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Entdecker-Route Montblanc: Hinauf auf den weißen Riesen


Gletscherspalten, Eistürme, Schneewechten: Den höchsten Berg der Alpen musste sich unser Autor hart erarbeiten. Wozu der Stress? Für einen magischen Moment auf dem Gipfel des Montblanc

Und Action! Stephan ruft "Auf geht’s!" und rennt los. Die Steigeisen knirschen auf dem Geröll, dazu ist unser keuchender Atem zu hören. Sonst ist es still in der Felsrinne. Zum Glück. Jedes Klackern könnte eine Gefahr bedeuten. Das Grand Couloir ist eine 600 Meter lange, bis zu 45 Grad steile Rutschbahn für Steine und Schnee. Jeder, der den Montblanc auf der Hauptroute von Westen her besteigen will, muss die Rinne in einer Höhe von 3300 Metern queren. Die 100 Meter lange Passage gilt als Schlüsselstelle - weil sie so gefährlich ist.

Entdecker-Route: Weitblick: Zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel
Weitblick: Zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel
© Moritz Attenberger für GEO Special

3300 Meter

Meistens wirkt Stephan Schanderl extrem lässig mit seinen blonden Dreadlocks, seinem bunten Stirnband und der verspiegelten Sonnenbrille. Er könnte auch Profisurfer sein oder Reggae-Musiker, er ist aber Bergführer aus Bayern. Der 40-Jährige wohnt in Chamonix, dem berühmten Bergsteigerort in den französischen Alpen, und kennt den Montblanc wie kaum ein anderer. Seit 2003 ist er mehrmals pro Saison auf dem Gipfel. "Man kann hier alles richtig machen, und trotzdem kann es komplett schiefgehen", sagt er, "denn der Montblanc hat seine eigenen Regeln." Wichtigste Regel: Niemals den Berg unterschätzen!

Besonders nicht am Grand Couloir. Man braucht nur ein, zwei Minuten im Laufschritt bis zur gegenüberliegenden Seite. Doch die können wegen des Steinschlags lebensgefährlich werden. Zwei Polizisten stehen in der Hochsaison von Anfang Juli bis Mitte September an einem Wachposten kurz vor der Stelle, warnen die Bergsteiger und überprüfen die Ausrüstung. Ohne Steigeisen, Klettergurt, Seil, Eispickel und Helm sollte man sich nicht auf den Weg machen.

Es komme manchmal vor, dass unbedarfte Wanderer in der Rinne eine Rast einlegen, weil die Sonne dort so schön reinscheint, erzählt Stephan Schanderl. Eine Kletterartikelfirma schrieb vor einigen Jahren einen Ideenwettbewerb aus, um die Stelle zu entschärfen. Es gab gute Vorschläge, etwa für den Bau eines Tunnels, aber nichts davon wurde bisher realisiert. Jedes Jahr gibt es hier Tote und Verletzte.

Warum tut man sich so etwas an? Der Wunsch, auf dem höchsten Gipfel der Alpen zu stehen, lockt nach Schätzungen pro Saison 35 000 Menschen nach Chamonix. Der Montblanc ist ein Symbol, eine begehrte Trophäe im Tourenbuch jedes Alpinisten – weil er eben der höchste Berg der EU ist. In der Hochsaison versuchen täglich bis zu 400 Menschen, zum höchsten Punkt der Alpen zu gelangen.

Der Montblanc, ein Sinnbild für die negativen Seiten des modernen Alpinismus? In erster Linie ist er ein formschöner, ziemlich hoher Berg. Auf die Besteigung habe ich monatelang hin trainiert: laufen und radeln für die Grundkondition, wandern und möglichst viele Höhenmeter absolvieren. Zwei Wochen vor der Reise nach Chamonix bin ich auf den Piz Bernina geklettert, den östlichsten Viertausender der Alpen.

Und zur optimalen Höhenanpassung haben wir uns eine ganze Woche Zeit genommen. Zum Eingehen sind wir von der Aiguille du Midi auf den Montblanc du Tacul gestiegen, den 4248 Meter hohen Nachbargipfel des Montblanc, haben am Cosmiques-Grat das Klettern mit Steigeisen geübt und anschließend auf der 3613 Meter hoch gelegenen Cosmiques-Hütte geschlafen, um uns an die dünne Luft zu gewöhnen.

Entdecker-Route: Atemberaubende Klettertour: Der Bergführer Stephan Schanderl (l.) mit dem Hobby-Alpinisten Titus Arnu am Cosmiques-Grat
Atemberaubende Klettertour: Der Bergführer Stephan Schanderl (l.) mit dem Hobby-Alpinisten Titus Arnu am Cosmiques-Grat
© Moritz Attenberger für GEO Special

3400 Meter

Wir, das sind Bergführer Stephan Schanderl, Fotograf Moritz Attenberger und ich. Trotz der gründlichen Vorbereitung stehen unsere Chancen auf den Gipfel nicht besonders gut. Das Wetter Anfang September ist wechselhaft, über die zackigen, grauen Grate bläst starker Wind, die Sicht ist schlecht. Unser ursprünglicher Plan, von Hütte zu Hütte immer höher zu steigen und den Montblanc über den messerscharfen Bionnassay- Grat zu erreichen, ist wegen der Wetter- und Schneesituation nicht realisierbar.

Die Route, die wir gewählt haben, nennt sich »Normalweg« – aber normal ist hier nichts. Der Montblanc ist ein extremer Berg, er steht exponiert am Westrand der Alpen. Das Wetter kann innerhalb von Minuten umschlagen, es kommt vor, dass sich Bergsteiger bei Nebel und Schneetreiben verirren und für immer verschwinden. Auch im Sommer herrscht stellenweise Lawinengefahr, es gibt Gletscherspalten und Séracs - monströse Eistürme, groß wie Einfamilienhäuser, die jederzeit einstürzen können.

Klettertechnisch wird die Normalroute in der Hochtourenskala der internationalen Alpenvereine als "wenig schwierig" eingestuft, aber dafür ist die Strecke verflucht lang. Chamonix liegt auf knapp 1000 Metern, der Gipfel ist 3800 Meter höher und mehr als 20 Kilometer Gehstrecke entfernt. Wenn es unten im Tal 30 Grad warm ist, kann oben bei –20 Grad ein Sturm toben. Um ein Schönwetterfenster zu nutzen, kürzen wir die Tour ab. Wir nehmen die erste Seilbahn von Les Houches und steigen an der Bergstation in die Zahnradbahn um, die bis auf 2372 Meter führt, zum "Nid d’Aigle", dem Adlernest - der höchstgelegenen Bahnstation Frankreichs.

Entdecker-Route: Ohne Steigeisen, Klettergurt, Seil, Eispickel und Helm sollte man sich nicht auf den Weg machen.
Ohne Steigeisen, Klettergurt, Seil, Eispickel und Helm sollte man sich nicht auf den Weg machen.
© Moritz Attenberger für GEO Special

Der Normalweg führt von Nid d’Aigle über die Goûter-Hütte und den vorgelagerten, 4300 Meter hohen Dôme du Goûter zum Gipfel des Montblanc und zurück, eine Zweitagestour. Diese Route, erstmals begangen 1861, ist heute die beliebteste.

Auf dem steinigen, gewundenen Pfad von Nid d’Aigle vorbei an der Tête-Rousse- Hütte zum Grand Couloir treffen wir das ganze Spektrum der Möchtegern-Montblanc- Bezwinger: einen Ultra-Marathonläufer, der noch nie auf einem Viertausender war, eine Gruppe Jugendliche mit guter Laune und schlechter Ausrüstung, einen Russen mit schätzungsweise 30 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken, inklusive Zelt, Isomatte, Tütensuppen und Gaskocher. Nicht einmal die Hälfte der Gipfelanwärter erreicht das Ziel, die anderen geben auf, wegen schlechten Wetters, aus Erschöpfung, wegen Verletzungen und Pannen.

Die Rinne überstehen wir ohne Zwischenfall. Auf der anderen Seite geht es steil durch Felsen und Geröll bergauf. Stephan steigt vor und sichert uns mit dem Seil. 600 Meter weiter oben glitzert ein silbernes Riesen-Ei – die neue Goûter- Hütte. Der 2013 eröffnete Hightechbau ist unser Tagesziel, eine vierstöckige Raumstation mit 120 Schlafplätzen, eigener Energieversorgung und Hubschrauberlandeplatz.

Die ovale Form soll Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Stundenkilometer standhalten. Der Weg in dieses Berg-Ufo führt über schwarze Felsrippen, die weiße Hauben tragen. Am Vortag sind fast 20 Zentimeter Neuschnee gefallen, das kann in dieser Höhe auch im Sommer vorkommen. Gegen 14 Uhr ist es geschafft, wir ziehen im Eingangsbereich Steigeisen und Bergstiefel aus und laufen in Gummischlappen über Holztreppen in den Aufenthaltsraum.

Entdecker-Route: Balkon aus Schnee: Am Gipfel des Montblanc du Tacul hat sich eine riesige Wechte gebildet. Links geht es 600 Meter senkrecht hinunter bis auf den Gletscherboden. Die Tour auf den 4248 Meter hohen Berg ist die ideale Voraussetzung für den Montblanc
Balkon aus Schnee: Am Gipfel des Montblanc du Tacul hat sich eine riesige Wechte gebildet. Links geht es 600 Meter senkrecht hinunter bis auf den Gletscherboden. Die Tour auf den 4248 Meter hohen Berg ist die ideale Voraussetzung für den Montblanc
© Moritz Attenberger für GEO Special

3400 Meter

"Wi-Fi, Duschen, fließendes Wasser, Pommes frites, Masseusen, Espresso, Leihausrüstung, Fernsehsaal, Helikopter- Taxi, Gepäcktransport", ist auf einem handgeschriebenen Zettel an der Tür im ersten Stock zu lesen. Echt? Toll! Ach nein, da steht noch etwas klein darunter: "Für all das gehen Sie bitte ins Tal und wenden sich an den Club Med."

Die Goûter-Hütte ist zwar hochmodern, aber kein Wellnesshotel. Wir schlafen in einem engen Zimmer mit acht Kojen, pro Stockwerk gibt es einen Waschraum. Vor dem Abendessen lege ich mich aufs Ohr, jede Minute Schlaf ist wertvoll. Je größer die Höhe, desto weniger Sauerstoff steht dem Körper zur Verfügung – auf dem Gipfel des Montblanc nur halb so viel wie auf Meereshöhe. Puls und Atmung werden schneller, es drohen Kopfweh und Schwindel.

Aus GEO Special "Sommer in den Alpen"

Entdecker-Route: Montblanc: Hinauf auf den weißen Riesen

Der Text ist ein Auszug aus unserer Reportage "Hinauf auf den weißen Riesen". Lesen Sie den ganzen Artikel im GEO Special Magazin "Sommer in den Alpen".

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GEO SPECIAL Nr. 3/2016 Sommer in den Alpen

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