Surfen In den Wellen vergisst Dean, dass er das Down-Syndrom hat

Dass er Trisomie 21 hat, weiß Dean, seit er sich erinnern kann. Eingeschränkt hat ihn das selten. Dean spielt Schlagzeug, kümmert sich um Obdachlose und ältere Menschen. Als Schüler hat er Gedichte veröffentlicht - heute stürzt sich mit einem Surfbrett in brechende Wellen
Dean Marion goes Surfing Ocean Film Tour

Wasser - für Dean Marion bedeutet das vor allem Freiheit. Vor zehn Jahren lag er das erste Mal auf einem Surfbrett, heute hilft der 19-Jährige Kindern, die das Wellenreiten lernen wollen

Dean Marion ist eine Rampensau. Als er bei der Premiere der International Ocean Film Tour in Hamburg auf die Bühne gerufen wird, hält er demonstrativ die rechte Hand an die Ohrmuschel, die linke lässt er immer wieder von unten nach oben schnellen, als könne er so den Lautstärkepegel des tosenden Applauses weiter nach oben treiben. 

Als er kurz innehält, nicht mehr wild gestikuliert und registriert, wie viele Menschen da für ihn klatschen, kommen ihm die Tränen. Mit den Händen vor dem Gesicht schmiegt er sich an Vater Fred, der mit auf der Bühne steht. 

Wenige Minuten zuvor hatten die Zuschauer den Kurzfilm "Dean goes Surfing" gesehen. Dean verkörpert die Hauptrolle - und geht Surfen.

Ermöglicht wird ihm das von der Stiftung Surfing with Smiles, die es sich zum Ziel gesetzt hat, körperlich oder geistig eingeschränkten Kindern zu ermöglichen, sich mit einem Surfbrett in die Wellen zu stürzen. Dean war 2010 zum ersten Mal dabei, heute hilft er als Freiwilliger, wenn die vielen jüngeren Kinder an den Strand strömen, um auch einmal auf einem Brett zu stehen.

Zum Interview kommt Dean mit seinem Vater. Oft hat Dean Probleme, seine Gedanken in vollständigen Sätzen zu formulieren und sie so verständlich zu artikulieren, dass auch Menschen, die nicht an ihn gewöhnt sind, alles verstehen. Dann springt Vater Fred ein und antwortet auf Fragen - Dean fällt ihm oft ins Wort, wenn Fred die falschen Begriffe benutzt oder vom Thema abschweift. Ist alles gesagt, wie es Dean gern hätte, klatscht er mit seinem Vater ab. Wir haben uns entsprechend entschieden, die Stellen, an denen Vater Fred übernimmt im Folgenden nicht gesondert zu markieren.

GEO.de: Dean, vor zehn Jahren warst du das erste Mal mit einem Surfbrett im Wasser. Wie war das?

Dean Marion: Das war, als ob ich neu geboren wurde. Das ist sehr schwer zu beschreiben, aber es ist wirklich so. Die Effekte des Down Syndroms, die ich an Land spüre, sind wie weg, ich bemerke sie im Wasser nicht. Das ist eine große Freiheit - ich fühle mich wie all die anderen Jungs am Strand, die surfen können, wir sind auf dem gleichen Level. Wenn ich das Wasser um mich herum habe, bin ich anders, es verändert mich.

Was sind das für Effekte, die du an Land spürst?

Ich habe oft Probleme, so zu sprechen, dass andere mich verstehen - besonders, wenn ich aufgeregt bin. Was den Sport angeht: Weil ich an einer zervikalen Instabilität leide, kann ich manche Sachen nicht machen. Trampolins sind tabu, genauso Wrestling. Das ist im Wasser anders.

Seit wann surfst du? Und wie kam es dazu?

2009 ging es los, zwei Mädels haben das Projekt für einen Jungen mit besonderen Bedürfnissen gegründet, sie surften mit ihm. Wir kannten die beiden, so kam ich ein Jahr später dazu, über die Jahre hinweg wurde das Ganze immer größer, heute sind es unzählige Kinder am Strand.

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Es ist verdammt schwer, surfen zu lernen. Besonders am Anfang stürzt man nur. Wie war das?

Das war hart. Besonders schwer ist es, bei voller Fahrt auf dem Board zu stehen. Du fährst liegend los, hältst die Spannung und springst hoch. Manchmal klappt das, manchmal überschlägt sich das Brett, meistens landest du im Wasser. Die erfahrenen Surfer, die als Freiwillige bei dem Projekt mitmachen, haben sehr geholfen. Sie wissen, wie man auf dem Brett liegen und wann man aufstehen muss.

Seit du 18 Jahre alt bist, arbeitest du selbst als Freiwilliger mit. Was machst du?

Ich wollte auch etwas zurückgeben. Und seitdem ich mithelfe, surfe ich mehr. Sonst hab ich oft gewartet, bis ich an der Reihe war, um dann für eine halbe Stunde zu surfen. Jetzt bin ich viel mehr beteiligt: Jedes Board geht durch meine Hände, bevor es ins Wasser geht. Im Wasser selbst haben wir die Regel acht zu eins. Das heißt: Für jedes surfende Kind sind acht Helfer im Wasser, manche der Kinder können nicht unter Wasser gehen, die Freiwilligen nehmen sie mit ins flache Wasser und sorgen dafür, dass alles gut geht.

Du bist aber nicht nur Surfer, sondern engagierst dich in vielen Projekten. Du kümmerst dich in der Kirche um Ältere und Obdachlose. Was machst du da?

Jeden Donnerstagnachmittag treffen wir uns für gemeinsame Aktivitäten, spielen Tischbowling oder so etwas. Die mögen mich da sehr, besonders weil ich jeden von ihren Namen erinnere. Wenn wir einmal nicht da sind, fragen sie nach mir.

Welche Rolle spielt der Glaube für dich?

Er ist ein wichtiger Teil in meinem Leben. Er gibt mir Halt und Zuversicht und lässt mich daran glauben, dass ich alles tun kann. Ja, ich habe Down Syndrom. Na und? Das kann mich doch nicht stoppen, damit komme ich klar. Es ist, wie schon der Apostel Paulus sagte: Kämpfe den guten Kampf. 

Stoppen lassen hast du dich bisher tatsächlich selten. Im vergangenen Jahr hast du deinen Schulabschluss gemacht, als Schüler ein Buch mit Gedichten veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Das war in der achten Klasse, es ist in einem Workshop entstanden. Mit der Hilfe meiner Lehrerin und einer Betreuerin habe ich Gedichte geschrieben, über mein Leben, über alles Mögliche. Im Buch sind 15 Stück gelandet, über meinen Glauben, meine Mutter, gutes Essen. Ich wurde sogar im Fernsehen interviewt. Seitdem bin ich berühmt.

Jetzt bist du wieder auf der großen Bühne, dein Film wird in den kommenden Wochen überall in Europa gezeigt. Wie geht es danach weiter? Was hast du vor?

Ich will meinen Glauben noch intensiver leben, viele neue Leute treffen und vor allem die Welt bereisen. Nächsten Sommer geht es mit meinem Vater nach Alaska, das wird stark. Da bin ich 21, Mum ist nicht dabei, wir gönnen uns Zigarren und Whiskey und laufen den ganzen Tag in Unterhosen herum.

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