Extrempaddlerin Sarah Davis „Ich wollte aus der Komfortzone ausbrechen und Grenzen überschreiten“

Von einer Bankangestellten zur Extremsportlerin: Die Engländerin Sarah Davis erpaddelte sich als erste Frau den Nil – 4000 Kilometer von der Quelle bis zur Mündung. Was sie auf ihrer Expedition erlebt und wie sie es geschafft hat, aus ihrer Komfortzone auszubrechen, hat sie uns im Interview erzählt
Sarah Davies

Sarah Davis nach ihrer mehr als 4000 Kilometer langen Paddeltour über den Nil

Von einer erfolgreichen Risikoanalystin bei einer Bank hin zu einer wagemutigen Extremsportlerin auf einem der längsten Flüsse der Welt: Wie genau ist das passiert?

Ich hatte in Australien einen Job, den ich tatsächlich sehr mochte. Aber ich wollte mehr: Mehr sehen, mehr tun und vor allem mehr erleben. Und ich wusste, dass meine Arbeit mir genau das nicht ermöglichen wird. Ich wollte etwas machen, was nur für mich von Bedeutung war und nicht für die Bank, für die ich arbeitete. Ich hörte von einigen Geschichten, die von Menschen erzählten, die etwas als erster weltweit gemacht hatten. Genau das wollte ich auch. Ich hatte immer im Hinterkopf, wie spannend es wäre, auf eine Expedition zu gehen. Weil mir das Kajakfahren schon immer Spaß gemacht hat, kam ich auf die Idee, entlang des Nils zu paddeln.

Es gibt so viele Dinge, die Sie hätten tun können, um ihre Komfortzone zu verlassen. Warum genau ist es eine Tour über den Nil geworden?

Ich liebe Afrika. Der Kontinent war schon immer eines meiner Lieblingsreiseziele. Und ich liebe Kajakfahren. Ich wusste natürlich, dass es eine wahnsinnige Herausforderung darstellt, über den Nil und mehrere Länder hindurch zu paddeln, aber ich habe es mir spannend vorgestellt – und das war es dann am Ende auch.

Sarah Davies

Neugierige Blicke bekam das ungewöhnliche Expeditons-Team überall, daraus entstanden aber auch oftmals Freundschaften

Warum war es Ihnen so wichtig, etwas als Erste zu machen?

Ich mochte die Idee, aus meiner Komfortzone auszubrechen und Grenzen zu überschreiten – und natürlich etwas zu tun, was vor mir noch nie jemand gemacht hat. Zwar hatte sich ein Mann vor mir den Nil erpaddelt, ich wollte aber die erste Frau werden, die es schafft. Dennoch war es für mich nicht wichtig unter Beweis zu stellen, dass eine Frau ebenfalls die Kraft besitzt, den Nil per Boot zu bezwingen. Vielmehr ging es mir um die Reise an sich und darum, was sie mir alles abverlangen würde. All das wollte ich als Erste erleben und habe die Reise schlicht zum Zwecke meiner Selbsterfüllung gemacht. Und am Ende bin ich auch nicht die erste Frau geworden, die den kompletten Nil entlanggepaddelt ist. Denn ich musste aufgrund der Sicherheitslage ein Teilstück auslassen.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Es gab sowohl eine physische als auch eine psychische Vorbereitung. Im Hinblick auf meinen Körper konzentrierte ich mich vor allem darauf, Muskelmasse aufzubauen. Ich wusste, dass ich Muskeln brauchte, um nicht nur die Strecke zu schaffen, sondern auch mögliche Verletzungen vorzubeugen. Also ging ich etwa viermal die Woche ins Fitnessstudio. Ich besuchte Überlebens- und Selbstverteidigungstrainings. Ich stellte mir aber die Frage, wie ich diese Reise mental überstehen werde. Ich hörte mir TED-Talks von Leuten an, die außergewöhnliche Dinge gemacht haben und ihre Ängste überwunden hatten. So versuchte ich mich auf unvorhersehbare Situationen vorzubereiten.

Sarah Davies

Sarah Davis unterwegs auf einem ruhigen Teil des Nils in Ägypten

Wann und wo genau haben Sie realisiert, dass sie gerade wirklich den Nil entlang paddeln?

Tatsächlich zu Beginn der Reise. Wir setzten das Rafting-Boot ins Wasser, ich fing an zu paddeln und konnte einfach nicht aufhören zu grinsen.

Sie sind nicht alleine gepaddelt, sondern hatten immer Unterstützung. Wie haben Sie Ihre Teammitglieder ausgewählt? Und in welchen Situationen war es wichtig, dass sie nicht allein paddeln?

Ich war die gesamte Reise über mit anderen Menschen unterwegs. Es war mir ein persönliches Anliegen, Einheimische an meiner Seite zu haben. Ich dachte, es wäre eine spannendere Erfahrung, wenn mir die Personen des jeweiligen Staates mehr über ihre Kultur und das Land an sich erzählen können. In der ersten Phase in Ruanda, Tansania und Uganda, hatte ich ein Team aus Rafting-Guides, die jeden Tag Touren auf dem Nil unternehmen und die Strecke in- und auswendig kennen. Ich wollte von Menschen umgeben sein, die wussten, was sie tun. Ich bin außerdem 18 Monate vor der Reise in den Sudan und nach Ägypten gefahren, um Tourismusminister und Botschafter zu treffen, mit denen ich über die Reise auch in Kontakt stand, um über die politische Lage in den jeweiligen Ländern informiert zu bleiben. An anderen Stationen schlossen sich Menschen meiner Reise an, die ich zuvor kennengelernt hatte.

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Besonders am Anfang, wie hier in Uganda, ließ sich Sarah Davis von lokalen Guides durch die schwierigen Sektionen des mächtigen Flusses begleiten

Was war die größte Herausforderung, vor der Sie während Ihrer Expedition standen?

Es gab viele Herausforderungen während der Tour. Wir wurden von Flusspferden attackiert, mussten das Wasser verlassen und schnell an Land gehen. Die Flusspferde waren sehr aggressiv und haben einen Teil des Rafting-Bootes abgebissen. Das war erst an Tag sechs. Ich weiß bis heute nicht, wie wir das überlebt haben. Deshalb hatte ich Angst, dass wir erneut Nilpferden begegnen könnten. Der gesamte Trip war eine körperliche und mentale Herausforderung. Sich jeden Morgen erneut aufzuraffen war schwierig, der Körper macht schlapp und es war sehr heiß. Ich war oft einfach nur erschöpft. Man musste konstant wach und konzentriert sein – und das sieben Monate lang. Das war sehr hart.

Was war Ihr persönliches Highlight?

Highlights gab es natürlich ebenfalls einige. Ich habe die Adrenalinschübe während des Trips geliebt. Ich habe die Wildwasser-Abschnitte sehr gemocht. Besonders schön fand ich auch das Camping. Immer an einem anderen Ort zu sein und die wunderschöne Natur zu sehen, hat mir große Freude bereitet. Im Norden des Sudans war es besonders schön. Ich hatte immer die Vorstellung durch die heiße Wüste zu paddeln und den Sand zu sehen, der in den Fluss fließt. Das war für mich immer eine so surreale Vorstellung. Dann auch noch dort zu übernachten und die wundervolle Landschaft zu sehen, war atemberaubend. Auch die ganzen Menschen, die meinen Traum wahr gemacht haben, waren ein Highlight für mich. Sie haben mir immer geholfen und mir die Länder, in denen sie leben, nähergebracht. Und ich habe im Moment gelebt, das war genau das, was ich wollte.

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Dort unterwegs zu sein, wo Dünen sich im Nil verlieren, war ein Traum von Sarah Davis, den sie sich im Sudan erfüllte

Gibt es irgendetwas, das Sie nicht vermissen werden?

Nicht vermissen werde ich, dass es unterwegs kaum warmes Wasser gab. Jetzt habe ich mein eigenes Bett wieder, warme Duschen und kann mein Lieblingsessen genießen. Das Kajakfahren werde ich auf jeden Fall vermissen, aber nach der Reise mit acht bis zehn Stunden paddeln am Tag brauchte mein Körper auch etwas Erholung davon. Ich möchte aber definitiv neue Expeditionen mit dem Kajak machen, so viel steht fest.

Haben Sie schon realisiert, dass die Expedition vorbei ist? Hat die Nil-Expedition Sie als Person verändert?

Ich brauche sicherlich noch Zeit, um das alles zu verarbeiten. Ich kann aber jetzt schon sagen, dass ich deutlich geduldiger geworden bin. Ich komme auch besser mit Unsicherheiten oder unvorhersehbaren Ereignissen klar. Ich glaube mehr daran, dass Dinge einfach funktionieren werden, und vertraue mehr. Ich konnte nicht alles bis ins kleinste Detail planen, sondern musste darauf hoffen, dass alles funktioniert. Das war für mich herausfordernd, aber es tat auch gut meine Kontrolle abgeben zu müssen.

Was würden Sie Personen empfehlen, die auch aus ihrer Komfortzone ausbrechen möchten?

Nummer 1: Tut es einfach! Ihr wachst daran. Macht kleine Schritte, aber unternehmt etwas und handelt. Habt euer Ziel im Blick und arbeitet daran. Ihr müsst einfach beginnen und genau das liegt an Euch selbst. Seid nicht unsicher, weil ihr nicht alle Antworten bereitliegen habt.

Ende April 2019 kam Sarah Davis an der Nilmündung in der Nähe der Stadt Alexandria in Ägypten an. Sie ist als erste Frau den Nil entlanggepaddelt – wenn auch nicht komplett. Gezwungenermaßen musste sie einige Kilometer auslassen: Als sie von den Unruhen im Südsudan hörte, entschied sie sich, diesen Abschnitt des Nils nicht zu befahren. Ihre nächste Mission: Jeweils eine Expedition auf jedem Kontinent. Starten möchte sie in Australien. Über Ihre Abenteuer berichtet sie auf Ihrer Webseite

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