Florida St. Augustine: Die patriotische Küste

St. Augustine im Nordosten Floridas offeriert wahre Traumstrände, doch die Amerikaner kommen aus einem ganz anderen Grund, um die Entdeckung ihres Kontinents zu erleben
St. Augustine: Die patriotische Küste

Das heutige Rathaus und Lightner Museum von St. Augustine stammt wie das heutige Flagler College auch aus der Feder des Architekten-Duos Carrère und Hastings. Beide waren zunächst mondäne Hotels

Die Matanzas Avenue in St. Augustine gehört ganz sicher zu den schönsten Sackgassen der Welt, sie endet nämlich direkt am Atlantik. Nahtlos geht ihr grauer Asphalt in hellgelben Sand über, die Autos fahren bis auf den Strand: ein "Drive-on-Beach", amerikanischer geht es nicht. Zündschlüssel ziehen, Tür auf und raus auf den Strand, der breiter ist als jede Allee. Er bietet einen Blick, bei dem man ganz automatisch tief durchatmet: In mehreren Staffeln donnern die Atlantikwellen heran, vorne gischtweiß, dahinter flaschengrün, weit draußen tintenblau. Hier muss man loslaufen, zum Hinsetzen ist einfach zu viel Platz unter diesem Himmel. Laufen, immer am Wassersaum entlang, vorbei an kleinen, trippelnden Vögeln, die fix und fast im Gleichtakt ihr Dinner aus dem Sand picken, vorbei an einem Brandungsangler, der aufs Meer schaut, die Füße im Wasser, der Eimer noch leer. In der Luft ein Seeadler, der mehr Glück hatte und fette Beute in den Fängen hält. Immer weiter, unter den Schuhen knacken die Muscheln, die Lunge weitet sich wie ein Fesselballon, die Laune hebt ab.Und wenn man zufällig Europäer ist, fragt man sich jetzt, wo all die Touristen eigentlich sind.St. Augustine im Nordosten Floridas ist die älteste Stadt der USA. Deshalb sind die Strände so leer. Amerikaner kommen aus einem anderen, einem patriotischen Grund: In der Hitliste jener Orte, die sie einmal im Leben gesehen haben müssen, liegt St. Augustine ganz weit oben. Denn das Jahr 1513, als der spanische Seefahrer und Eroberer Ponce de León hier an Land ging, war gerade mal 21 Jahre nach Kolumbus, amerikanische Antike, wenn man so will. Und weil er das Land während der Ostertage – "Pascua Florida" – für seinen König in Besitz nahm, hatte es auch gleich einen Namen.

Diese frühe Episode sichert St. Augustine einen Ehrenplatz mit dem Titel "Ancient City" in der US-Geschichte, und seine 13 000 Einwohner sind stolz darauf. Die meisten leben auch davon, denn Gäste und Schulklassen aus den übrigen 49 Staaten strömen das ganze Jahr über in die Stadt und besichtigen alles, was historische Patina hat: das älteste Wohnhaus, das älteste Schulhaus der Nation und natürlich die Festung Castillo de San Marcos mit Zugbrücke und Kanonen, die an Feiertagen von kostümierten Kanonieren vorgeführt werden. Solche "Storyteller" in historischer Verkleidung erwecken auch im Open-Air-Museum "Colonial Quarter" 300 Jahre Kolonialgeschichte zum Leben.

John Stavely ist einer von ihnen, ein Mann mit grauem Musketier-Bart und Dreieckshut auf dem Kopf, er steckt in der Uniform eines britischen Soldaten des Jahres 1763. Zehnmal am Tag erzählt er gestenreich von der Zeit vor den Unabhängigkeitskriegen, als Amerika noch von Europa aus beherrscht wurde. Dann bittet er Freiwillige zum Waffenappell, ein Stichwort, auf das die amerikanischen Gäste nur zu warten scheinen. Jedes Mal melden sich mehr, als John brauchen kann, denn sein Waffenarsenal umfasst nur vier hölzerne Musketen. Seine eigene ist echt, und mit Schwarzpulver, Projektil und Ladestock führt er vor, "wie umständlich und arbeitsintensiv es damals war, jemanden vom Leben in den Tod zu befördern". Bekanntlich ist das Verhältnis der Europäer zur Schusswaffe nicht so ungetrübt, und doch sollte es gerade Gästen aus der Alten Welt leichtfallen, sich in den europäischen Anfängen der USA wiederzuerkennen. In St. Augustine können sie sich auf Anhieb wie zu Hause fühlen. Weil die Stadt entstand, als man noch mit Kutschen unterwegs war, bummelt man heute ganz unamerikanisch durch schmale, autofreie Gassen und sitzt an Plätzen unter Palmen wie in Spaniens Süden. In der zentralen St. George Street verkaufen kleine Boutiquen vergoldete Muscheln, werden Tapas aus offenen Fenstern ins Freie gereicht. Und auch spät in der Nacht noch ziehen Pärchen eng umschlungen von einer Kneipe zur nächsten, vorbei an den pastellfarbenen Arkaden, unter denen eine Mini-Brass-Band aus drei Saxophonen spielt – es ist, tatsächlich: Händels Sarabande.

St. Augustine: Die patriotische Küste

Kilometerlang zieht sich der Sandstrand von St. Augustine an der Küste entlang, sodass jeder Besucher einen ruhigen Platz finden kann

Erleben

Castillo de San Marcos: Die sternförmige Festung am Wasser ist die älteste erhaltene der USA – und der ganze Stolz der Stadt. Die Spanier bauten das Castillo de San Marcos im 17. Jahrhundert, um sich gegen die Briten zu behaupten, die die Gegend nördlich von Florida beherrschten. Die Mauern aus Muschelkalk sind enorme vier Meter dick und haben so einige Angriffe überstanden. South Castillo Drive, www.nps.gov/casa; Eintritt 7US$

St. George Street: Die zentrale Fußgängerzone der Stadt mit vielen Läden, Kneipen und Straßenmusik, für die man gern stehen bleibt.

Pirate and Treasure Museum: Eines der besten Museen der Ostküste zeigt interaktiv und mit viel Witz die Geschichte der Piraterie und ihrer berühmtesten Vertreter, etwa Andrew Ranson, den in St. Augustine jedermann kennt. Castillo Dr 12, www.thepiratemuseum.com

Colonial Quarter: Im historischen Open-Air-Museum lässt sich leicht ein ganzer Tag verbringen; es gibt etliche Vorführungen und zwei Tavernen. St. George St 33, www.colonialquarter.com

Flagler College: Das von Flagler 1888 gebaute Hotel "Ponce de León", entworfen von den Architekten der New York Public Library, bot den ultimativen Luxus mit Tiffany-Fenstern und elektrischem Licht. Das Hotel war nur zur Wintersaison geöffnet und konnte ausschließlich für die komplette Zeit gebucht werden. Heute ist es Teil des Flagler College, dessen Studenten durchs Haus führen. King St 74, www.flagler.edu

Gonzáles-Alvarez House: Das älteste Haus Floridas zeigt die karge Einrichtung der ersten Siedler und im Anbau die Einflüsse der verschiedenen Kolonialherren. Charlotte St 271, www.staugustinehistoricalsociety.org

Fountain of Youth: Pseudohistorischer Kitsch, Ausgrabungen eines präkolumbianischen Dorfes und Rekonstruiertes wie ein Wachturm und eine Indianersiedlung. Magnolia Ave 11, www.fountainofyouthflorida.com

St. Augustine Lighthouse: Der 50 m hohe Leuchtturm (219 Stufen) wurde 1874 auf spanischen Fundamenten errichtet, Ausstellung im Leuchtturmwärterhäuschen. Red Cox Dr 100, www.staugustinelighthouse.com, Eintritt 10US$

St. Augustine Distillery: In der ehemaligen Kühleis-Fabrik werden Wodka, Rum, Gin und Whiskey gebrannt. Lustige Gratis-Führung mit Probetrinken – schon mal "Florida Mule" probiert? Riberia St 112, www.staugustinedistillery.com

Essen

Hot Shot Bakery: Inhaberin Sherry Stoppelbein zieht Datil- Pfefferschoten, die zu den schärfsten der Welt gehören, und verarbeitet sie in fünf Schärfegraden. An der "Wall of Flame" dürfen sich alle verewigen, die davon gekostet haben. Es gibt aber auch Mildes: köstliche Panini, Wraps, Suppen und ofenfrische Cookies. Granada St 8, www.hotshotbakery.com

Ice Plant Bar: Aus dem Industriedenkmal mit eisernem Kranarm von 1927 wurde eine Cocktail-Bar, die auch kleine Gerichte serviert. Früher wurden hier riesige Eisblöcke gefroren und dann stückchenweise an Fischer verkauft, die damit ihre Shrimps kühlten. Riberia St 110, www.iceplantbar.com

Columbia Resturant: Gute spanisch-kubanische Küche im Herzen der Altstadt. Spezialitäten sind Paella und Fischgerichte. St. George St 98, Tel. 001-904-824 33 41, www.columbiarestaurant.com

Michael's Tasting Room: Gourmet-Küche in noblem Ambiente, aus der See kommen etwa Muscheln, Kaviar und Tunfisch. Cuna St 25, Tel. 001-904-810 24 00, www.tastetapas.com, 3-Gang-Chef-Menü für 45US$

Schlafen

Fairfield Inn & Suites St. Augustine: Abseits der Interstate 95 bei Exit 318 steht das roséfarbene "Marriott", das von außen einem Schulgebäude ähnelt; freie Parkplätze, WLAN und Frühstück inklusive. Outlet Mall Blvd 305, Tel. 001-904-810 98 92, www.fairfield.marriott.com

Holiday Inn Hotel & Suites: Nur eine halbe Meile von der historischen Altstadt entfernt, 56 großzügige Zimmer mit Schreibtisch, Mikrowelle und einem Kühlschrank. Ponce De Leon Blvd 1302, Tel. 001-904-494 21 00, www.ihg.com

St. Francis Inn B&B: Kleine, aber gemütliche Zimmer, Pool, kurzer Fußweg zu allen Attraktionen. St. George St 279, Tel. 001-904-824 60 68, www.stfrancisinn.com

Bayfront Marin House: Mike und Sandy Wieber sind herzliche Gastgeber, Frühstück wird nach Wunsch serviert, Zimmer mit Jacuzzi, der Parkplatz ist einen Block entfernt und gratis. Zehn Fußminuten zum Zentrum. Ave Menendez 142, Tel. 001-904-824 43 01, www.bayfrontmarinhouse.com

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