VG-Wort Pixel

Burgund: Mit dem Rad auf Probentour

Mit dem Fahrrad durch die Weinberge auf den Spuren der Geschichte. Das Gepäck reist dem Drahtesel voraus und es bleibt Muße für das Wesentliche

Inhaltsverzeichnis

Gewissensfrage: Darf man beim Winzer am Sonntagnachmittag klingeln? Man darf, zumal wenn höflich dazu aufgefordert wird. "Sonnez au balcon, s’il-vous-plaît", steht in etwas krakeliger Schrift am Balkongitter. Das Fahrrad ist kaum angekettet, als Jean Jonnier, die Baskenmütze auf dem Kopf und den Eisenschlüssel in der Hand, schon in den Probierkeller bittet. Sein Sohn Jean-Hervé hat das Weingut an der Côte Chalonnaise unlängst übernommen. Die Kellerprobe aber bleibt Sache des 81-jährigen Seniors.

Esatzschlauch, Flickzeug und eine Flasche Wein

Wir fangen mit einem Aligoté an. Der frische Weißwein ist die Stärke der Winzer von Chassey- le-Camp und Jonniers chouchou: "Passt gut zum Kir und zu Krabben." Es folgt ein weißer Rully mit feiner Holznote, darauf ein rubinroter Mercurey mit reichen Fruchtaromen. Als wir wieder aufs Rad steigen, wandert je eine Flasche in die Radtaschen. Mehr ist neben Ersatzschlauch, Flickzeug und Regenjacke nicht drin. Schlechtes Gewissen wegen der geringen Abnahme? Nicht nötig. Monsieur Jonnier hat für die Transportnöte eines Radfahrers volles Verständnis. "Ich bin zuallererst Burgunder und wünsche mir, dass Sie Burgund in guter Erinnerung behalten", gibt er uns mit auf den Weg.

Wohltaten mit Wein: die Hospices de Beaune
Wohltaten mit Wein: die Hospices de Beaune
© Jörg Lehmann

Der Tisch ist schon reserviert

Es sind solche heiteren Momente im Weinkeller, die einen den Platten vor der Burg La Rochepot oder das himmelsstürmende Sträßchen hoch ins Winzerdorf Aluze (376 Meter über dem Meeresspiegel!) flugs vergessen lassen. Die größten Mühen werden einem bei der einwöchigen Radrundtour "Durch die Weinberge auf den Spuren der Geschichte des Burgund" ohnehin abgenommen: Das Gepäck reist dem Drahtesel voraus und steht bei der Ankunft abends in dem Landgasthof, wo auch der Tisch schon reserviert ist.

Ein Nickerchen im Vallée des Vaux

Bei maßvoll anstrengenden Tagesetappen von 30 bis 40 Kilometern bleibt Muße für das Wesentliche. Etwa für ein Mittagessen in Meursault, unter einer dicken Linde, deren Krone nur noch von der Renaissancepracht des Rathauses übertrumpft wird. Oder für das Nickerchen in einer Wiese im Vallée des Vaux, wo die Charolaisrinder so freundlich gucken, dass man sich einfach dazulegen muss. Und natürlich ist immer Zeit für den Wein.

Schöne Châteaus säumen den Weg

Unsere Route führt von der mit Grands Crus gesegneten Côte de Beaune bis in die entlegenen Winkel der bescheideneren Côte Chalonnaise. Reben links, Reben rechts, mittendrin ein Château mit bunt lasierten Dachziegeln und kilometerlangen Kellergewölben, und immer wieder ein Schild, das zur dégustation auffordert. Sonntags inklusive. Klingeln genügt.

Ohne eine Weinkarte rollt man in den Hügeln des Burgund leicht in die Irre
Ohne eine Weinkarte rollt man in den Hügeln des Burgund leicht in die Irre
© Jörg Lehmann
GEO SAISON Nr. 9/04 - Kanada

Mehr zum Thema