

Sigmundskron, nach einem älteren, geheimnisvolleren Namen heute wieder Firmian genannt, ist die Herz- und Schaltkammer der sechs Gebäude des Messner Mountain Museum (MMM) – und seine Tochter Magdalena Maria Messner (auch MMM!) ist die neue Direktorin.

„Nein, nicht die Direktorin“, wehrt sie mithellem Lachen ab. „Ich bin die Museumskoordinatorin.“ Direktor sei „schon noch der Papa“, und mit leuchtenden Augen pflichtet sie sich selbst bei: „Das ist mir auch sehr recht, denn ich lerne noch jeden Tag dazu, wenn ich sehe, wie toll er arbeitet. Er hat ja alle Dinge total präsent, wie ein wandelndes Lexikon.“

Corones, Messner Mountain Museum
CORONES Das Bauwerk auf dem Gipfel des Kronplatz setzt den klassischen Alpinismus in Szene – mit Blick auf einige der schönsten Kletterberge der Dolomiten. Im Inneren ist das Thema die 250 Jahre währende Auseinandersetzung zwischen Berg und Mensch
© Harald Wisthaler

Seit die damals gerade einmal 26-Jährige vor drei Jahren an die Spitze des MMM-Teams berufen wurde, ist die schlanke Frau mit den langen blonden Haaren und einem Gesicht, das seinen Vater niemals verleugnen könnte, vor allem damit beschäftigt, aus dem übergroßen Schatten einer lebenden Legende zu treten. Reinhold Messner, „der Papa“, ist der erfolgreichste Bergsteiger aller Zeiten. Er war als Erster auf allen 14 Achttausendern dieser Welt, hat sechs Museen aufgebaut, rund 100 Bücher geschrieben, Filme gedreht –und er hat mit über 70 Jahren immer noch so viele Ideen wie wilde Haare auf dem Kopf.

Aber wem dieses titanische Lebenswerk anvertrauen? Warum nicht seiner Tochter? Auch wenn es den notorischen bösen Zungen nicht schmeckt. Magdalena Messner kann sich noch heute nur wundern über die Missgunst, die ihr entgegenschlug, als sie wie eine supernette Jungbäuerin durchs Land reiste, um gut Wetter zu machen für Südtirols wohl heikelste „Hofübergabe“.

Doch alles geschenkt, auch sie „kann einstecken, so wie der Papa“, der sich noch nie von jemandem den Mund verbieten ließ. Und verstecken muss sie sich schon gar nicht. Sie ist spürbar aus demselben Holz geschnitzt, selbstbewusst, zielstrebig, eloquent, schlagfertig. Gewiss diplomatischer als er, aber dazu braucht es nur ihr Lachen.

Dolomites, Messner Mountain Museum
DOLOMITES Das sanierte Fort auf dem 2181 Meter hohen Monte Rite in den Belluneser Dolomiten bietet ein großartiges Panorama
© Georg Tappeiner

Magdalena Messner ist gelernte Werbegrafikerin, hat dann in Wien und Rom studiert, Kunstgeschichte und Wirtschaft. Ihre Wiener Magisterarbeit „Juwel Juval“ – eine kulturwissenschaftliche Chronik über die wechselhafte Geschichte ihres Vaterhauses – gibt es selbstverständlich auch als Buch in den MMM- Shops. Dazu eine so kecke wie liebevolle Festschrift zu Papas Siebzigstem und seine missionarische Rolle als „Selbstversorger & Bergbauer“ – nicht ohne ihn zu fragen, ob er denn überhaupt Traktor fahren könne.

Nun, eigentlich hat sie halt nur nie ein Museum geleitet, weder in Südtirol noch anderswo. „Und irgendwo Praktikantin sein“ – sie lacht wieder ihr Kronprinzessinnen-Lachen – „da wäre ich doch nicht so glücklich wie hier!“

Auch alpine Höchstleistungen stehen nicht in ihrem Lebenslauf, kein Heiligkreuzkofel, kein Achttausender. „Das Klettern ist nicht meine Leidenschaft. Wandern, ja. Bücher lesen, sehr gern. Besonders gern aber: reisen!“ Wohin? „Gern immer woandershin. Denn ich will immer etwas Neues sehen, will andere Kulturen kennenlernen.“

Und wohin am liebsten? „In asiatische Länder. Diese Welt ist mir sehr nahe, vielleicht, weil ich als Kind so viel Zeit dort verbracht habe.“ Diese Erfahrung ist ihr seither zu so etwas wie einem Lebensmotto geworden: „Den Blick nach draußen, und von außen auf Südtirol – den möchte ich nie verlieren!“

FIRMIAN, Messner Mountain Museum
FIRMIAN Das 2006 auf dem Burgberg von Schloss Sigmundskron bei Bozen installierte Herzstück der MMM zeigt Kunst, Installationen und Messner-Reliquien
© Georg Tappeiner

Das Reisen – „mein Halbnomadenleben“, wie sie es nennt – muss sie wohl in den Genen haben. Messners Tochter, geboren 1988 in München, aufgewachsen in Meran und sommers auf Schloss Juval, war „ganz oft mit, wenn unsere Familie durch die Welt zog“.

Erster Geburtstag: in Jerusalem. Zwei Monate später: im Basislager der Lhotse-Expedition – mit dickem Schnuller in Papas Rückentrage. Kindergarten: mal da, mal dort, unter anderem in Kathmandu, Nepal. Der starke, ruhende Pol dieser abenteuerlichen Vita war (und ist!) die Mama, Sabine Stehle, die Wiener Textildesignerin, die Messner nach langer wilder Ehe 2009 heiratete.

Wenn Magdalena Messner heute auf Reisen geht, tut sie das natürlich auch mit den Augen der MMM-Macherin. Museen und Ausstellungen sind für sie jetzt nicht mehr nur Kür, sondern Pflichtprogramm. Welches Konzept für welches Thema? Für den Shop, für das Café? Wo gibt es Beispiele für die richtige Balance von Wissensvermittlung und Erlebnis? Wer wagt spannende neue Formate?

An neuen Events hat sie, „zusammen mit dem Papa!“, bereits einiges entwickelt. Über dem Felsentheater von Firmian gibt es für die Besucher jetzt auch ein Kino: „Das hängt dort wie eine schwebende Camera obscura zum Thema ‚Mensch – Berg‘.

“Jeden Dienstagabend im August laufen die „Gespräche am Feuer“ – mit Messner, der aus seinem Abenteurerleben erzählt und Fragen über Gott und die Welt beantwortet. Weiteres wird folgen: So soll demnächst ein Wanderweg geschaffen werden, der auf alten und neuen Routen durch die schönsten Gegenden der südöstlichen Dolomiten die Museen Dolomites und Corones verbindet.Genug zu tun also.

ORTLES, Messner Mountain Museum
ORTLES Das Museum im Untergrund von Sulden beherbergt eine Bilderkollektion des 3905 Meter hohen Ortler
© Georg Tappeiner

Dazu kommt, „dass vieles aufzuarbeiten ist, was jahrelang liegen blieb“, erzählt sie aus ihrem Tagesgeschäft. „Wir haben immer gemacht und gebaut, alle zwei, drei Jahre ein neues Museum. Jetzt brauchen wir aber auch mal ein umfassendes Archiv.“

Zum Glück hat sie „ein super Team, mehr als 20 hoch motivierte Leute sind es mittlerweile“, kürzlich ist das MMM zu einem von Südtirols besten Arbeitgebern gekürt worden. Ein kleines, feines, mittelständisches (Familien-)Unternehmen.

Wie sehr dies Chance und Herausforderung zugleich ist, wird ihr jedes Mal neu bewusst, wenn sie von einem MMM zum anderen durchs Land pendelt.

„Wir sind das einzigeMuseum weit und breit, das ohne Subventionen auskommt – und das auch will und muss.“ Die meisten der Gebäude sind auf 30 Jahregepachtet, mietfrei, sie müssen aber erhalten und der Öffentlichkeit zugänglichgemacht werden. „Manchmal“, das räumt sie unumwunden ein, „mach ich mir schon Gedanken, wie das wirtschaftlich auch künftig alles zu stemmen ist.“

Aber vermutlich hat diese Sorge nur mit dem zu tun, was sie im Fragebogen des Bozner Magazins „ff“ als ihren „größten Fehler“ angab: „Perfektionismus“. Verständlich auch, dass sie eine Wanderung mit dem Reporter schon von vornherein per E-Mail ausschlug („schwierig, da ich nicht so leicht von der Arbeit wegkomme...“). Doch die Ablehnung kam gepaart mit perfektem Charme: „Wenn man das gesamte Museumsareal von Firmian besichtigt, legt man ja auch über 350 Höhenmeter zurück:-)“

JUVAL, Messner Mountain Museum
JUVAL Reinhold Messners Privatschloss oberhalb von Naturns beherbergt seine Abenteuer-Bibliothek, Tibetika- und Masken- sammlung, Bilder der heiligen Berge der Welt und den »Expeditionskeller«
© Georg Tappeiner

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