Monviso Wandernd von Italien nach Frankreich

In den Tälern rund um den Berg Monviso in den Westalpen scheint die Welt stillzustehen. Eine Wanderung vom italienischen Piemont ins französische Queyras
Wandernd von Italien nach Frankreich

Die Herberge Grongios Marte liegt mitten im größten Arvenwald der Alpen

Ich spaziere über Kopfsteinpflaster, das schon mittelalterliche italienische Markgrafen genutzt haben – als sich Saluzzo im Po-Tal seit Mitte des 12. Jahrhunderts zu einer reichen Handelsstadt entwickelte. An der 1270 erbauten Burg starte ich meine Wanderung vom westlichen Piemont über die französische Grenze. In den Lauben an der Via Alessandro Volta, wo früher Handwerker ihre Waren verkauften, treffen mittwochs und samstags lokale Kleinbauern zum Markt zusammen. Eine Piemonteserin bietet mir ihre Feigen an, eine andere Pfirsiche, Äpfel und Kiwi aus dem eigenen Garten. Als ich an gotischen Palazzi vorbei durch die engen Gassen spaziere, entdecke ich viele mit Schnitzereien verzierte Holztüren. Diese okzitanische Tradition aus dem 15. Jahrhundert macht mich neugierig. Also fahre ich nach Piasco, eine Viertelstunde nach Süden. Dort schaue ich bei Salvi Holzkünstlern bei der Arbeit zu. Aus Buche, Ahorn und Weißtanne fertigen die 80 Mitarbeiter jedes Jahr mehr als tausend Harfen. Der eine schleift den Korpus, andere bekleben ihn mit Holzschichten. Einer Dame sehe ich zu, wie sie die Harfe in feinster Handarbeit bemalt, bevor die Saiten eingespannt werden. Führungen starten im Museo dell'Arpa, der privaten Harfensammlung des Fabrikgründers Victor Salvi (Via Rossana 7, www.museodellarpavictorsalvi.it).

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Ein Stück weiter westlich entlang des Po, der sich vom Monviso aus durch das Tal schlängelt, liegt Ostana. Das Bergdorf hat sich, wie so viele im westlichen Piemont, seinen ursprünglichen Charme bewahrt. Es ähnelt 15 großen Steinhaufen – so perfekt haben sich die verstreuten Ortsteile mit den eng aneinander gebauten Steinhäusern mit Schieferdächern und Holzbalkonen in die Wälder eingefügt. Im höher gelegenen Agriturismo a nostro Mizoun blicke ich vom Jacuzzi auf den Monviso und die umliegende Alpenregion, genieße hausgemachte Pasta und Génépi-Kräuterschnaps und lausche dem fröhlichen Meckern der Ziegen, die rund um den Familienbetrieb grasen (Località Durandin 39, 0039-0175-95 64 22, www.anostromizoun.it). Auch Bellino im weiter südlich gelegenen Varaita-Tal schmiegt sich so dicht an die Berge, dass ich mich der Natur besonders nahe fühle. Stolze 50 Sonnenuhren, jede mit einem Spruch versehen, zieren die Fassaden der Häuser von nur 111 Bewohnern. Im L'Enventòour Café, Enoteca und Pension in einem, muss ich beim Eintreten den Kopf einziehen, so niedrig ist die Eingangstür. Auch wegen der rustikalen Holzbetten und der Dusche unter dem Steingewölbe fühle ich mich ins Mittelalter versetzt (Borgata Celle 58, Tel. 0039-0175-95 64 22). Ganz in der Nähe betreiben Leila Chapel und Luca Romeo ihre Herberge Grongios Marte, ein zauberhaftes Bruchsteinhaus mitten im größten Arvenwald der Alpen. Abends serviert Leila mir Roggen-Focaccia und gespritzten Wein, bevor Luca Gemüse vom lokalen Markt auftischt und Pilze, die er nachmittags zwischen Lärchen und Zirben gesammelt hat (Pontechianale, Tel. mobil 0039-340-069 27 05, www.grongiosmartre.com).

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Saint Véran ist die höchstgelegene Gemeinde in den Alpen auf 2042 Meter Höhe

"Von hier sind es nur noch fünf Stunden zum Monviso", sagt Leila und deutet auf den pyramidenförmigen Berg in den Cottischen Alpen. Einige Wanderer starten von Grongios Martre zur französischen Grenze, oder sie fahren zum Pian del Re, wo der Po entspringt. Dort packe auch ich meine Bergschuhe aus und steige die teils steilen, teils angenehm flachen Wege hoch, die früher vor allem Franzosen mit ihren Packeseln entlangtrotteten, um Salz nach Italien zu transportieren. Die Murmeltiere verschwinden hinter den Felsen, sobald sie mich sichten. Vom Buco del Viso, dem 1480 fertiggestellten Grenztunnel, geht es auf französischer Seite bergab zum Refuge du Viso, einer Hütte auf 2640 Meter Höhe, vor der eine Schafherde grast und über der nachts der Sternenhimmel leuchtet (Ristolas, Tel. 0033- 4-92 46 81 81, www.refugeduviso.ffcam.fr).

Am Morgen heißt mich die französische Region Queyras mit weitläufigen Wiesen und grünen Lärchen jenseits der Baumgrenze willkommen. Die Blüten der Nadelbäume verarbeitet man im Tal zu sagenhaftem Eis oder Schnaps. Joëlle Bonetti, die herzliche Besitzerin von La P'tite Auberge in Aiguilles (La Lauzette, Tel. 0033-4-92 46 81 60, www.auberge-queyras.com) empfiehlt ihren Wandergästen, mit einem Esel in die Alpen zu starten. Seit acht Jahren arbeitet sie deshalb mit der Eselvermietung "Queyr’âne" zusammen (Le Raux, Tel. 0033-4-92 45 82 65). Die Organisation betreibt mit L'Estoilies Auberge auch selbst eine urige Unterkunft in der Nähe von Saint-Véran, der auf 2042 Metern höchstgelegenen Gemeinde der Alpen (Le Raux, Saint Véran, 0033-4-92 45 82 65, www.estoilies.com). Im ältesten Haus des Ortes, das aus dem Jahr 1641 stammt, ist das Musée du Soum eingerichtet: Das Vorzimmer traditionell mit Holzklötzen gepflastert, im Wohnzimmer steht ein altes Bett aus Zirbenholz gleich neben den Heuspendern für Kuh, Ziege, Schaf und Huhn, dahinter liegen Hirtenzimmer und Küche, auf dem großen Balkon wurde früher Heu getrocknet.

Die französischen Täler des Monviso haben neben ihrer jahrhundertelangen Tradition und ihrer beeindruckenden Natur noch etwas anderes zu bieten: Action. Rund um die Burg Queyras (Château-Ville-Vieille) könnte ich im Fluss GUIL raften oder den Klettersteig besuchen. In Molines befinden sich außerdem eine Sommerrodelbahn und ein Hochseilgarten. Doch statt mich ins Abenteuer zu stürzen, besuche ich in Ceillac lieber Clause Grossan. Der schnitzt in seiner Werkstatt, in der es wunderbar nach Zirbenholz duftet, mit einer beneidenswerten Ausdauer die typischen Blumen- und Sonnenformen, die ich bereits aus Saluzzo kenne. Im Gegensatz zu den schweren italienischen Holztüren kann man Grossans Holzboxen und Möbelstücke auch kaufen – als Erinnerung an die herrliche Ruhe und Gelassenheit rund um den Monviso (Place de l’Église, Tel. 0033-4-92 45 08 40).

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Am Pian del Re entspringt der Po und schlängelt sich durchs westliche Piemont

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