Nepal Auf den Spuren der Panzernashörner

In Nepals Chitwan-Nationalpark, an der Grenze zu Indien, können Touristen vom Elefantenrücken aus Panzernashörner beobachten. Die seltenen Tiere werden erst seit ein paar Jahren erfolgreich vor Wilderern geschützt
Auf den Spuren der Panzernashörner

Elefant Sano Chanchal eröffnet den Touristen von seinem Rücken aus den perfekten Blick in den Chitwan-Natiionalpark

Der graue Körper des Elefanten erhebt sich schwerfällig. Wir sitzen in einer knarrenden Holzgondel auf seinem Rücken und bewegen uns wie in einem schwankenden Kahn auf den Dschungel zu, tauchen ins Dickicht ein. Äste knicken vor uns weg, die kleineren hält Elefanten-Führer Devnaryan für uns mit seinem Stock beiseite. Der kleine Mann mit den rötlichen Haaren sitzt auf einer Jute-Matte hinter dem gewaltigen Nacken des Elefanten und knetet mit nackten Füßen seine gesprenkelte Haut hinter den ledrigen Ohren, immer abwechselnd links und rechts, damit er weiter läuft, tiefer in den Wald hinein. Devnaryan hat ihn aufgezogen und für die Arbeit mit Touristen und Rangern ausgebildet. Er nennt ihn zärtlich Sano Chanchal – was sich grob übersetzen lässt mit "kleiner Lustiger".

Wir wollen Panzernashörner aufspüren. Hier, im Chitwan-Nationalpark, im subtropischen Süden Nepals an der Grenze zu Indien, leben noch rund 500 dieser seltenen Tiere. Die besten Chancen sie zu sehen, hat man vom Rücken eines Elefanten aus. Hier oben, drei Meter über dem Boden, schaut man tief in den tausendblättrigen Wald hinein, der sich wie ein Laubengang über uns wölbt. Es ist still und grün. Feuerrote Schmetterlinge und fette Käfer sitzen auf Blättern. Zwei Muntjakhirsche huschen erschrocken davon. Unser Elefant reißt im Vorbeigehen mit dem Rüssel große Büschel Gras aus und rollt sie sich ins Maul.

Auf den Spuren der Panzernashörner

Devnaryan und Sano Chanchal sind ein eingespieltes Team. Der Elefant gehört zur Familie und wurde von Devnaryan aufgezogen

Artenreichtum Nepals

Devnaryan steuert auf die Sandkante eines Flusses zu. Der gewaltige Körper unter uns tastet sich ins Wasser vor, neigt sich beängstigend und watet dann unbeirrt in die starke Strömung hinein. Wellen schlagen an seiner Flanke hoch, berühren beinahe unsere Füße, doch der Elefant scheint das kaum zu bemerken. Er ist ein perfektes Transportmittel für diesen von Flussläufen durchschnittenen Dschungel, geländegängig, gemütlich und sicher. Selbst das vielleicht drei Meter lange Sumpfkrokodil, das auf einer nahen Sandbank liegt, sieht von seinem Rücken aus klein und harmlos aus. Wir erreichen das andere Ufer und schwanken auf eine saftig grüne Wiese, die mit lilafarbenen Blütenfeldern übersäht ist. Eine Wildschweinfamilie springt aus einer Suhle und verschwindet schnaubend im Dickicht, in einem Baum vor uns landen zwei Nashornvögel, auf ihren Schnäbeln tragen sie tatsächlich ein Horn, das sich zum Himmel reckt.

Der Chitwan-Nationalpark ist der älteste Nationalpark Nepals und ein Hotspot der Artenvielfalt. Auf seinen mehr als 900 Quadratkilometern Dschungel und Grasland leben rund 50 verschiedene Säugetierarten, darunter der seltene Bengal-Tiger, Leoparden, Lippenbären, Schuppentiere oder gefleckte Zibetkatzen. In den weit verzweigten Flüssen schwimmen Fischotter, Sumpfkrokodile und sogar Gangesgaviale, eine stark bedrohte Krokodilart mit schlanker Schnauze, von der es nur noch weniger 200 Exemplare gibt.

Lange Zeit war das Gebiet des heutigen Parks Jagdrevier der nepalesischen Oberklasse, die mit Vorliebe die großen Säugetiere schossen und fast ausrotteten. In den 1950er Jahren folgten erste Naturschutzbemühungen, die 1973 zur Gründung des Chitwan-Nationalparks führten. Soldaten begannen zu patrouillieren, vor allem um Bengal-Tiger und Panzernashörner vor Wilderern zu schützen. Doch als Nepal in den 90er Jahren in einem Bürgerkrieg versank, zog die Regierung die meisten Soldaten für den Kampf gegen die Maoisten ab. Wilderer töteten ungestraft und verkauften auf dem Schwarzmarkt unter anderem das in China für seine angebliche medizinische Wirkung begehrte Horn der Panzernashörner. 2005 zählte man nur noch 375 Exemplare im Park.

Auf den Spuren der Panzernashörner

Rund 900 Quadratkilometer misst der älteste Nationalpark Nepals. Dschungel, Grasland und Flüsse sorgen für eine beachtliche Artenvielfalt

Tourismus gegen Wilderei

In einem ausgetrockneten Flussbett entdecken wir frische Nashornspuren und kurz darauf Nashorn-Dung. "Den Baum dort hinten hat ein Panzernashorn umgeknickt, sie mögen die frischen grünen Blätter in den Baumkronen", sagt Naturführer Palat Chaudhary, der mit uns in der Holzgondel sitzt. "Wilderer haben es wirklich nicht schwer, Nashörner aufzuspüren, sie hinterlassen sehr viele Spuren." Auch wir folgen der Fährte auf einem Trampelpfad in den Wald hinein.

Mit dem Bürgerkrieg brach auch der boomende Tourismus um den Nationalpark zusammen. Lodges, die sich im Bau fanden, wurden aufgegeben, bestehende Hotels verwaisten. "Nachdem die Königsfamilie 2001 ermordet wurde, wollte niemand mehr hier Urlaub machen", sagt Chaudhary, der auch Miteigentümer einer Lodge am Parkrand ist. "Vor allem hier im Tiefland haben sich die Probleme hingezogen, noch vor acht Jahren gab es alle paar Kilometer Kontrollposten der Armee auf den Straßen." Erst als 2006 ein Friedensvertrag zwischen den Rebellen und der Regierung geschlossen wurde, kamen allmählich wieder Touristen zum Chitwan-Nationalpark und wurde der Naturschutz wieder ernst genommen.

Heute überwachen mehr als 1000 Soldaten das Schutzgebiet, ihre Stützpunkte liegen zum Teil tief im Wald versteckt. Zusätzlich patrouillieren dutzende Ranger zu Fuß und mit Elefanten. In den letzten Jahren wurden so hunderte Wilderer gefasst und 150 von ihnen auch verurteilt, zu Haftstrafen von bis zu 15 Jahren. Die Nashornpopulation erholt sich allmählich wieder: Beim letzten Zensus 2011 wurden 503 Tiere gezählt. Und auch die Bengal-Tigerpopulation ist von geschätzten 121 Exemplare 2009 auf 198 Tiere 2013 angewachsen. Es ist eine der wenigen Erfolgsgeschichten, die der Naturschutz in Nepal schreibt. Ein Grund für das Gelingen ist, dass die an den Park angrenzenden Dorfgemeinden in die Bemühungen einbezogen werden. Sie bekommen rund ein Drittel der Parkeintrittsgelder und Gebühren aus dem Tourismus und unterstützen dafür die Behörden bei der Jagd auf die Wilderer.

Auf den Spuren der Panzernashörner

Mehr als 100 Soldaten überwachen das Schutzgebiet der Panzernashörner, deren Population sich hinter dem Schutzwall langsam wieder erholt

Gefahr nicht gebannt

Plötzlich stoppt Devnaryan seinen Elefanten. Vor uns zwischen zwei Bäumen ist ein felsgrauer Rücken mit zwei behaarten Ohren aufgetaucht. Ein Panzernashorn. Es schaut zu uns hinüber und bewegt sich ein paar entschlossene Schritte auf uns zu, als wolle es zum Angriff übergehen. "Es ist nur neugierig", beruhigt uns Chaudhary. "Ein recht kleines Männchen, sein Horn ist bei Kämpfen mit Rivalen abgebrochen." Das Nashorn macht kehrt und trottet in ein trockenes Flussbett, die Falten an seinem Körper bewegen sich wie Gelenke eine Plattenpanzers. Als Devnaryan kehrtmachen will, stürmt ein zweites Nashorn ins Flussbett. Die beiden Tiere gehen aufeinander los und versinken kurz darauf in einer dichten Staubwolke.

Auch wenn der Nashornschutz im Chitwan-Nationalpark in den letzten Jahren zu einer Erfolgsgeschichte geworden ist, ist die Gefahr der Wilderei längst nicht gebannt. Die Nachfrage nach Horn auf dem asiatischen Schwarzmarkt ist nach Angaben des World Wide Fund For Nature (WWF) weiterhin sehr hoch. Nachdem 2013 kein einziges Nashorn im Nationalpark getötet wurde, schossen Wilderer 2014 wieder ein Tier in der Pufferzone. Doch im Februar 2015 gelang es Interpol, den meist gesuchten nepalesischen Wilderer in Malaysia zu fassen, der mindestens 20 Hörner im Chitwan-Nationalpark erbeutet hat. Er wurde an Nepal ausgeliefert. Ein neuer Nashorn-Zensus in diesem Jahr soll zeigen, ob sich die nepalesische Erfolgsgeschichte fortsetzen wird.

Devnaryan bringt uns zurück zum Narayani-Fluss, wo ein Bootsmann auf uns wartet, um uns überzusetzen. Die tief stehende Nachmittagssonne zerfließt in einer dichten Wolkenschicht über dem Horizont und wirft ein goldenes Licht über die Welt. Auf Devnaryans Befehl hin, legt sich der Elefant auf den Bauch und streckt alle vier Beine von sich. Wir steigen über seinen massigen Hinterschenkel ab. Dann richtet er sich wieder auf und Devnaryan steuert ihn mit nackten Füßen zurück in den Park.

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