Mount Everest Warum Verzögerungen das Dach der Welt schnell zur Todesfalle werden lassen

Die Todesserie am höchsten Berg der Welt reißt nicht ab. In dieser Saison kostete das Abenteuer am Mount Everest bereits den elften Kletterer das Leben. GEO-Redakteur Lars Abromeit kennt die Risiken des Extrembergsteigens. Für eine medizinische Expedition begab er sich bereits auf über 7000 Meter Höhe. Im Interview erklärt er, warum ein Ausflug in die Todeszone nicht zu unterschätzen ist
Schlange, Mount Everest

Am 22. Mai 2019 stehen Bergsteiger auf dem Mount Everest in einer Schlange und warten auf den Aufstieg. Ein halbes Dutzend Kletterer starben in einer Woche, als sie den Mount Everest besteigen wollten

Das Wetter am Mount Everest ist derzeit so gut, dass zahlreiche Bergsteiger gleichzeitig den Gipfelanstieg versuchen. Es kommt zu regelrechten Staus am Gipfelgrat. Warum sind diese Wartezeiten so gefährlich?

Für Höhen von mehr als 7000 Metern sind wir als Menschen schlicht nicht gemacht: Wer sich im Himalaya dort hinauf wagt, baut ab – und zwar schnell. In der dünnen Luft wird man höhenkrank, kühlt schnell aus und macht Fehler, die dann fatal werden können. Das Spannende ist: All diese Risiken sind zwar eigentlich längst bekannt, aber sie werden dennoch oft unterschätzt. Denn an den extrem hohen Gipfeln, und ganz besonders natürlich am Everest, sind weit über 90 Prozent aller Bergsteiger in kommerziellen Expeditionen unterwegs – als „Gruppenreise“. Da wird einem sehr vieles abgenommen: Wenn man im Hochlager ankommt, sind alle Zelte schon aufgebaut, man muss nicht selbst kochen, nicht selbst nach der besten Route durch brüchige Eisfelder suchen. Sherpas tragen den größten Teil des Gepäcks. Der eigene Aufstieg ist in der Todeszone ja immer noch schwer genug.

Nur: Wenn dann Komplikationen auftreten, wie schlechtes Wetter zum Beispiel oder eben ein Stau am Gipfelgrat, dann sind die wenigsten Alpinisten auch darauf vorbereitet.
Plötzlich müssten sie eigenständig entscheiden – ein Biwak errichten, nach einer anderen Route suchen, oder im Zweifel natürlich umkehren. Das geht dann nicht mehr, und es wird schlagartig lebensgefährlich.

Wie schnell eine solche Situation kippen kann, haben wir bei unserer eigenen medizinischen Expedition damals am Himlung Himal in Nepal erlebt. Ein bisschen Wind, ein paar einzelne aus der Gruppe, die an einer umumgehbaren Stelle am Fixseil Probleme bekommen – und alle anderen harren plötzlich viel länger da oben aus als geplant. Zum Glück aber hat von uns niemand bleibende Schäden davongetragen. Es sind alle wieder gesund nach Hause gekommen.

Viele der Todesfälle sollen sich erst beim Abstieg ereignet haben. Das klingt auf den ersten Blick paradox...

Überhaupt nicht, der Abstieg vom Gipfel ist eigentlich meistens der weitaus gefährlichste Teil einer Expedition: Du bist euphorisiert, willst nach Hause, hast aber die meiste Kraft – beim Mt. Everest vielleicht auch den Großteil des Sauerstoff-Vorrats – bereits verbraucht.

Kluge Bergsteiger denken daran schon im Voraus und teilen sich die Reserven entsprechend ein. Aber wenn sich der Aufstieg durch einen Stau verzögert, kann diese Planung natürlich sehr schnell ins Wanken geraten. Dann muss man selbst in der Lage sein, eine neue, sichere Lösung zu finden.

GEO-Expeditionsreporter Lars Abromeit am Gipfel des Himlung Himal

GEO-Expeditionsreporter Lars Abromeit (Mitte), mit Fotograf Stefen Chow (rechts) und ihrem Assistenten Jangbu Sherpa am Gipfel des Himlung Himal auf 7126 Meter Höhe

Gibt es nicht so etwas, wie eine Ausstiegszeit?

Ja, seriöse Expeditionsleiter vereinbaren mit den Teammitgliedern am Gipfeltag feste Umkehrzeiten. Aber sich daran zu halten, selbst wenn das Wetter perfekt ist und man die Lage noch unter Kontrolle zu haben glaubt, kann eine harte Entscheidung sein: Bei uns zum Beispiel war damals ein Alpinist aus der Schweiz dabei, der einige Jahre vorher beim Versuch, den Mt. Everest zu besteigen, nur wenige Hundert Meter vom Gipfel entfernt seine Umkehrzeit überschritten hatte. Er ist dann tatsächlich umgedreht, trotz all der Vorbereitung, die er investiert hatte, um dieses Ziel zu erreichen. Davor habe ich größten Respekt!

Bei unserer eigenen Expedition hat er von seiner Erfahrung dann profitiert: Er konnte sehr früh erkennen, dass auch wir auf dem Gipfelhang langsam vorankommen würden. Er hat sich ausgerechnet, dass er – als Mitglied der letzten Gruppe – es nicht vor Anbruch der Dunkelheit bis ins schützende Lager auf 7000 Meter schaffen würde, und ist dann frühzeitig umgekehrt.

Ich selber habe aus der Erfahrung in Nepal gelernt: Die wissenschaftlichen Expeditionen, die ich begleite, wären meistens zwar ohne die Unterstützung von Trägern, Bergführern oder anderen Helfern gar nicht zu stemmen. Trotzdem aber sollte man sich schon vorher darüber Gedanken machen, wie man im Notfall alleine zurecht käme - wenigstens bis ins nächste, schützende Lager. Oder gar nicht erst aufbrechen.

Über seine Erlebnisse am 7126 Meter hohen Himlung Himal in Nepal und andere wissenschaftliche Expeditionen in den Gebirgen der Welt erzählt Lars Abromeit anhand spektakulärer Bilder am 13. Juni 2019 im Gasometer Oberhausen. Tickets gibt es hier.

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