REISETIPPS Schon bald Weltkulturerbe?

Wenn Städte, Klöster und Schlösser von der UNESCO geadelt werden, strömen die Massen an diese Orte. 1603 Bewerber und Kandidaten stehen derzeit auf der Anwärterliste zum Weltkulturerbe. Wir haben genauer hinguckt und für Sie eine paar Kulturreiseziele gefunden – unter anderem das Schweriner Schloss

San Gimignano war einmal ein wunderschönes Städtchen. "Manhattan der Toskana" genannt wegen seiner Geschlechtertürme aus dem Mittelalter – eine Attraktion in den Hügeln nördlich von Siena. Es gab in San Gimignano mal eine Zeit, da konnte man praktisch allein die Aussicht vom Torre Grossa über die Hügel genießen. Danach spendierte der Eismann an der Piazza dem Töchterchen eine Extra-Kugel – sie war ja so blond. Und die Handwerker, die Möbel restaurierten oder Ledertaschen herstellten, freuten sich, wenn man vor ihren offenen Werkstätten stehenblieb und sich für ihre Arbeit interessierte.

San Gimignano ist immer noch ein wunderschönes Städtchen, nur kann man es nicht mehr besuchen. Jedenfalls nicht individuell, mit Muße, es ist einfach zu voll: Mehr als drei Millionen Besucher kommen pro Jahr. Aus den Werkstätten sind Souvenir-Shops geworden. 1990 wurde die Kleinstadt Weltkulturerbe. Das hatte Folgen. Schon 2006 beschrieb eine Reporterin der New York Times drastisch, was einen dort nun erwartete: An Wochenenden könne man auf den zwei schmalen Hauptstraßen eine Bohne in die Luft werfen, und sie würde nicht mehr aufs Pflaster fallen. Bis zu 160 Busse kämen pro Tag. "Das ist eine mittelalterliche Stadt, nicht Disneyland", klagte ein entsetzter Bürgermeister.

Das Phänomen ist bekannt: Wo "Welterbe" draufsteht, dahin strömen die Massen. 1007 Stätten – Burgen, Kirchen, Städte, Klöster, Tempel – sind derzeit von der Unesco mit dem Prädikat ausgezeichnet. Die berühmtesten ächzen nur noch unter ihrem Erfolg. Angkor Wat in Kambodscha (2 Millionen im Jahr), Machu Picchu in Peru (1,2 Millionen pro Jahr), Venedig (mehr als 20 Millionen).

Im winzigen Hallstatt in Österreich klagen Einheimische: "Gäste steigen in Gärten ein und pflücken Marillen. Es gibt keine Privatsphäre mehr." Was kann man tun?

Einen "sanften Tourismus für Welterbestätten" propagierte die deutsche Unesco-Kommission. Sogar das Wort vom "denkmalgerechten Tourismus" ist geprägt worden. Nur: Wer setzt das durch, solange in den jeweiligen Orten die Kassen klingeln? So kräftig, dass viele Stätten ohne Touristen schon gar nicht mehr existieren könnten.

Schon bald Weltkulturerbe?

Das Schweriner Schloss thront auf einer Insel und ist auf der UNESCO Anwärterliste zum Welterbe zu finden, denn es ist ein herausragendes Zeugnis des "Romantischen Historismus" des 19. Jahrhunderts. Grund genug es jetzt schon zu besuchen, bevor es der Rest der Welt entdeckt

Und wir, die wir die Welterbestätten erleben wollen, was können wir tun? Die Unesco führt eine lange Bewerberliste für das Welterbe-Prädikat, die Attraktionen von morgen für kluge Reisende von heute – im Zweifel nicht weniger interessant, aber eher unbekannt.

Auf whc.unesco.org/en/tentativelists findet sich eine Liste von derzeit 1603 Bewerbern und Kandidaten, ein Kulturreiseführer, den man in aller Ruhe nach neuen Zielen durchsuchen kann. In Deutschland schlägt die Kultusministerkonferenz außerdem vor: das "Residenzensemble Schwerin". Das Schloss am See, heute Sitz des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern, gilt als herausragendes Zeugnis des "Romantischen Historismus" des 19. Jahrhunderts. So baute man damals die Träume von den guten alten Zeiten.

Die Wasserkunst von Augsburg, je gehört? Offenbar beherbergt die Fugger-Stadt einen bewundernswerten Schatz von Kanälen, Brunnen, Wasserschlösschen, der seit römischer Zeit gewachsen ist. Oder die Mathildenhöhe in Darmstadt: eine Künstlerkolonie, in der in ein, zwei Jahr- zehnten kurz, heftig, fiebrig der Jugendstil aufblühte.

International ein ähnliches Bild: Der Bregenzerwald in Österreich ist das schönste Beispiel, wie eine gewachsene Kultur von Bauern und Handwerkern über viele Generationen eine Berglandschaft nicht nur formt, sondern eigentlich erst erschafft. Wenn man in Spanien, in Sevilla oder Toledo den Schirmchen-Gruppen entkommen will: einfach mal abbiegen in Richtung Extremadura. Das Land, aus dem die Conquistadores kommen, das ewig im Schatten Andalusiens dahindämmert.

Wer hier das kleine, entspannte Trujillo durchstreift, spaziert mit jedem Schritt durch die Jahrhunderte, in denen Europas Eroberer sich aufmachten, eine neue Welt zu entdecken und zu vereinnahmen. Wahrscheinlich haben all diese Bewerber den Welterbe-Titel verdient. Aber fahren Sie lieber hin, solange sie ihn noch nicht haben. Solange keine museale Käseglocke darübergestülpt ist und sie in jedem Kreuzfahrt-Katalog als Kurzabstecher vorkommen. Fahren Sie ins richtige Leben.

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