Barrierefrei Reisen Blind die Welt entdecken

Christian Ohrens ist blind, reist gern und dreht dabei Videos. Mit seiner Entdeckungslust stößt er auf offene Mitmenschen und manchmal auf Unverständnis. Warum, erzählt er im Interview
Blind die Welt entdecken

Christian Ohrens ist von Geburt an blind und reiste im vergangen Jahr allein mit dem Zug durch Skandinavien

GEO: Wie bist Du zum Reisen gekommen?

Christian Ohrens: Da muss ich ein bisschen weiter ausholen. Ich war in Marburg auf dem einzigen Gymnasium für blinde Menschen in Deutschland. Zusätzlich zum normalen Schulunterricht hatten wir Trainings, in denen wir gelernt haben, wie wir beispielsweise mit dem Stock gehen oder uns im Straßenverkehr verhalten. Aus versicherungstechnischen Gründen durften wir nur die Wege gehen, die wir bereits gelernt hatten. Das ging mir aber alles nicht schnell genug und ich bin ohne Erlaubnis einfach drauf los. Hinzu kam dann noch ein gemeinsames Hobby mit einem Schulfreund. Wir haben die Ansagen an Bahnhöfen aufgenommen. Damals gab es noch keine Tonbänder und somit immer mal wieder Versprecher oder kreative Formulierungen. Da die Bahnhöfe in Marburg schnell langweilig wurden, sind wir einfach in die umliegenden Städte gefahren, wie Gießen oder Kassel. Und so hat meine Entdeckungslust angefangen.

GEO: Und von da an bist Du gereist?

Christian Ohrens: Ich wollte eigentlich direkt nach dem Studium allein verreisen, habe mich dann aber von meinen Eltern breitschlagen lassen, doch noch einmal gemeinsam zu fahren. Während dieser Reise habe ich aber schon versucht viel allein zumachen. Meine erste Reise ohne Begleitung war 2007 nach Prag. Die habe ich erst gebucht und dann meine Eltern angerufen. Im letzten Jahr habe ich meine erste längere Reise durch Dänemark, Norwegen und Schweden gemacht. Am Anfang habe ich schon überlegt, ob das nicht vielleicht zu viel werden könnte, aber dafür musste ich es erstmal ausprobieren.

GEO: Trotz spezieller Reiseangebote für blinde Menschen, ziehst Du lieber ohne Begleitung los, warum?

Christian Ohrens: Ich bin zwar selber blind, aber ich meide gern die Ansammlung von Blinden und bin lieber autonom unterwegs. Diese Reiseveranstalter bieten natürlich volle 100 Prozent. Jeder Reisende hat einen Begleiter, der Dinge in der Umgebung beschreibt, darauf achtet, dass Barrieren überwunden werden und so weiter. Ich mag alles, was unterhalb dieser 100 Prozent passiert. Ein bisschen Sicherheit brauche ich schon, aber die muss ich eben einfordern. Es geht mir darum selbst herauszufinden, wie komme auch ohne Blinden-Leitsysteme ans Ziel. Barrierefreiheit fängt für mich dann an, wenn die Barrieren im Kopf abgebaut werden. Zum Beispiel hat mir in Russland jemand die Speisekarte im Restaurant vorgelesen und damit war die Speisekarte für mich keine Barriere mehr, auch wenn sie ursprünglich nicht in Blindenschrift verfügbar war, aber das musste ich eben einfordern.

GEO: Wonach suchst Du deine Reiseziele aus?

Christian Ohrens: Ich bin kein Mensch für Wald und Wiesen. Großstädte sollten es schon sein. Sie haben für mich auch den Vorteil, dass sie sich gut erschließen lassen und ich selten allein irgendwo stehe.

GEO: Wie reagiert Deine Umgebung darauf, dass Du reist?

Christian Ohrens: Es ist auch für viele aus meiner Verwandtschaft noch ein Buch mit sieben Siegeln, warum ich reise, und mir Sachen anschaue.

GEO: Und die Menschen, denen Du unterwegs begegnest?

Christian Ohrens: Meistens sehr gut, teilweise etwas zu beschützend. Die Osteuropäer genießen im punkto Hilfsbereitschaft hierzulande ja nicht immer den besten Ruf. Vor Ort habe ich das allerdings ganz anders wahrgenommen. In Skandinavien hat mir die Grundeinstellung der Leute gut gefallen. Sie waren nicht gleich aufgeschreckt oder eingeschüchtert durch meine Blindheit, sondern haben mich behandelt, wie jeden anderen Gast auch. Beispielsweise im Museum sagten sie zu mir: "Wir haben zwar niemanden, der dich rumführen kann, aber geh doch ruhig dennoch". Einen selbstbewussten, blinden jungen Mann im Straßenbild zu sehen, ist man in Ägypten und Tunesien hingegen nicht so gewohnt. Die Menschen waren alle nett und freundlich zu mir, aber auch auf eine bemitleidende Art und Weise. Ständig versuchte man mich vor dem Alltag in Schutz zu nehmen: "Setz dich, lass deine Eltern einkaufen, hier hast Du ein Geschenk."

GEO: Auf deinen Reisen drehst Du Videos und machst Bilder. Wie kam es dazu?

Christian Ohrens: Der Gedanke, dass es doch cool wäre, als Blinder zu filmen, kam eigentlich schon während des Studiums. In Skandinavien habe ich es dann einfach gemacht. Der Sehende ist Perfektionist und er schneidet sich das Material im Zweifel so zurecht, dass es gut aussieht. Ich hingegen fange Sequenzen ein, die sich für mich interessant oder lebendig anhören, frage Leute vor Ort, was sie sehen und betexte das Video, während ich drehe. Dabei kommen natürlich auch skurrile Sachen raus, wie beispielsweise in Kopenhagen. Ich wollte ein Bild von der Fußgängerzone machen, die klang so lebhaft und habe zielsicher ein McDonalds-Schild fotografiert.

Das Video drehte Christian Ohrens nach dem Interview-Termin spontan in der Hamburger Hafencity, nachdem Redakteurin Julia Großmann ihn mit ein paar Eckdaten versorgt hatte, staunte sie nicht schlecht über die fließende Betextung während des Drehs.

GEO: Wie kann ich mir deine Reisen konkret vorstellen? Wie kommst Du beispielsweise vom Flughafen zum Hotel?

Christian Ohrens: In Prag und Budapest hatte ich einen Pick-up-Service, der mich dann zum Hotel gebracht hat. In Skandinavien bin ich große Teile mit dem Zug gereist und habe dann andere Passagiere oder das Bahnpersonal befragt. Bis ich dann in den Hotels angekommen bin, hatte ich bereits ein Abenteuer hinter mir. Das wäre vielen bereits zu viel gewesen, aber für mich gehört das eben dazu. Das Erste, was ich in einer Stadt mache, ist eine Stadtführung, je länger desto besser. So bekomme ich ein Gespür für die Gegend. Im Hotel erkundige ich mich nach laufenden Ausstellungen oder anderen Sehenswürdigkeiten. Die meisten sind erstmal überfordert damit, was ein Blinder interessant finden könnte. Ich sage dann immer: "Empfiehl mir, was Du jedem Tourist empfehlen würdest."

GEO: Dann stelle ich mir Wegbeschreibungen besonders kurios vor.

Christian Ohrens: Viele stresst meine Blindheit tatsächlich. Ich stelle immer wieder fest, wie viele Menschen eigentlich eine Rechts-links-Schwäche haben. In Wien ist es mir sogar mal passiert, dass mir eine Anwohnerin mit auf den Weg gab, dass die Wiener sehr ungern zugeben, wenn sie sich nicht auskennen. Sie würden einen lieber in die falsche Richtung schicken, anstatt ihre Unkenntnis preiszugeben. Das ist für alle bitter, nicht nur für Blinde.

GEO: Gibt es etwas, dass Du Dir von der Reiseindustrie im Umgang mit Blinden wünschen würdest?

Christian Ohrens: Ich bin jemand der nicht meckert, sondern suche lieber selbst nach einem Kompromiss. Die Definierung von barrierefrei finde ich oft sehr schwammig, denn für mich bedeutet es, dass ein Ort für alle Menschen jeden Alters, egal mit welchem Handicap zugänglich ist, das ist aber oft nicht der Fall. Aber statt dann zu meckern oder mich einzuschränken, frage ich mich eben durch.

Informationen zu Christian Ohrens

Ob Videos, Reiseberichte oder DJ-Sets, alle seine Projekte verwaltet Christian Ohrens auf seiner Webseite

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