Big Data Gläserne Reisende

Neue Technologien ermöglichen es, dass immer präzisere Personenprofile erstellt werden können. Das weiß auch die Reisebranche zu nutzen und greift zunehmend in die Privatsphäre ihrer Kunden ein
Gläserne Reisende

Die Welt vernetzt sich und mit ihr auch unsere Daten

Sie checken ins Hotel ein, und die Tennisstunde für den nächsten Morgen ist bereits gebucht. Woher Ihre Herberge weiß, dass Sie gern Tennis spielen? Womöglich haben Sie es im Internet verraten. Weil Hotels möglichst viel über ihre Gäste wissen wollen, sammeln sie immer mehr Daten. Eine Google-Suche legt oft schon Beruf und Sportverein offen; Twitter-Account, Facebook und Blogs verraten Vorlieben und Beziehungsstatus – jedenfalls wenn auch Fremde Zugang zu Ihrem Profil haben. Nach dem deutschen Datenschutzrecht dürfen Unternehmen zwar keinerlei Daten ohne persönliche Zustimmung sammeln. Allerdings stammt das Gesetz aus einer Zeit, als Social Media noch keine Rolle spielten. Wer bei Facebook private Informationen preisgibt, hinterlässt freiwillig Daten. Hotels wissen sowieso sehr viel: Welche Filme schauen Gäste, welche Medikamente finden sich im Bad, was fehlt aus der Minibar?

All diese Details formen das teils sehr private Bild jedes Gastes. Dass die Reisebranche Daten sammelt, ist nicht neu. Neu ist die frei zugängliche Masse an Informationen und vor allem die "Big Data"-Technologie: Sie kann die einzelnen Daten durch leistungsstarke Computer und Data-Mining-Algorithmen filtern und neu verknüpfen. So wird das Profil jedes einzelnen Nutzers immer präziser. Zur Freude auch der NSA. Wer aus Deutschland in die USA reist, dem könnte es ergehen wie Hotelgästen dort: Sie fanden von ihrem Facebook-Account kopierte Familienfotos gerahmt auf dem Nachttisch samt Glückwunsch zum Vatertag. Eher datenunbekümmerte Amerikaner mögen dies als Aufmerksamkeit empfinden, Europäer aber als herben Eingriff in die Privatsphäre. Das Ziel ist jedenfalls klar: Wer mehr über Kunden weiß, kann sie besser an sich binden. Die vermeintliche Fürsorge könnte sich ebenso als Manipulation erweisen, warnt Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein: "Weiß ein Hotel, dass Sie spendabel sind, wird es Ihnen immer ein teureres Angebot unterbreiten. Umgekehrt könnte Ihnen ein Service vorenthalten werden, weil die Datenanalyse ergibt, dass Sie sich den ohnehin nicht leisten können. Das wäre diskriminierend." Michael Buller, Vorstand des Verbands Internet-Reisevertrieb e. V. (VIR), dem Expedia, HRS oder L’tur angehören, hält solche Sorgen für übertrieben.

Bei Big Data gehe es in Deutschland vor allem um besseren Service: "Unsere Kunden stehen vor einem Regal mit potenziell 40 Milliarden Produkten. Wir wollen ihnen durch unsere Analysen die jeweils passenden Top 3 für ihre Suche anbieten können." Thilo Weichert widerspricht: "Wer persönlich zugeschnittene Angebote haben möchte, der soll sie bekommen. Voraussetzung ist aber, dass er dem zuvor zugestimmt hat. In Deutschland ist das in der Regel der Fall. Viele ausländische Anbieter aber arbeiten leider nicht so." Natürlich wollen auch deutsche Touristikunternehmen wissen, wer wir sind. Startups wie "Reputami" aus Köln machen daraus ein Geschäft: Die Gäste-Suchmaschine bereitet Daten für Hoteliers auf und durchforstet dafür Social-Media-Profile nach Informationen über Gäste: Haben sie einen Arbeitsplatz, nutzen sie bei Bewertungsportalen den echten Namen?

Die Betreiber zeigen ihren Kunden, wie aktiv deren Gäste im Netz sind, wer von ihnen voraussichtlich über sie schreiben wird und vor allem, wie viele Leser er damit wahrscheinlich erreicht. Benutzt ein Gast Dienste wie Foursquare, wird im digitalen Besucherprofil zudem angezeigt, welche Hotels und Restaurants er betreten hat. Und so weiß ein Hotelier ziemlich gut, mit wem er es zu tun bekommt. Ob im Urlaub oder auf Business-Trip: Wir werden so zu gläsernen Reisenden. So unheimlich dies bereits klingt, die Pläne der Internationalen Luftverkehrsvereinigung IATA gehen noch viel weiter: Im Jahr 2020 soll der "Checkpoint of the Future" einsatzbereit sein. Darin werden Passagiere eingeteilt in "bekannte", "normale" und solche, die ein Sicherheitsrisiko darstellen – je nachdem, wie viele Daten man von sich preisgibt und was Datenarchive ausspucken. Wer sich im Internet zum Beispiel kritisch über die USA geäußert hat, könnte als Risikofall gelten. Datenschützer Weichert ist alarmiert: "Diese Pläne sind sehr dubios. Wir müssen aber leider zur Kenntnis nehmen, dass viele Staaten und insbesondere die USA dies schon praktizieren und Menschen auf sogenannte No-Fly-Listen setzen, weil sich jemand politisch betätigt hat. Eine solche Praxis ist rechtsstaatswidrig."

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