Ivvavik Nationalpark Ein Camp in der Tundra

Schon mal unter der Mitternachtssonne geschlafen? Mit Grizzlys gefrühstückt? Über den Permafrost gewandert? In einem alten Goldgräber-Tal im Ivvavik Nationalpark können abenteuerlustige Besucher an der Seite der Ureinwohner leben und die unendlichen Weiten der kanadischen Arktis erleben
Canada, Yukon Territory, Ivvavik National Park, Firth River

Durch das Herz des Ivvavik Nationalpark schlängelt sich der Firth River. Ein Paradies für Rafter auf der Suche nach Adrenalin

Seine Freunde nennen ihn den "Bürgermeister von „Sheep Creek", und tatsächlich hat Mervin Joe, 50, hier oben wichtige Aufgaben zu erfüllen. Er kümmert sich um die orangenfarbenen Campingzelte, die im Licht der Mitternachtssonne funkeln. Er pumpt frisches Wasser aus einem Bach, damit die Bewohner duschen oder auf die Toilette gehen können. Er schaut nach den Solarpanelen oder wirft den Dieselgenerator an, damit die Menschen Strom haben.

Kontakt zur Außenwelt hält Mervin mit einem Satelittenrelais - so auch an diesem Sommermorgen im Juni. „Alle Bewohner sind wohlauf, wir brauchen aber dringend Zucker und frisches Mehl", ruft er laut in das knisternde Telefon und wiederholt seinen Satz gleich zwei Mal, damit ihn die Parkwächter auch wirklich verstehen. Sheep Creek ist kein normales Dorf, sondern ein Wildnis-Camp in der Tundra. Es besteht aus vier Containern und neun Zelten, wird von der Parkbehörde betrieben und steht im Ivvavik Nationalpark im äußersten Nordwesten Kanadas. Bewohnt wird es im Sommer von bis zu zwanzig Menschen: sechzehn Besucher und vier Mitarbeiter.

Mervin, 50, ist der Mann für alles, dann sind da noch die Köchin Louisa, 73 , Wanderführerin Rachel, 31, und die Dorfälteste Renie, 70, allesamt Ureinwohner der Arktis, deren Familien seit Generationen in der Region leben. Mit einer Propeller-Maschine vom Typ „Twin Otter" waren wir aus Inuvik nach Sheep Creek gekommen, mit einem Flug quer über das Flußdelta des Mackenzie River, dessen unzählige Arme und Seitenarme aus der Luft wirken wie ein gigantisches Spinnennetz. Mit Blick auf Canyons, auf eine unendliche Kette blauer Seen, auf Eisberge im Polarmeer. 75 Minuten waren wir unterwegs, bevor wir nach einem steilen Landeanflug auf der kurzen und holprigen Schotterpiste des Camps aufsetzten. Der Flug ist die einzige Verkehrsanbindung, keine Straße führt hierher, kein Zug, kein Autobus.

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Jetzt sitzen wir in Louisas Küchenhäuschen, das ein wenig an einen Baustellencontainer erinnert. Es hat einen Herd, einen hölzernen Tisch, ein paar Metallstühle, eine Blümchentapete an der Wand. Im Raum hängt der Geruch von Bratenfett, denn Louisa hat gerade frische Eskimo-Donuts gebacken, frittierte Krapfen aus Bierteig. Wir wollen gerade beraten, ob wir heute Wandern oder Angeln gehen, als es auf einmal laut aus einem Mikrofon tönt und zischt. Bären-Alarm! Mervin springt auf, schlüpft in seine lehmigen Gummistiefel, setzt sich eine Sonnenbrille auf und schnappt sich Platzpatronen.

Es leben viele Grizzlybären in dem Park, der etwa 200 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt, im Norden an den Arktischen Ozean und im Westen an den amerikanischen Bundesstaat Alaska grenzt. Auch Eisbären wandern im Sommer gelegentlich von der Küste bis zum Camp, weswegen Mervin und seine Leute sicherheitshalber einen Elektrozaun um das gesamte Areal gelegt haben, das im Jahr von etwa 200 Touristen besucht wird.

Mervin tritt aus der Tür und schnappt sich seine Winchester. Wie so viele Ureinwohner geht auch er regelmäßig im Park fischen und jagen, und die Tundra da draußen ist wie sein Wohnzimmer. „Mal sehen, was da los ist", brummelt er. Ob die Bären gerade nach Karibus Ausschau halten, die um diese Jahreszeit unweit des Camps die Flußkreuzung von Sheep Creek und Firth River überqueren? Ivvavik bedeutet in der Sprache der Inuvialuit „Ort der Geburt", denn im Frühjahr ziehen hier die Karibus der Porcupine-Herde ihre Kälber auf. Rund 200.000 Tiere umfasst die Herde, es ist eine der größten in Kanada.

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Die Gründung des Parks haben die Kanadier teilweise den Karibus zu verdanken, da die Tiere eine ihrer Kinderstuben in diesem Teil des Landes haben

Wie überhaupt der Nationalpark seine Existenz den Karibus zu verdanken hat. Gegründet wurde er im Jahre 1984 als erster Park in Kanada, der auf einen Vertrag zwischen der Regierung und den Ureinwohnern zurückgeht, die ihn seitdem gemeinsam verwalten. Renie, die Dorfälteste, war seinerzeit bei den Verhandlungen mit dabei gewesen, hat für das Selbstbestimmungsrecht der Inuvialuit gekämpft, einem Volk, das zu den Inuit gehört und in der westlichen Arktis Kanadas lebt. Sie sagt, mit dem Park wollte man die Kinderstube der Karibus und die historischen Jagdgründe ihres Volkes vor einer weiteren Ausbeutung durch Minen- und Rohstoffkonzerne bewahren.

Tatsächlich wurde auch um das Basecamp am Sheep Creek lange nach Gold geschürft, bevor es vor der Nationalparkbehörde übernommen und zu einem Ziel für Outdoor-Enthusiasten und Abenteurer ausgebaut wurde. Am Flußufer unweit der Zelte rosten noch alte Planierraupen, Förderanlagen und Werkzeuge vor sich hin.

Louisa und Renie kochen gerade eine Suppe aus Baumharz, eine traditionelle Medizin, die einem von uns gegen Übelkeit helfen soll, als Mervin aus dem Busch zurückkehrt. „Ich habe nirgendwo einen Bären gefunden", sagt er mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Aufatmen! Wer aber hat den Alarm wohl ausgelöst? Ein Bergschaf? Ein arktischer Fuchs? Oder doch nur ein Erdhörnchen? Es sollte nicht der einzige Alarm bleiben während unseres viertägigen Besuchs. Immer wieder hören wir das Zischen des Elektrozauns: Nachts in den Zelten, tagsüber in Louisas Küchencontainer, nachmittags auf der kleinen Veranda, von der wir einen wunderbaren Blick auf die Berge und geschwungenen Hügel der „British Mountains" haben. Und immer wieder fragen wir uns: War es diesmal womöglich doch ein Bär?

Am nächsten Tag brechen wir mit Mervin und Wanderführerin Rachel in die Tundra auf, mit einem Bärenspray in dem Rucksack und „Bear-Bangers", speziellen Knallkörpern, die Bären im Fall der Fälle abschrecken sollen. Unsere Begleiter haben zudem eine Pistole, ein Satellitentelefon und einen Erste-Hilfe-Kasten dabei. Man weiß ja nie. Es ist der Tag der Sommersonnenwende und wir unternehmen eine Nachtwanderung - auf der wir keine Nacht erleben werden. Denn um diese Jahreszeit geht die Sonne nicht unter in der Arktis. Ist es morgens? Ist es abends? Stets blicken wir auf unsere Uhren oder den Stand der Sonne am Himmel, um uns der Tageszeit zu versichern. Nachts im Zelt sorgt eine Schlafbrille für ein wenig Dunkel unter dem hellen Licht des Polarhimmels. Um kurz vor neun Uhr abends wandern wir los. Der Inspiration Point, eine Klippe in der Tundra, ist unser Ziel, und auf den ersten Blick scheint sie direkt vor uns zu liegen. Doch die Leere der Landschaft täuscht. Sind es zwei Kilometer? Vier? Oder doch zehn?

 

A grizzly bear walks on the arctic tundra at Wolf Creek in Ivvavik National Park.

In dem Nationalpark rund 200 Kilometer nördlich des Polarkreises treffen sich Grizzly- und Eisbären auf der Suche nach Futter

In Ivvavik gibt es keine angelegten Wanderwege, keine Brücken, keine Picknickbänke. Es geht querfeldein, nach ein paar Minuten ziehen wir die Wanderstiefel wieder aus, um den knöcheltiefen Creek auf baren Füßen zu überqueren. Weiter geht durch eine urwüchsige Sumpflandschaft mit tausenden „Tussocks", unförmigen Grasballen im Moor, auf denen man leicht umknicken kann.

Jeder Schritt auf dem Permafrost fühlt sich an wie auf einer weichen Federkernmatraze in einem Meer aus Vergißmeinicht, Lupinen und Arnika. Unter einem riesigen Himmel, der alle paar Minuten seine Farbe verändert. Irgendwann werden unsere Schatten im Schachtelgras länger, die Muskeln müder, der Atem kürzer.

Kurz vor zwölf haben wir den Felsen erreicht. „Inspiration Point" ist nur sein inoffizieller Name, einen richtigen hat er nicht, wie die allermeisten Berge hier. Wahrscheinlich hat auch nie jemand gemessen, auf welcher Höhe wir uns genau befinden.

Mitternacht. Die Sonne steht jetzt flach über dem Horizont und überzieht die Hügel und Berge der Tundra mit einem matten, gold-gelben Licht. Von oben sieht die Landschaft jetzt aus wie ein riesiges Waschbrett, überzogen mit einem Schleier aus grünen und grauem Samt. Inmitten der geschwungenen Hügel ragen immer wieder schroffe und zackige Felsen hervor, die wirken wie aus dem Script eines Science-Fiction-Films.
Am nächsten Tag sehen wir endlich einen Grizzlybären: Er streift in sicherer Entfernung zum Camp durch das Unterholz, nimmt Witterung auf, bevor er zwischen ein paar kleinen Fichten verschwindet. Mervin freut es, und auch, dass sich die Versorgungslage seiner Gäste verbessert. Wir sitzen gerade wieder bei Louisa im Küchencontainer, als uns auf einmal das Röhren eines Propellers aufhorchen lässt. Es gibt kein Zweifel. Die Twin Otter ist wieder da. In ihrem Gepäckraum bringt sie Zucker und frisches Mehl mit und Mervin nickt zufrieden in die Runde. Er ist eben der Bürgermeister von Sheep Creek.

 

Wie komme ich nach Sheep Creek?

Ausgangspunkt für Reisen in das Basecamp "Sheep Creek" ist Inuvik, das am Ende des Dempster Highway liegt. Das Camp hat jeden Sommer von Mitte Juni bis Mitte Juli geöffnet. Ein fünftägiger Trip kostet 3.375 kanadische Dollar, inklusive Charterflug von Inuvik, Übernachtung im Zelten, Wanderführern und allen Mahlzeiten. Eine siebentägige Reise auf Selbstversorgerbasis ist für 3.125 Dollar zu haben. Gebucht wird der Trip direkt bei der kanadischen Nationalparkbehörde in Inuvik. Vor der Abreise veranstalten die Parkhüter eine Infoveranstaltung für alle Teilnehmer.

Parks Canada, 81 Kingmingya Road, Inuvik, Tel (867) 777-8800, www.pc.gc.ca, Montag bis Freitag 8.30h bis 17h, in der Mittagpause geschlossen

Ein Trip für Abenteurer: Rafting im Ivvavik Nationalpark

Lust auf den ganz großen Kick? Ein Rafting Trip durch den Ivvavik Nationalpark ist ein spektakuläres Erlebnis für Hartgesottene. Elf Tage lang geht es mit robusten Schlauchbooten über den Firth River, durch enge Flußbiegungen, tiefe Canyons, schäumende Stromschnellen. Die meisten Trips starten am Margaret Lake, führen am Sheep Creek Camp vorbei bis der Fluß nach 130 Kilometern bei Nunaluk Spit ins Arktische Meer mündet. Mehrere von Parks Canada lizensierte Outfitter bieten geführte Exkursionen an. Sie finden meist im Juni und Juli statt und kosten zwischen 9.000 und 11.000 Dollar. Die Webseite von Parks Canada bietet eine Übersicht: www.pc.gc.ca

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