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Mikroabenteuer zum Wochenende Lebe von der Hand in den Mund

In der Natur ist zu jeder Jahreszeit Erntezeit, auch in Deutschland. Werde zum Sammler und lebe von der Hand in den Mund. Ein Mikroabenteuer-Tipp von Dr. Markus Strauß
Sammeln

Lust auf Brennnesselgemüse mit Eichelbrot? Festes Schuhwerk und eine derbe Hose anziehen und auf in den Wald und auf die Streuobstwiese!

„In der Natur ist zu jeder Jahreszeit Erntezeit, auch in Deutschland. Dabei darf man natürlich nicht mit der Supermarkt­mentalität des modernen Menschen auf Erntetour gehen. Aber wir ­haben jahrtausendelang gut von der Wildnis gelebt, dieses Steinzeiterbe lässt sich jederzeit wieder wecken. Schöner Nebeneffekt: Wer sich von dem ernährt, was draußen wächst, ist zwangsläufig viel an der frischen Luft unterwegs.  

Wenn ich beispielsweise Lust auf Brennnesselgemüse mit Eichelbrot, ­Hagebuttenketchup oder einen deftigen Haselnussaufstrich habe, ziehe ich festes Schuhwerk und eine derbe Hose an und mache mich auf in den Wald und auf die Streuobstwiese. Grundsätzlich pflücke ich nur, was ich wirklich sicher kenne. Ich muss zum Beispiel wissen, was ein Wildgemüse wie den Giersch von ­einer Giftpflanze wie dem Gefleckten Schierling unterscheidet.

Über den (Mikro-)Abenteurer

Dr. Markus Strauß betritt Supermärkte nur im Notfall, schließlich betreibt der Biologe einen Selbstversorgerhof (aichbaindthof.de) und Parks mit essbaren Wildpflanzen (ewilpa.net)

Die Brennnessel aber kennt jeder. Ich pflücke nur ihre obersten zehn Zenti­meter, der Rest der Pflanze ist zu bitter. Die zarten Blätter lassen sich zu einem Salat verrühren oder wie Spinat kochen. Dazu schmeckt ein Fladenbrot aus Eichel­mehl. Wichtig dabei: Eicheln müssen vor ihrer Verarbeitung entgerbt ­werden. Dafür lege ich die geschälten Früchte vier Tage lang in Wasser, bis sie in einer dunkelbraunen Brühe schwimmen. Zweimal am Tag tausche ich das Wasser aus. Danach drehe ich sie durch den Fleischwolf zu einer Art Mehl. Mit Wasser, Salz und Kräutern wie Knoblauchrauke oder Bärlauchsamen verrührt, fingerdick ausgestrichen und auf einen heißen Stein oder in die Pfanne gelegt wird ein leckeres, kohlenhydratreiches Fladenbrot daraus. Hagebutten wiederum sind wahre Vitamin-C-Bomben. Ich trockne sie auf einem sauberen Laken, mahle sie und streue mir das Pulver zusammen mit getrockneten Brennnesselsamen löffelweise übers Müsli.

Wilden Fusel ansetzen

Je zwei Zweige Beifuß, Gundermann, Giersch, wilden Majoran, Thymian, Löwenzahnblüten, eine Handvoll Weißdornfrüchte und 80g weißen Kandis in eine Flasche stecken, randvoll mit Korn auffüllen und zwei Monate gut verschlossen bei Raum­tempe­ratur ziehen lassen. Hicks!

Zwei weitere Favoriten aus meiner Naturküche: Giersch verrühre ich mit Öl und Sonnenblumenkernen zu einem Pesto. Bucheckern schäle und röste ich zwei Minuten lang, um ihre giftigen ­Alkaloide verdampfen zu lassen. Sie schmecken dann wunderbar nussig, enthalten genauso viele Kalorien wie Schokolade und sehr viel Eiweiß, das wir für den Muskelaufbau benötigen.  

Die allermeisten Pflanzen kann man nur zu bestimmten Zeiten im Jahr ernten, manche Bäume tragen sogar nur alle paar Jahre genug Früchte, um ordentlich ­sammeln zu können. Auch im Stadtpark wachsen fast das ganze Jahr über Wildgemüse und wilde Kräuter, Beeren, Nüsse und essbare Blätter. Die reichste Ernte fährt man in Laub- und Mischwäldern ein: Löwenzahn, Bärlauch und ­Birkenblätter im Frühling, Mirabellen, Giersch und Wilde Möhre im Sommer sowie Bucheckern, Haselnüsse und Eicheln im Herbst. Selbst im Winter hat die Natur noch Löwenzahnwurzeln, ­Vogelmiere und Brombeerblätter zu bieten. Wenn man weiß, wo und wie man ­sammeln muss, ist es gar nicht schwer – und dafür gesund, nahrhaft und lecker. “

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