Interview Interview: Internetstress

Prof. Dr. Götz Mundle leitet die auf psychische Erkrankungen spezialisierten Oberbergkliniken. Er rät zum kritischen Umgang mit dem Smartphone - besonders im Urlaub

E-Mails lesen, Facebook-Seiten pflegen, wichtige Nachrichten-Sites und Twitter-Accounts ständig im Blick – auch in den Ferien sind wir im Netz. Wie findet man im Kommunikationszeitalter eigentlich Erholung?

PROF. DR. GÖTZ MUNDLE: Das ist wirklich ein Problem: Wir sind immer online. Dabei sollten wir in den Ferien mal offline gehen und auf die eigene Stimme hören.

Ist das ein Plädoyer, das Smartphone zu Hause zu lassen?

Nein. Das sind wichtige Helfer, ich möchte meinen Blackberry im Urlaub nicht missen. Aber auch nicht ständig erreichbar sein. Sonst ist unser Kopf immer online, das sorgt für einen nervösen Dauerzustand, man findet keine innere Ruhe, keine Erholung. Die Folgen sind Dauerstress, der zu Erkrankungen wie Burnout, Bluthochdruck oder Depression führen kann.

Was empfehlen Sie?

Lassen Sie das Handy aus, benutzen Sie es nur, wenn nötig. Vereinbaren Sie feste Telefonzeiten. Es geht nicht darum, für wichtige Anrufer unerreichbar zu sein, sondern darum, Zeit für sich zu finden, offen zu sein für „Anrufe“ aus der eigenen Innenwelt, für Familie und Partner.

Oft sieht man Paare, einer telefoniert, der andere ist davon genervt.

Ich war kürzlich in einer Reisegruppe unterwegs. Beim Abendessen hatte jeder sein Handy vor sich, und klingelte es, ging man sofort ran, auch wenn man sich mit jemandem unterhielt. Als wäre das Telefon wichtiger als die Menschen am Tisch.

Was kann man tun?

Sprechen Sie das Thema an. Dann entsteht echte Kommunikation, nicht virtuelle. In unserer Klinik behandeln wir viele, die im Teufelskreis moderner Medien gefangen sind. Mit denen erarbeiten wir einen Zeit- und Beziehungsplan: Man bespricht vor den Ferien, welche Wünsche und Erwartungen man an sich selbst und andere hat, wie man die freie Zeit gestalten will, und lässt das Smartphone im Regelfall aus. Für Notfälle gibt man die Nummer des Hotels weiter.

Wir müssen lernen, uns zu erholen?

Wir müssen Freizeit neu lernen und uns selbst neu entdecken lernen! Früher fuhr man in den Urlaub und war weg. Heute ist man immer erreichbar. Aber nicht das Netz macht krank, sondern die mangelnde Fähigkeit, ohne Netz lebendig zu sein.

Interview: Internetstress

Auch im Urlaub immer dabei - das Smartphone. Doch der Dauerstress kann zu ernsthaften Erkrankungen führen

GEO SAISON Nr. 06/2011 - Norwegen
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