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Evolution: Der Herr der Insel


Neuseeländische Riesenadler gab es wirklich. Und sie haben erstaunlich kleine Verwandte, wie DNS-Tests beweisen

Mitunter übertrifft die Wirklichkeit selbst Science-Fiction. 800 Jahre vor den Dreharbeiten zu Tolkiens Triologie "Herr der Ringe" und noch bevor die ersten Menschen sich auf Neuseeland niederließen, war der gewaltige Haast-Adler Harpagornis moorei Herrscher der Doppelinsel. Mit 10 bis 15 Kilogramm Körpergewicht und einer Flügelspannweite von bis zu drei Metern war er einer der größten Greifvögel aller Zeiten.

Britischen, kanadischen, amerikanischen und neuseeländischen Forschern ist es nun gelungen, seine Entwicklungsgeschichte nachzuvollziehen - anhand von 2000 Jahre alter, aus fossilen Knochen gewonnener DNS. Demnach ist der Riesenvogel ausgerechnet mit sehr kleinen Adlern aus der Gattung Hieraaectus verwandt. Dazu gehören der Kaninchenadler Hieraaectus morphonoides und der Zwergadler Hieraaectus pennatus - nur etwa ein Kilogramm schwere Vögel mit 1,2o Meter Flügelspannweite. Ihre gemeinsame Linie teilte sich vor knapp einer Million Jahre, fanden Michael Bunce und Alan Cooper von der Oxford University heraus. Innerhalb dieses - evolutionär gesehen - kurzen Zeitraumes steigerte der einst kleine Vogel sein Gewicht um das Zehn- bis 15fache. Eine derart schnelle Veränderung ist bisher von keinem anderen Landwirbeltier bekannt.

Seit 1872, als der deutsche Forscher Julius von Haast das erste Adlerskelett fand, ranken sich Legenden um das Leben des Riesenvogels. Isolierte Inseln bieten oft pflanzen- oder fleischfressenden Migranten unbesetzte Nischen zur rasanten Entwicklung. Auch auf Hawaii, Mauritius und Galápagos finden sich Beispiele einer sehr raschen Evolution in der Vogelfauna. Aber auf Neuseeland flog Harpagornis moorei außerhalb jeder Konkurrenz: Dort gab es zu seiner Zeit - abgesehen von drei Fledermausarten - keine Landsäugetiere. Der Räuber aus der Luft konnte also ungestört Beute machen. Und die fand er in den rund 250 Vogelarten sowie in einem harmlosen Schwergewicht: dem Moa.

Dieser fluguntaugliche Laufvogel brachte es auf stattliche 200 Kilogramm Lebendgewicht und besetzte für einige Millionen Jahre die Nische der großen Pflanzenfresser auf Neuseeland. Obwohl bis zu 15- mal schwerer als der Haast-Adler, war der Moa für diesen eine leichte Beute.

Dabei erwies sich die "Übergröße" des Adlers als Vorteil, denn dessen Jagdtaktik beruhte auf brachialer Gewalt. Wie sich anhand fossiler Fußknochen rekonstruieren ließ, griff Harpagornis moorei den Moa von der Seite an, packte ihn mit einem Fuß im Hüftbereich und tötete ihn mit einem gezielten Schlag des anderen Fußes. War der Moa erlegt, konnte sich der Jäger in Ruhe zum Fressen niederlassen; kein Konkurrent machte ihm die Beute streitig.

Das änderte sich jedoch mit der Ankunft der ersten Menschen auf Neuseeland vor 700 Jahren, die dem Moa ebenfalls nachstellten. Die Konkurrenz um Nahrung und die Brandrodungen durch die Maori führten dazu, dass die Riesenadler innerhalb von nur 200 Jahren ausgerottet wurden.

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