Kolumne: Zippert reist

Warum es gerade Hotelgäste mögen, sich bei intimen Aktivitäten beobachten zu lassen, erklärt unser Kolumnist Hans Zippert

Die meisten Menschen lehnen es ab, bei intimen Aktivitäten beobachtet zu werden. Aber kaum jemand scheut sich, seinen Körper im hoteleigenen, komplett verglasten Fitnessraum zur Schau zu stellen. Zwar nicht unverhüllt, dafür aber in Kleidung, die aus weltraumgetesteten Fasern besteht, auf denen man bestimmt auch ein Spiegelei braten könnte, ohne dass es ansetzt.

Dieses atmungsaktive Teflon transportiert den Schweiß nach draußen, dorthin, wo oft noch zehn andere Schweißtransporteure auf Laufbändern unterwegs sind, ohne jemals irgendwo anzukommen. Die Fitnessraumfahrer atmen also ein stark schweißangereichertes Luftgemisch ein, das zu viel Salz enthält und garantiert schlecht für den Blutdruck ist. Und die Kleidung wird fast nur in Farben hergestellt, die eine Beleidigungsklage provozieren.

Eine weitere Belästigung stellt das Hosenrascheln dar, das entsteht, wenn der Stoff bewegt wird, was sich in Fitnessräumen nicht vermeiden lässt. Viele Gäste rascheln in dieser Kleidung sogar durch Hotelflure und lassen dabei vergnügt ihre Adilette gegen die Fußsohle knallen. Wie schon gesagt, die meisten Menschen wären keinesfalls bereit, sich für Geld auf dem Rummelplatz als Dame ohne Unterleib oder als Mann mit zwei Köpfen zu präsentieren.

Im Fitnessraum gibt es noch nicht mal Geld, und trotzdem zeigen sie sich in der Beinpresse, stellen auf der Vibrationsplatte eine Schüttelfrostattacke nach, paddeln in Rudergeräten durch unsichtbare Schweißbäche, legen sich in fragwürdiger Stellung auf Hantelbänke und überprüfen dabei unablässig Herzschlag, Blutdruck, Harndrang, Kontostand und den Cholesterinspiegel. Über Lautsprecher wird die schweißgetränkte Luft mit dem menschenverachtenden Programm von Sendern angereichert, deren Name meistens mit Antenne beginnt. Im Takt der Folterkammermusik murmeln dann manche Zahlen vor sich hin - wahrscheinlich um irgendeine Hirntätigkeit vorzutäuschen.

GEO SAISON Nr. 01/2009 - Traumziele
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