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Interview Für immer unterwegs: Das Paar hinter dem Projekt "Weit" im Gespräch

Dreieinhalb Jahre trampten Gwendolin und Patrick rund um den Globus. In ihrem Film „Weit“ erzählten sie von ihrer Reise. Was danach geschah, war für die beiden Freiburger so abenteuerlich wie ihre Welttour selbst
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Zu zweit sind Patrick und Gwendolin gestartet. Mit Sohn Bruno kehren sie am Ende von ihrer Weltumrundung zurück. Die letzten 1000 Kilometer legt die kleine Familie komplett zu Fuß zurück

Nach 40 Monaten Weltumrundung seid ihr mittlerweile genau so lang wieder daheim in Freiburg. Wie schafft man das, als Nomade wieder sesshaft zu werden?

Gwendolin: Gar nicht, denn für uns ist Sesshaft-Sein keine Frage der Bewegung, sondern der Perspektive. Wir sind seit unserer Rückkehr zwar wirklich wieder in Freiburg zu Hause, versuchen aber, unsere Umgebung beweglich zu gestalten. Wir sind zum Beispiel bewusst in eine Wohngemeinschaft gezogen, um nicht in dieses klassische Kleinfamiliending zu verfallen. Hier ist immer etwas los, sodass sich unser Leben nach wie vor flexibel anfühlt.

War das gleich ab Tag 1 nach eurer Rückkehr so – oder musstet ihr euch erst einmal eingewöhnen?

Patrick: Wir sehen uns nicht als Nomaden, sondern als Projektmenschen, und die „Weit“-Reise war ein Projekt, das dann eben vom nächsten abgelöst wurde. Gleich nach unserer Rückkehr haben wir uns für sieben Monate in den Schnitt unseres Films gestürzt und hatten damit sofort wieder ein Projekt. Das war unvorhersehbar wie die Reise selbst; wir hatten wirklich gar keine Ahnung, was uns da erwartete. Als der Film dann in immer mehr Städten gezeigt wurde, haben wir uns von Freunden einen alten Wohnwagen geliehen und sind den Aufführungen durch Deutschland hinterhergereist.

„Nein“, lautete stets eure Antwort, wenn ihr gefragt wurdet, ob ihr euch erneut auf eine lange Tour aufmachen würdet. Warum?

Gwendolin: Ich sehe hier vorOrt wahnsinnig viel, was es zu entdecken gibt und wo ich mich einbringen kann. Ich starte gerade ein feministisches Aufklärungsprojekt, gemeinsam haben wir den Verein „terran“ gegründet, der sich fürs Reisen ohne Flugzeug einsetzt. Und in den vergangenen zwei Jahren haben wir zusammen mit 20 anderen Menschen ein kulturelles Wohnprojekt entwickelt, für das wir aktuell nach einem Zuhause suchen. Dennoch würde ich nie ausschließen, dass wir eines Tages doch wíeder sagen: Wir müssen los.

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Als gelernter Kameramann begleitete Patrick ihre Reise per Video. Inzwischen haben über eineinhalb Millionen Menschen den Film "Weit" gesehen

Wie genau lautete nochmal euer Plan, als ihr euch im Frühjahr 2013 von Freiburg aus auf den Weg um die Welt machtet?

Gwendolin: Pure Neugierde! Ich war ja gerade mal 20 Jahre alt, mit der Schule fertig und saumäßig neugierig, was es draußen alles zu entdecken gibt. Ursprünglich wollte ich – das war mir ganz wichtig – allein unterwegs sein. Doch dann habe ich ein paar Monate vor Schulende Patrick kennengelernt, der damals als Kameramann für den SWR arbeitete.

Patrick: Bei mir war’s genau andersherum: Ich war schon seit Jahren bereit, loszugehen, hätte es aber allein nie gewagt. Ich brauchte eine Seelenverwandte, mit der ich das alles verarbeiten konnte. Als ich Gwen kennenlernte, war sie gerade ohne Geld nach Schweden getrampt, das hat mich wahnsinnig beeindruckt.

Gwendolin: Klar war, dass wir nicht fliegen und mit 5 Euro pro Tag und Person auskommen wollten, um möglichst lange von unserem Ersparten unterwegs sein zu können. Ich hatte mir nach dem Abitur 8000 Euro zusammengejobbt, Patrick hatte etwas mehr, das hat locker für die zwei Jahre gereicht, bis wir Eltern wurden.

Wie lange ihr unterwegs sein wolltet, wusstet ihr nicht?

Patrick: Unseren Eltern haben wir gesagt, dass wir ein Jahr unterwegs sein würden – wussten aber bereits in dem Moment, in dem wir es aussprachen, dass uns dieses eine Jahr nicht reichen würde. Wir hatten keinen Plan, keinen Terminstress, kein Dogma. Wir haben einfach eine Tür geöffnet, sind hindurchgegangen und waren gespannt auf das, was uns auf der anderen Seite erwarten würde.

Ihr seid die 40 Monate fast ausschließlich zu Fuß und mit dem Auto unterwegs gewesen, habt euch für eure Ozeanüberquerungen auf einem Containerschiff und einem Kreuzfahrtschiff eingebucht. Weshalb war es euch so wichtig, nicht zu fliegen?

Gwendolin: Der Aspekt des Klimaschutzes ist erst im Laufe der Zeit wichtiger für uns geworden. Am Anfang stand vor allem ein romantischer Gedanke: Kann man die Welt heutzutage noch über Land umrunden? Geht das überhaupt? Eigentlich ist eine Überland-Umrundung ja naheliegender, als um die Welt zu fliegen. Zu „Ökos“ sind wir erst unterwegs geworden, auch durch die Auswirkungen des Tourismus, die wir gesehen und den wir immer mehr infrage gestellt haben.

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Mit der Heimat lassen Gwendolin und Patrick auch viele Klischees hinter sich zurück. Pakistan beispielsweise entpuppt sich als gastfreundliches Land, in dem sie viel länger als geplant bleiben

Ein Satz fällt in eurem Film mehrfach: „Die Fantasie geht, die Erfahrung kommt.“ Welche Fantasie wurde besonders von Erfahrung verdrängt?

Patrick: Ganz stark die Vorstellung von Ländern wie Iran und Pakistan, von denen wir natürlich auch Klischees und Bilder im Kopf hatten. Sie gehören zu den Regionen, über die man in Europa eigentlich nur politische Informationen erhält, also quasi auf einem Kanal informiert wird. Wenn du dann aber bei einer pakistanischen Familie eingeladen bist, merkst du: die Herzlichkeit ist ganz ähnlich dem Miteinander, das wir von unseren Familien daheim her kennen. Das fühlte sich so vertraut an, dass ich manchmal vergaß, in einem anderen Kontinent, einem anderen politischen System unterwegs zu sein. Aus den wenigen Tagen, in denen wir Pakistan durchqueren wollten, wurden so insgesamt fünf Wochen.

Ist das der entscheidende Punkt beim Reisen: Zeit zu haben?

Patrick: Ja, Zeit ist viel wichtiger als Geld, und das gilt vor allem, wenn der wichtigste Reiseimpuls die Neugierde ist. Denn vor Ort ist es meist noch viel interessanter, als man vorher denkt. Also braucht man unglaublich viel Zeit, um der Neugierde nachzugehen.

Gwendolin: So etwas wie Termindruck hatten wir nur ein einziges Mal: Als wir in Sibirien herausfanden, dass wir schwanger sind. Denn uns war klar, dass wir unser Kind in Mittelamerika zur Welt bringen, vor der Geburt noch über den Pazifik kommen wollten und daher das Containerschiff ab Tokio erreichen mussten. Ab Mexiko war Weitergehen ja kürzer als Zurückgehen. Hätten wir Bruno in Asien bekommen, wären wir vermutlich umgedreht, anstatt die Welt zu umrunden.

Dennoch ist es ziemlich sportlich, auf einer Weltumwanderung auch noch ein Kind zur Welt zu bringen. War das eigentlich geplant?

Gwendolin: Nicht wirklich. Aber es war auch nicht konsequent verhindert.

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