Interview "Touristen sind immer die anderen"

Reisen gehört zum modernen Status wie dicke Autos und neue Klamotten - sagt Dirk Schümer. Der FAZ Korrespondent und Erich-Fromm-Preisträger spricht Tacheles in seinem neuen Buch über Tourismus
"Touristen sind immer die anderen"

Buchautor Dirk Schümer hegt im Zweifel sogar Sympathien für die Leute am Ballermann

GEO SAISON: "Touristen sind immer die anderen", heißt Ihr neues Buch. Warum will eigentlich niemand als Tourist bezeichnet werden?

Dirk Schümer: Ein Tourist ist, wie das Wort besagt, ein Durchreisender. Ein naiver Mensch, dem man allen Nepp andreht, der die Sprache nicht kapiert, der den Weg nicht weiß. Wir alle kennen diese Lage. Doch wer will das schon zugeben?

Wir zeigen mit dem Finger auf andere, um die eigene Reise als etwas Besonderes zu klassifizieren?

Dirk Schümer: Ja, das ist ein Appell an den niedrigsten Instinkt: Ich bin was Besseres. Gegenüber Besserwissern, die jede hundsnormale Pizzeria zum Bauernladen verklären und überall "Geheimtipps" frequentieren, kommt bei mir echte Sympathie für die lieben lauten Leute am Ballermann auf. Die tun wenigstens nicht so, als hätten sie im Urlaub ein Ethnologiestudium absolviert.

Trotz Ihrer Sympathie lästern Sie über den Massentourismus an Stränden und auf Skipisten.

Dirk Schümer: Aber nicht, um mich zu erheben, sondern weil ich mich dort nicht erholen kann. Wer zwischen Hunderttausenden an der Adria oder im Pistengewusel von Saalbach-Hinterglemm meditativ entspannt, dem kann ich nur gratulieren. Der hat das Nirwana fast erreicht.

Was machen Sie anders?

Dirk Schümer: Ich halte mich an bewährte Kontraindikationen für Reisegestresste: Im Winter am leeren Strand spazieren. Zu Karneval nicht ins volle Venedig, sondern ins leere Florenz. Aus Deutschland nicht im Juli in den Süden brummen, sondern im November. Für Kurztrips lieber einem Kettenhotel vertrauen, als auf eine heruntergewohnte Ferienwohnung aus dem Internet reinfallen.

Sie skizzieren den Generationenwandel: Während die Großeltern kaum aus ihrer Umgebung herauskamen, sind ihre Enkel sinnsuchende Globetrotter. Klingt, als sammelten junge Menschen Länder aus Prestigegründen.

Dirk Schümer: Reisen gehört nun mal zum modernen Status wie dicke Autos und neue Klamotten. Ich stelle dem eine Reisediät entgegen. Die fragt: Lerne ich andere Länder tatsächlich kennen? Oder bleibt das ein surrealer Kinofilm in einer Sprache, die ich nicht verstehe? Daher konzentriere ich mich und fahre lieber oft zu denselben Zielen.

"Touristen sind immer die anderen"

Dirk Schümer lebt als Europakorrespondent für das Feuilleton der FAZ in Venedig. Gerade wurde er für sein journalistisches Engagement mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet

"Touristen sind immer die anderen"

Nach "Eine kurze Geschichte des Wanderns" (Piper, 8,99 €) ist jetzt sein Buch "Touristen sind immer die anderen" erschienen (Hanser, 17,90 €)

Zum Beispiel?

Dirk Schümer: Im Februar Wandern auf den Kanaren – Hochwald, blühende Pflanzen und zwitschernde Vögel weitab vom Strand. Abends dann ein Blick in die mitteleuropäische Wettervorhersage, und man ist einfach nur glücklich.

Das Interesse an Kunst und Kultur sei eine eigene Form des Massentourismus’, schreiben Sie. In Venedig dürfte das besonders schlimm sein. Warum leben Sie ausgerechnet dort?

Dirk Schümer: Ich liebe Venedig so sehr, weil es dort zwei Sachen nicht gibt, die mir den Alltag hässlich machen: Autos und moderne Architektur. Dafür nehme ich Millionen Touristen gern in Kauf, denn erstens kann die Stadt anders keine Einnahmen generieren. Und zweitens verursachen diese Leute weder Motorenlärm noch Abgase.

Sie formulieren ein Hotelgesetz, dem zufolge Sie immer das schlechteste Zimmer bekommen. Wie erklären Sie sich das?

Dirk Schümer: Dieses Naturgesetz, das wir alle kennen, ist noch nicht genug erforscht. Meine Hypothese besagt, dass der Hotelier die schlechtesten Zimmer zuerst weggibt. Wenn ich so dumm bin, das zu akzeptieren, hat er für anspruchsvollere Gäste immer noch was Besseres in der Hinterhand.

Alles haarklein planen oder spontan losziehen – was ist besser?

Dirk Schümer: Das muss jeder selbst entscheiden. Ich gelte lieber als Pedant. Ein kleiner Tramperschlafsack wiegt 200 Gramm und macht mich selbst im Luxushotel in Italien unabhängig von diesen notdürftig in Laken gewickelten Pferdedecken. Und ich packe stets eine kleine Stirnlampe ein, weil für die aussterbenden Bücherleser am Nachttisch kaum noch vorgesorgt wird.

Die perfekte Reise kann es Ihrer Meinung nach nicht geben. Warum?

Dirk Schümer: Reisen ist die Fortsetzung des Alltags, und der ist ja auch alles andere als perfekt. Wenn ich alle Hoffnungen auf die kostbare Auszeit setze, kann es nur schiefgehen. Von den alten Römern sollte man auch hier Gelassenheit lernen. Die sagten nämlich: Es nutzt nichts, den Himmel über sich zu verändern, denn die eigene Seele bleibt auch in der Ferne die gleiche.

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