Interview: Reisen in Krisengebiete

Der Australier Kevin Pollard, 38, bietet über sein Schweizer Reisebüro Babel Travel Touren in Krisengebiete an: Kleine Gruppen von Touristen führt er nach Afghanistan, Iran oder Somalia

Herr Pollard, wo haben Sie im vergangenen Jahr im Urlaub so richtig entspannt?

In Afghanistan. Da habe ich im Mai eine kleine Reisegruppe geleitet, ein unglaublich bereicherndes Land.

Das Auswärtige Amt warnt ausdrücklich vor Reisen nach Afghanistan, wegen der Gefahr, bei einem Anschlag getötet oder entführt zu werden. Klingt nicht gerade nach Erholung.

Ich habe es nie erholsam gefunden, an irgendeinem Strand zu sitzen und nichts zu tun. Und die Leute, die mit uns reisen, mögen das auch nicht. Sie interessieren sich für Geschichte, Politik und andere Kulturen. Länder wie Afghanistan, Iran und Irak haben in dieser Hinsicht viel zu bieten. Deshalb fahren wir hin.

Interview: Reisen in Krisengebiete

Der Reiseveranstalter Kevin Pollard in Afghanistan

Und ja wohl wegen des Abenteuers.

Am 1. Mai haben wir in Afghanistan am US-Luftwaffen-Stützpunkt Bagram übernachtet, ein Kampfjet nach dem anderen hob ab, wir wussten aber nicht, was los ist. Erst am nächsten Morgen haben wir unsere Handys zurückbekommen, da rief mich meine Freundin aus der Schweiz an und sagte: "Sie haben Osama bin Laden getötet." In diesem Moment in Afghanistan zu sein, war natürlich ein besonderes Erlebnis.

Außerdem haben Sie im Angebot: Ein Gespräch mit inhaftierten Piraten in Somalia. Was erzählen die den Touristen?

Das sind ganz verzweifelte Männer. Die meisten waren früher Fischer, aber der viele Müll, den die Frachter vor der Küste abladen, hat ihre Lebensgrundlage zerstört. Deshalb entführen sie Schiffe. Sie sind nicht zum Spaß gewalttätig, das versteht, wer mit ihnen spricht.

Was sind das für Touristen, die bei Ihnen eine Reise buchen?

Unsere Touren sind teuer, die meisten haben also schon eine gewisse Karriere gemacht. Sie sind Ärzte, Lehrer oder Journalisten. Und sie wollen in Länder reisen, die nicht völlig von Touristen überschwemmt sind. Sie wollen die ersten sein.

Muss man einen Fitness-Test bestehen, um bei Ihnen mitzufahren? Oder ein Sicherheitstraining absolvieren?

Natürlich nicht. Jeden Interessenten nehmen wir aber nicht mit. Ein ehemaliger Soldat schrieb mir mal, er sei bereit, 1000 Dollar zu bezahlen für jeden Taliban, den er in Afghanistan erschießen darf. So jemanden sortieren wir natürlich aus.

Eine Reise nach Somalia kostet bei Ihnen 6500 Euro, eine 45-tägige Rundreise durch Irak, Iran und Afghanistan über 25 000 Euro. Die Kosten für den Flug fallen zusätzlich an. In diesen Ländern sind die Lebenshaltungskosten extrem niedrig. Warum sind die Reisen so teuer?

Es kostet sehr viel Geld, für Sicherheit zu sorgen. In Afghanistan beispielsweise haben wir einen Fahrer mit gepanzertem Wagen, einen Sicherheitsmann und einen einheimischen Reiseführer. Alle drei tragen immer Waffen bei sich, sie sind für den Personenschutz ausgebildet. Zusätzlich schließen wir eine teure Versicherung ab, die Unfälle aller Art abdeckt. Wir organisieren auch Reisen nach Nordkorea. Dort sind Touristen nicht in Gefahr, müssen pro Person aber 350 Dollar am Tag ausgeben. So will es das Regime.

Sie werben damit, dass ihre Gruppen mit Einheimischen in Kontakt kommen, mit ihnen essen oder auch bei ihnen übernachten. Wie soll das funktionieren, wenn immer bewaffnete Wachleute neben der Gruppe stehen?

Wenn wir zum Beispiel im Irak in ein Dorf kommen, tragen sie ihre Waffen nicht offen. Dann hat unser Reiseführer eine Pistole in der Tasche, der Wachmann bleibt 20 Meter zurück und sichert uns. Wir sind ja keine Soldaten, wir sind Touristen. In Nordkorea ist es viel schwerer, mit Einheimischen zu sprechen, Reisende bewegen sich fast immer in einer Blase. Wenn wir mal ausnahmsweise fotografieren dürfen, ist die Situation inszeniert, die Leute müssen uns vorspielen, außergewöhnlich glückliche Nordkoreaner zu sein.

Ist es nicht höhnisch, wenn reiche Touristen im Urlaub in Krisengebiete fahren, um mal ein bisschen Elend zu sehen?

Überhaupt nicht. Und dafür bieten wir die Reisen auch nicht an. Touristen fahren nach Kenia, nach Indien, da sieht man Leute vor seinen Augen verhungern, in Iran und Irak nicht. Wir fahren auch nicht in Kriegsgebiete, sondern in die Teile des Landes, die einigermaßen stabil sind. Und Babel Travel spendet fünf Prozent des Reisepreises an Projekte in der Region. Wir unterstützen damit Schulen, Fraueneinrichtungen, oder auch mal den Straßenbau zwischen zwei Dörfern.

Wann führen Sie Ihre Gruppen in den Jemen oder nach Syrien?

In nächster Zeit bestimmt nicht, ich bin ja nicht lebensmüde. Ich würde zurzeit auch nicht in den Nordwesten Pakistans oder in den Süden Somalias fahren. Aber ich werde bald Reiserouten für Sierra Leone und Libyen ausarbeiten.

Ist eine Ihrer Gruppen mal in Gefahr geraten?

Unser Fahrer in Afghanistan hat am Steuer telefoniert und ist an der Kreuzung falsch abgebogen. Wir sind einige Kilometer auf ein Dorf zugefahren, das fest in der Hand der Taliban ist, bevor er den Fehler bemerkt und umgedreht hat. Das hätte böse ausgehen können. Gefahr entsteht meistens aus Dummheit.

Interview: Sophie Crocoll

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