Einfach los Unterwegs ans Schwarze Meer - so schön kann ein spontaner Roadtrip sein

Transsilvanien, die Karpaten – klingt alles so geheimnisvoll! Und dann weiter bis ans Schwarze Meer. In Hamburg packen Fotograf Christian Bendel und seine drei besten Freunde ihre Zelte ins Auto. Und fahren einfach los
Auf eine Runde ans Schwarze Meer:

Die Erlösung nach stundenlanger Autofahrt bei 34 Grad im Schatten: eine Badestelle an der Donau in Ungarn

Das Krachen, wenn die Blitze direkt über dir runtergehen. Auf dem Zelt das Prasseln, die ganze Nacht. Freiheit, das ist ein klammer Schlafsack am nächsten Morgen, das ist schwarzer Kaffee und Nebel über dem See. Und die Frage: Wohin fahren wir jetzt?

Christians Leben hätte auch so weiter­ gehen können wie bisher, als Modefotograf, mit allen Klischees, die dazugehören: im­mer unterwegs, Miami, Rom, Mailand, Kap­stadt. Es geht aber nicht so weiter. Es zer­fällt in seine Einzelteile, als Christian ein schweres Jahr erlebt. Eines, nachdem es ihm nicht mehr wie ein Risiko erscheint, das Alte hinter sich zu lassen, sondern wie ein Auftrag: Draußen, da ist das Unbekann­te. Und in Christian ist der Drang, sich auf den Weg zu machen.

Dorthin, wo es kaum Pauschaltouristen gibt. Transsilvanien. Das ist erst nur ein Name, dunkel und geheimnisvoll. Dann wird dar­aus ein Traum: über das Apuseni­-Gebirge im Westen Rumäniens, über die Südkarpaten bis nach Siebenbürgen, so wird Draculas Heimat auch genannt, aber Transsilvanien, das klingt doch viel besser. Und vielleicht würde er sogar das Schwarze Meer errei­chen? Christian besorgt das Auto, versam­melt Bea, Christoph und Marcel, Ende 20 bis Mitte 30, Freunde aus WG­-Zeiten, aus jenen Tagen, in denen man solche Touren längst hätte machen können. Nun sind da auf ein­mal solche Dinge wie feste Jobs und Dead­lines. Aber es ist August, und der Augenblick für das Abenteuer ist jetzt.

Unbedingt einpacken!

  • Eine Powerbank, die das Handy aufladen kann
  • Eine verschließbare Alu-Kiste sichert die Vorräte nachts vor Bären
  • Gutes Essen ist der halbe Teamgeist. Daher: Zweiflammigen Kocher und gutes Kochgeschirr einpacken

Von Hamburg, Tschechien und Ungarn bis nach Rumänien

Zwei Wochen lang werden sie unterwegs sein. Es ist heiß, das Auto eng, aber das Nöti­ge passt rein: Zelte, Gaskocher, Kaffee, Kon­serven für alle Fälle. Aufbruch in Hamburg­ Altona. Deutschland lassen sie hinter sich, verbringen eine Nacht in Tschechien, eine in Ungarn. Rumänien, das Land der Bären und Wölfe, erreichen sie an Tag drei. Aus Straßen werden Buckelpisten, die Schlaglöcher wer­den immer tiefer. Es ist schön, wenn das Navi eine Verbindung hat. Besser, du hast eine Karte dabei, merkt Christian bald, auf der du deine Position mit dem Finger finden kannst. Am Abend siehst du: schon wieder über vier Seiten gefahren. Und dann finden sie einen wilden Cam­pingplatz am Tarnita­-Stausee, in dem sich die Bäume von den Berghängen spiegeln. Die Luft ist schwer, sie riecht nach Erde und Wald. Kaum ist abends das Lagerfeuer erloschen, brechen die Kräfte eines Wahn­sinnsgewitters über sie herein. Es ist die Wildnis, die sagt: Das hier ist mein Revier.

Über die meisten Etappen entscheidet die Crew spontan. Christoph und Bea wech­seln sich mit dem Fahren ab, Marcel hat keinen Führerschein, Christian fotografiert. Wer fährt, bestimmt die Musik: Nick Water­house, Drangsal, The Growlers. Wenn das rumänische Radio läuft, singt irgendwann Michael Jackson, darauf ist Verlass. Immer wieder kommen ihnen Familien auf Pferde­karren entgegen, Männer, Frauen, Kinder, die von den Feldern zurückkehren, die Gesichter staubig, die Blicke müde vom langen Tag draußen. An winzigen Ständen am Stra­ßenrand verkaufen Händler Steinpilze, Zwie­beln und runde, geräucherte Käselaibe.

Auf eine Runde ans Schwarze Meer

Am Strand am Schwarzen Meer bei Constanța erhellt ein Lagerfeuer die Nacht

Rumänien und die Südkarpaten

Immer höher steigt das Land an, die Abstän­de zwischen den Dörfern werden größer. Rumänien ist zur Hälfte durchquert, da er­reichen sie das Făgăraș-Gebirge in den Südkarpaten, auf einer Straße, die sich so bizarr durch das Gebirge schlängelt, als würde sie sich weigern, irgendwo anzukommen. Mit jeder Serpentine wird die Luft dünner, kälter. In 2500 Meter Höhe: keine Bäume mehr, nur Felsen und Gras. Wolken huschen vorbei, alle paar Sekunden wechselt das Licht.

Sie treffen auf Schäfer, raubeinige Ty­pen, die nachts in einfachen Holzverschlä­gen schlafen. Riesige Hütehunde haben sie dabei, misstrauische Wächter, die keinen Spaß verstehen. Aber dann sitzen Christian und die anderen abends am Lagerfeuer, und plötzlich kommt eines der zotteligen Tiere herüber und lässt sich streicheln. Irgend­wann ist Schweigen. Nach und nach verkrie­chen sich die vier in ihre Zelte. Immer ist es Marcel, der abends als Letzter noch am Feu­er sitzt, bis die Glut erloschen ist.

Sie machen einen Bogen um die Zivili­sation, um die großen Städte. Prag haben sie links liegen lassen. Christian denkt: Dafür bräuchtest du mehr Zeit. Was er noch nicht weiß: Eigentlich haben sie sich die Städte schon fast abgewöhnt. Sie merken es, als sie dann doch kurz in Bukarest halten, einkau­fen, eine Pizza essen, online gehen. Der Lärm der Stadt dröhnt in ihren Ohren. Die Farben sind zu grell, jede Kreuzung erfordert mehr Entscheidungen als ein ganzer Tag in der Wildnis. Haben dich die Tage und Nächte im Freien so schnell verändert? Oder bist du ein­fach mehr du selbst geworden?

 

Auf eine Runde ans Schwarze Meer

Geröll und Gras: Bea und Christoph im Făgăraș-Gebirge

Die unendliche Weite des Schwarzen Meeres

Sie entdecken Schluchten und Wasserfälle, dunkle Flecken auf der Landkarte, über de­nen in der Nacht der Sternenhimmel glitzert, wie sie ihn noch nie gesehen haben. Wo das langgezogene Heulen der Wölfe zu hören ist, wo Eulen rufen und Braunbären sich über Vorräte hermachen, wenn sie nicht ver­nünftig verstaut sind. Die Crew hält am Vidraru-See hinter den Făgăraș-Bergen, am Waldrand wollen sie übernachten. Christian hat ein seltsames Gefühl, er leuchtet mit der Taschenlampe ins Dunkel zwischen den Bäumen. Zurück leuchten fünf, sechs Augenpaare. Auf Knie­höhe. Füchse also, keine Bären. Aber die Bot­schaft ist klar: Im Wald bist du nie allein.

Das Land wird flacher, die Straßen wer­den breiter, der Wald zieht sich zurück. Auf dem Weg zur Hafenstadt Constanta, mit Jachthafen und Kasino und allem drum und dran, weisen Schilder den Weg nach Istanbul und Athen. Sie könnten immer weiter fah­ren. Freiheit, das ist in diesen Tagen die Fra­ge: Wo schlägst du heute dein Zelt auf?

Das Licht ruft den Fotografen, Christian wacht immer als Erster auf. Manchmal braucht er einen Moment. Wo bist du gera­de? Ach ja: unterwegs. Sie sind längst einge­spielt. Aufstehen, fahren, den nächsten Spot suchen. Nördlich von Constanta finden sie eine Straße, die vor einem Schlagbaum en­det. Links eine Düne, rechts eine Düne. Da­hinter öffnet sich unendlich weit: das Meer. Nicht nachdenken, kopfüber ins Wasser. Lagerfeuer, Bier – an diesem Abend fühlt sich alles anders an als sonst. Sie haben ihr Ziel erreicht, das Schwarze Meer, die Hälfte der Strecke, über 2500 Kilometer, liegt hinter ihnen. Morgen beginnt der Rückweg. Der Soundtrack der Nacht: das Rauschen der Wellen, in der Dunkelheit so nah, als würde die Brandung nach ihnen greifen.

Auf eine Runde ans Schwarze Meer

Tierischer Gegenverkehr: Im Süden Rumäniens kehrt ein Bauernpaar vom Feld heim

Draculas Heimat: Transsilvanien

Der erste Stopp auf dem langen Weg zu­rück: Schloss Bran. Natürlich, sie sind in Transsilvanien, sie wollen das Dracula­ Schloss sehen mit seinem imposanten Ge­mäuer und rotgedeckten Türmen. Drinnen schiebt sich die Crew in einer Menschen­menge durch die mittelalterlichen Gänge. Christian wundert sich über sich selbst: Du wolltest weg von den Touristen, jetzt bist du mittendrin. Und wer braucht ein Vampir­schloss, wenn er gleich wieder durch schat­tenschwarze Felsschluchten fährt, durch Kiefernwälder, in denen der Nebel steht wie eine Wand aus Rauch ...

Kurz bevor sie Rumänien verlassen, be­gegnet den Freunden der Tod. Er ist nicht beängstigend, sondern tröstlich. Holzkreu­ze, fein gearbeitet, leuchtend blau gestri­chen, das ist Cimitirul Vesel, der »Fröhliche Friedhof« im Dorf Săpânța. Ein gut gelaunter Mann schnitzt in seiner Werkstatt am Rand des Friedhofs die Gesichter der Verstorbe­nen ins Holz, dazu Verse, mit denen er ihre Eigenheiten auf die Schippe nimmt. Als wür­de er den Menschen in der Stammkneipe kräftig auf die Schulter klopfen: Na, mein Guter, wieder ein bisschen zu viel getrunken, gezankt, fremdgegangen? Christian könnte ihm ewig beim Schnitzen zuschauen. Aber da kommt ein Nachbar in die Werkstatt gepoltert, in Bauarbeitermontur, lädt den Mann auf ein Bier ein – weg sind die beiden.

Den Freunden bleibt nur, sich auf den Heimweg zu machen. Vor ihnen liegen Un­garn, die Slowakei, Polen – und ihr Zuhause. Wird dein Leben wieder das alte sein? Vielleicht, denkt Christian, hat deine Reise gerade erst begonnen.

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