Singapur Von Hühnerfüßen, Singlisch und Verboten

Isabel Schrimpf lebte mit ihrer Familie zwei Jahre in Singapur. Über ihre Zeit in dem Stadt- und Inselstaat hat sie ein Buch geschrieben: "High Heels und Hühnerfüße – Begegnungen mit Singapur". GEO.de stand sie Rede und Antwort.
Von Hühnerfüßen, Singlisch und Verboten

Eine der Sehenswürdigkeiten von Singapur ist der Sri Mariamman Temple. Besonders schön geschmückt ist er zur chinesischen Neujahrs-Feier Ende Januar

GEO.de: Was muss man in Singapur unbedingt gesehen haben?

Isabel Schrimpf: Selbst wenn einem das Marina Bay Sands, das Wahrzeichen Singapurs, von unten nicht ganz so gut gefällt, muss man doch einmal oben gewesen sein. Am besten umgeht man die Schlange und den nicht gerade günstigen Eintrittspreis von über 20 SGD, wenn man am Nordturm, also dem hintersten, hoch zur Bar des Ku Dé Ta fährt – dort kann man mit einem Sundowner in der Hand auf der Terrasse des 57. Stockwerks einen sagenhaften Blick über Singapurs Skyline und die nächstgelegenen indonesischen Inseln genießen.

Sehr stimmungsvoll ist auch der "alte" Botanic Garden mit seinen Sonntags-Konzerten: dort kann man unter Palmen und Heliconien Picknick machen – und dabei dem Orchester auf der Seebühne lauschen.

Ein Besuch von Chinatown und Little India gehört natürlich in jedem Fall dazu, wenn man möchte auch im Rahmen einer geführten Tour wie: www.singaporewalks.com.

Sehr beeindruckend ist der Besuch einer Pooja in einem hinduistischen Tempel. Stärken Sie sich anschließend in einer der Garküchen eines Hawker Centers und flanieren Sie ein bisschen abseits der großen Straßen durch das Gewusel.

Auch sehr sehenswert: die "Black and White Houses-Tour" von Geraldene Lowe durch die herrschaftlichen Kolonialhäuser, in der früher die hohen Beamten der britischen Krone residiert haben. Ein Rundgang durch diese privaten Bungalows mit ihrer oft exquisiten Einrichtung und ihren fantastischen Gärten ist wie eine Reise in die Vergangenheit.

GEO.de: In welches Fettnäpfchen treten Europäer in Singapur immer wieder?

Isabel Schrimpf: Ein absolutes "no go": einem Singapurer, der ganz offensichtlich einen starken Schnupfen hat, ein Taschentuch zu reichen. Schnäuzen gilt als extrem ungehobelt, lieber zieht man die Nase hoch, bis die Stirnhöhle brennt!

Was man auch nicht tun sollte, ist die Stäbchen nach dem Essen in der Schüssel liegenlassen. Dies erinnert an die Räucherstäbchen in den Tempeln, die für die Ahnen entzündet werden, und somit an den Tod. Also Essstäbchen immer neben die leere Schüssel legen!

Und wenn man privat eingeladen wird, zieht man auf jeden Fall die Schuhe aus, bevor man die Wohnung oder das Haus betritt.

GEO.de: Und wie hoch ist der Kulturschock für eine deutsche Familie, die in Singapur lebt?

Isabel Schrimpf: Einen wirklichen Kulturschock habe ich in Singapur nicht erlebt. Die Firmen, die ihre Expats dort hinschicken, stufen die "Zumutung" eines Umzugs nach Singapur bei der "Härtezulage" gleich ein wie einen Umzug nach Österreich.

Das Einzige, was unerwartet schwierig war, ist die Sprache. Man denkt ja immer, wunderbar, in Singapur spricht man Englisch, also keine Kommunikationsprobleme. Aber ganz so ist es nicht: Anfangs konnte ich mir nicht einmal ohne größere Missverständnisse einen Mangosaft kaufen. Und es hat mich einige Taxifahrten gekostet, bis ich gemerkt habe, dass die Taxifahrer in Wirklichkeit gar keine Selbstgespräche auf Chinesisch führten, sondern sich auf "Englisch" mit mir unterhalten wollten. Es dauert durchaus ein Weilchen, sich in das sogenannte "Singlish" reinzuhören.

GEO.de: Haben Sie ein Beispiel oder einen Lieblingssatz auf Singlish?!

Isabel Schrimpf: Singlish ist am schönsten im Dialog. So in etwa läuft eine Bierbestellung unter Einheimischen:

Bedienung: "Want beer or not?"

(Darf ich Ihnen ein Bier bringen?)

Gast:

"Col, is it?"

(gemeint ist "cold": den letzten Buchstaben muss man sich in Singapur meist dazu denken – Ja, ein kaltes bitte.)

Bedienung: "Ha?"

(Wie bitte?)

Gast:

"Col lah!"

(Ein kaltes Bier hätte ich gerne.)

Bedienung:

"Col cannot. This one also good. Can ah?"

(Wir haben leider kein kaltes Bier. Unser warmes Bier ist aber auch sehr gut. Darf ich Ihnen eines bringen?)

Geo.de: Wie sehr haben die Straßenküchen Singapurs, die Hawker Centres, Ihr Verhältnis zum Kochen verändert?

Isabel Schrimpf: Das Schöne an den "Hawkern" ist, dass man gar nicht mehr kochen muss, weil man es so gut, so vielfältig und so preiswert zuhause ohnehin nicht hinbekommt. Deswegen betrachten Singapurer ihre Küche auch oft eher als Wohnaccessoire, das nicht wirklich benutzt wird. Viel lieber geht man zum Essen.

Das Interessanteste am Kochen ist das vorherige Einkaufen auf den Wet-Markets. Die Märkte heißen so, weil das Eis, das Fisch und Fleisch kühlen soll, in der Tropenhitze schon nach kurzer Zeit geschmolzen ist und man also in Wasserlachen um Tintenfische und Hühnerfüße läuft. Nicht immer verströmen die Märkte nur Wohlgerüche, dank der Stände mit Durians, auch Stinkfrüchte genannt. Neben exotischen Früchten in den unglaublichsten Farben, Formen und Größen gibt es dort auch viel Unbekanntes und Ungewohntes: einen Altar gleich neben dem Schlachter, Kröten und Schildkröten zum Kochen – kurz: eine ganz andere Atmosphäre als bei uns.

GEO.de: Welche kulinarische Köstlichkeit haben Sie in Singapur lieber doch nicht probiert? Und warum nicht?

Isabel Schrimpf: Ich habe viel probiert, aber nicht alles, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Chili Crab, eines der Nationalgerichte Singapurs, war mir schlicht zu schwierig zum Essen, Schlangen auch zu viel Gefiesel. "Buddha jumps over the wall", eine Art Seegurken-Eintopf, sieht eher nach etwas für Männer aus, finde ich. Und auch von "Hashima", einem Gelee aus Eileiter-Gewebe von Ochsenfröschen, und Hühnerfüßen habe ich die Finger gelassen – obwohl beides sehr gut für die Haut sein soll. Viele Chinesinnen essen solche "Delikatessen" tatsächlich wegen der Schönheit.

Von Hühnerfüßen, Singlisch und Verboten

Isabel Schrimpf lebte mit ihrer Familie zwei Jahre in Singapur. Über ihre Zeit in dem Stadt- und Inselstaat hat sie ein Buch geschrieben

GEO.de: Was macht man eigentlich in Singapur, wenn man nicht so gerne Shoppen geht?

Isabel Schrimpf: Der Durchschnitts-Tourist bleibt drei oder vier Tage in Singapur, die lassen sich problemlos rumbringen. Aber wenn man dort lebt, muss man sich nach einer Weile etwas einfallen lassen. Die weniger touristischen Gegenden wie Tiong Bahru oder Joo Chiat sind in jedem Fall ausgedehnte Spaziergänge wert. Daneben hat Singapur tolle Parks und Grünanlagen, einen verwunschenen alten Friedhof, den Bukit Brown Cemetery, durch den allerdings bald eine Stadtautobahn führen wird, und sogar noch einen Rest Primärdschungel, das Bukit Timah Nature Reserve.

An der East und West Coast kann man Fahrräder ausleihen oder mit Rollerskates entlang rollern, sogar Wasserskifahren. Und in den Sungei Buloh Wetlands, einer noch ursprünglichen Gegend kann man, wenn man Glück hat, noch echte Krokodile entdecken. Doch man muss sich bewusst sein, dass einem in Singapur "an der frischen Luft" sehr bald viel zu heiß wird. Deswegen fliehen viele für das Wochenende auf andere kleine Inseln, und legen sich dort unter eine Palme. Die Hotelbetreiber wissen natürlich inzwischen, dass die Auswanderer regelmäßig einen Inselkoller bekommen - dementsprechend hoch sind die Preise. Im Endeffekt kommt es deutlich billiger, das ganze Wochenende shoppen und essen zu gehen. Und das ist genau das, was die Singapurer machen.

GEO.de: Der Stadtstaat legt ja sehr viel Wert auf Disziplin, Ordnung und vor allem Sauberkeit. Sie zitieren in Ihrem Buch Ihren Sohn, der es so schön auf den Punkt brachte: "In den Fahrstuhl pinkeln ist 400 Dollar billiger als Kaugummi auf die Straße spucken." Aber mal ehrlich, was machen diese vielen Verbotsschilder und Regeln eigentlich mit einem Europäer?

Isabel Schrimpf: Ein gewisses Befremden bleibt tatsächlich – es ist mit den Verboten ja nicht getan. Noch häufiger als Schilder, die einem bedeuten, was man bleiben lassen soll, sind Anweisungen, wie man sich denn zu verhalten hat. Links stehen, rechts gehen, die Klospülung betätigen, bitte und danke sagen, lächeln, gutes Englisch sprechen und so weiter. Überall hängen Plakate mit Verhaltensregeln aus und man bekommt tatsächlich den Eindruck, dass der Staat seinen Bürgern nicht allzu viel zutraut.

Der Staatsgründer Lee Kuan Yew machte keinen Hehl daraus, dass er nicht allzu viel von der Spezies Mensch hielt. Er war der Auffassung, dass nur unter strenger Führung ein gedeihliches Zusammenleben gelingen kann. Womöglich hat er nicht ganz Unrecht damit, denn immerhin funktioniert Singapur wie kaum ein anderer Vielvölkerstaat - und das ist durchaus nicht selbstverständlich.

Schließlich wurde Singapur 1965 in die Unabhängigkeit geworfen wie in kaltes Wasser. Seine Bevölkerung besteht aus einer explosiven Mischung verschiedener Ethnien, es liegt inmitten zweier großer muslimischen Mächte, Malaysia und Indonesien, und hat selbst keinerlei Rohstoffe, ja nicht einmal eigenes Trinkwasser. Denkbar ungünstige Startbedingungen also für dieses kleine Land, aus dem Lee Kuan Yew auch durch seinen paternalistischen Führungsstil eines der fortschrittlichsten Länder der Welt gemacht hat.

Ich bin also durchaus hin- und hergerissen zwischen Befremden und Bewunderung. In jedem Falle schätze ich aber jetzt, da ich gesehen habe, dass auch dies nicht selbstverständlich ist, das freiheitliche Leben hier in Europa umso mehr.

Von Hühnerfüßen, Singlisch und Verboten

High Heels und Hühnerfüße – Begegnungen mit Singapur. Isabel Schrimpf, 2. Auflage, 2014, BoD - Books on Demand, Norderstedt, 168 S., 14,80 €

Von Hühnerfüßen, Singlisch und Verboten

Unbedingt durch die Gassen von China Town laufen - das darf niemand verpassen, empfiehlt Isabel Schrimpf

GEO.de: Und was denken Sie, wenn Sie in der Zeitung Folgendes lesen: "In Singapur sind zwei Deutsche wegen Graffiti-Sprühens verurteilt worden. Die jungen Männer müssen für neun Monate ins Gefängnis - und sollen je drei Stockschläge auf den nackten Hintern bekommen?"

Isabel Schrimpf: "Wenn du ein fremdes Land betrittst, frage, was dort verboten ist." – das wusste Konfuzius schon vor mehr als 2500 Jahren. Vielmehr muss man dazu eigentlich nicht sagen.

GEO.de: Wie reagieren Sie, wenn jemand Singapur als "Disneyland mit Todesstrafe" bezeichnet?

Isabel Schrimpf: Ein starker Titel, keine Frage! So hat der Amerikaner William Gibson seinen Artikel über Singapur für das Magazin Wired im Jahr 1993 überschrieben. Der Singapurer Regierung hat sein Text nicht besonders gefallen, die Zeitschrift wurde dort daraufhin verboten. Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit haben einen anderen Stellenwert – um es mal so auszudrücken.

In Singapur stehen nicht wie im Westen die persönlichen Freiheiten im Vordergrund, sondern die "asiatischen Werte": Gemeinwohl, soziale Harmonie, wirtschaftlicher Fortschritt, Respekt und Gehorsam gegenüber den Autoritäten.

Mit "Brot und Spielen" sichert sich die Regierung sozialen Frieden und politische Stabilität. Shopping und Sentosa, das ist der oft zitierte "Samthandschuh über der eisernen Faust": Wohlstand und angenehmes Leben sind durchaus auch Mittel zum Zweck.

Aber ich habe den Eindruck, dass sich hier langsam etwas tut. Die jüngere Generation lässt sich dadurch alleine nicht mehr zufrieden und ruhig stellen, es gibt zunehmend kritische Stimmen, wenn auch deutlich seltener und zurückhaltender als im Westen. Vor einigen Wochen ist Lee Kuan Yew, der über 50 Jahre lang den Inselstaat geprägt hat wie kein zweiter, verstorben. Man kann gespannt sein, wie sich Singapur nun weiterentwickelt.

Aber nebenbei bemerkt: "Disneyland mit Todesstrafe" würde auch Gibsons Heimatland, die USA, recht treffend beschreiben.

GEO.de: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass man immer seinen Personalausweis parat haben muss. Können Sie Ihre Personalausweis-Nummer noch auswendig?

Isabel Schrimpf: Na klar: G5151001T (sie zählt fließend und ohne zu zögern die lange Nummer auf). Anfangs habe ich nicht glauben können, dass man sich daran gewöhnt, dass "Datenschutz" in Singapur so gänzlich anders gehandhabt wird als in Deutschland. Wenn man dort lebt muss man sich tatsächlich umstellen und einige Widerstände ablegen.

In Singapur konnte übrigens niemand die hiesige Aufregung über die Snowden-Enthüllungen verstehen. Dort ist jedem klar, dass der Staat ganz gut Bescheid weiß über seine Bürger.

Weiterführende Links

Immer eine gute Idee ist eine geführte Stadtteil-Tour: The Original Singapore Walks®

"black and white houses tour" von Geraldene Lowe. Voranmeldung wird erbeten. Buchung per Mail unter: geraldenestours@hotmail.com oder telefonisch unter: +65 67 37 52 50, mobil: +65 81 55 13 90.

Das Buch von Isabel Schrimp ist eine Art Gebrauchsanweisung für den Stadtstaat und eine guter Einstiegslektüre für jeden, der eine Singapur-Reise plant. BoD-Books on Demand, Norderstedt, 2014, 167 Seiten, Taschenbuch 14,80 € oder als eBook 9,99 €

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