Bergregionen Rettet die Alm!

Bergwiesen verwildern, weil den Bauern die Arbeit zu schwer ist und der Ertrag zu gering. Ein einzigartiges Biotop und Reiseziel ist bedroht. Doch Lösungen sind in Sicht

Traurig wäre die Wanderlust in den Alpen ohne Kuhglocken, die bimmeln, ohne die Rast auf einer Hütte, wo der Senner eine Jause mit selbstgemachtem Käse auftischt, ohne Blumenwiesen, auf denen Kräuter wie Arnika, Enzian, Knabenkraut und andere seltene Orchideenarten sprießen: Die Alm ist ein touristisches Lieblingsziel und ein wichtiger Genpool zugleich. Bedroht ist sie nicht etwa durch zu viele Besucher, sondern durch den Rückzug der Menschen. Almen sind Kulturlandschaften, seit Jahrhunderten haben Bergbauern Steilhänge und Hochplateaus gerodet, um den Weideraum im Tal zu erweitern – Schwerstarbeit bis heute.

Immer weniger Landwirte sind dazu bereit, viele finden andere, einfachere Einnahmequellen: Allein in Österreich hat sich laut aktueller Almstatistik die Anzahl der bewirtschafteten Almen seit 1952 von rund 11 000 auf 8500 verringert, die Weidefläche um mehr als die Hälfte. Die Folgen sind nicht nur für die Artenvielfalt gravierend, sondern auch für das Landschaftsbild, das unsere Bergromantik prägt. Werden Almen "aufgelassen", also nicht mehr bewirtschaftet, erobert sich der angrenzende Wald das Gebiet in wenigen Jahren. Wanderern schränkt er dann den Fernblick ein; Gäste, die Wiesen, Kühe und Berge zu sehen hofften, bleiben aus. Auch um das zu verhindern, vergeben Alpenländer und EU Fördermittel. Für die Bauern soll es sich lohnen, Herden in der Höhe grasen zu lassen und Lebensmittel mit großem Aufwand zu produzieren.

Rettet die Alm!

Eine der wenigen noch gepflegten Bergwiesen mit Blick auf die Lechtaler und Allgäuer Alpen

Auch fürs Mähen der oft sehr steilen Bergwiesen wird gezahlt. Quereinsteiger, die eine Hütte bewirtschaften wollen, werden in Lehrgängen fit gemacht. Inzwischen haben drei Viertel der Almen, einst Sinnbild der Abgeschiedenheit, eine Straße, sodass moderne Senner nicht mehr monatelang am Berg festsitzen oder alles rauf und runter schleppen müssen. Auch den Tieren bleibt die Bergtour immer häufiger erspart: Auf Lastwagen werden sie hochgekarrt. Die begehrten Milchprodukte von Almkühen, die am Berg ausschließlich frische Kräuter fressen, werden selten. Das österreichische Großarltal zählt zu den wenigen Regionen, in denen die traditionelle Almwirtschaft nicht rückläufig ist.

Wanderer können in 38 Hütten, unter anderem auf dem "Salzburger Almenweg", vor Ort hergestellte Köstlichkeiten genießen. Und: "Bei uns finden Almauf- und -abtrieb nach Witterung statt und nicht nach Veranstaltungskalender", sagt Thomas Wirnsperger vom Tourismusverband. Ende Mai bis Juni verlassen die Herden die Dörfer, zurück kehren sie im September und Oktober. Und wie einst sind die Tiere beim Abtrieb nur geschmückt, "aufgekranzt", wenn es Grund zur Freude gibt: weil Mensch und Tier den Sommer gut überstanden haben. "Immer mehr Gästen ist Authentizität lieber als eine inszenierte Show", sagt Wirnsperger, eine Entwicklung, die den Erhalt der Almkultur ebenfalls fördere (www.grossarltal.info).

Übrigens: Wer will, kann auch seine letzte Ruhestätte auf einer Alm finden, in der Schweiz – www.naturbestattungen.de.

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