FLIEGEN Auf die Sitze, fertig, los!

Lange Schlangen, Koffer im Rücken: Boarding ist für die meisten Fluggäste die Pest. Wissenschaftler hätten Rat, wie es schneller ginge – wäre da nur nicht die leidige Praxis
Auf die Sitze, fertig, los!

It´s Boarding-Time! Das Platznehmen im Flugzeug könnte viel schneller gehen, meinen zumindest die Wissenschaftler. Doch die Praxis sieht meist anders aus

Warum bloß wollen Airlines nicht viel Geld sparen und zugleich ihre Passagiere glücklich machen? Diese Frage dürfte sich der Mathematiker Jason H. Steffen häufiger stellen. Der Wissenschaftler am berühmten Fermilab in Illinois hat jüngst herausgefunden, wie man das Einsteigen in Flugzeuge deutlich beschleunigen könnte.

Das funktioniert nämlich genau auf die Art am schlechtesten, hält er nun für erwiesen, wie es die meisten Gesellschaften praktizieren: indem sie ihre Fluggäste nach Sitzreihen sortiert einsteigen lassen – hinten zuerst, vorn zuletzt. Für sein Experiment bat Steffen 72 Passagiere samt Handgepäck, den Testrumpf einer Boeing 757 zu besteigen (der Flugzeugtyp verfügt, je nach Bestuhlung, über 200 und mehr Sitzplätze) und probierte dabei diverse Varianten. Das Ergebnis: Am schnellsten – in 3 Minuten, 40 Sekunden – kamen alle Fluggäste auf Ihre Plätze, wenn zunächst diejenigen einstiegen, die auf der einen Seite der Maschine am Fenster saßen. Dann Reisende mit Fensterplätzen auf der anderen Seite. Nach derselben Methode folgten Mittel‐ und Gangsitze. Der entscheidende Vorteil ist, dass so nie mehrere Passagiere den gleichen Raum im Flugzeuggang nutzen, sich beim Platznehmen also nicht behindern. Außerdem muss niemand, der am Gang sitzt, für einen später kommenden Gast mit Fensterplatz aufstehen.

Steffens Methode ist deshalb fast doppelt so schnell wie die herkömmliche Manier, die beim Test 6:16 Minuten erforderte und in größeren Flugzeugen und mit mehr Passagieren entsprechend noch viel länger dauert. Das Turbo-Verfahren spart nicht nur Zeit, sondern lohnt sich auch finanziell: Je nach Zahl der Flüge, hat Steffen errechnet, könnten große Airlines auf diese Weise bis zu 110 Millionen Dollar jährlich einsparen. Denn Zeit am Gate kostet viel Geld.

Auch andere Forscher hätten Boarding-Tipps: Professor R. John Milne von der Clarkson Universität im Bundesstaat New York ermittelte kürzlich, dass weitere zwei bis drei Prozent der Boardingzeit gespart werden könnten, wenn Fluggäste mit zwei Taschen zuerst einstiegen und Fensterplätze erhielten, dann solche mit einem Gepäckstück einen Mittelsitz bekämen und zuletzt die Passagiere ohne Taschen am Gang platziert würden.

Doch bisher nutzt keine Airline dieses Wissen, weil Wissenschaft und Wirklichkeit nicht immer ganz deckungsgleich sind. Es scheitert am "menschlichen Faktor": Damit der Boardingprozess reibungslos läuft, müssten alle Passagiere rechtzeitig am Gate sein. Das aber kommt so gut wie nie vor.

Familien, Freunde oder Kollegen, die zusammen reisen, wollen zudem nicht getrennt einsteigen. Eine Methode, die rund ein Drittel an Zeit spart, kommt immerhin gelegentlich zum Einsatz, das "Random Boarding": Wer zuerst kommt, steigt auch zuerst ein. Obwohl die Passagiere bei dieser Methode erst nach ihrem reservierten Sitzplatz suchen müssen, ist doch insgesamt jeder schneller an seinem Platz als beim Einsteigen nach Sitzreihen. So ähnlich hält es auch die Lufthansa auf Kurzstrecken: Zuerst werden Gäste der Business Class und Vielflieger an Bord gebeten. Alle anderen steigen danach ein, ohne bestimmte Reihenfolge.

Es bleibt weiter genug Forschungs‐ bedarf beim Boarding, schließlich ergeben neue Flugzeugmodelle und Bestuhlungsvarianten ständig frische Versuchsanordnungen, wie auch Klaus Gorny von der Lufthansa aus leidvoller Erfahrung weiß: "Spätestens alle fünf Jahre prüfen wir unsere Verfahren auf Aktualität und Sinnhaftigkeit. Allein eine andere Platzierung von Zeitungsständern im Flugzeug verändert das Einsteigen, weil es andere Engpässe schafft."

Eines Tages dürfte das Problem zur Zufriedenheit aller gelöst sein: spätestens, wenn Airlines ihre Passagiere samt Gepäck ans Ziel beamen können. Daran arbeiten aber andere Wissenschaftler als Jason H. Steffen.

Mehr zum Thema auf geo.de

Unter www.geo.de/boarding finden Sie Videoclips, die zeigen, wie schnell die verschiedenen Boardingverfahren sind.

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