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Interview: "Tiere können das Drehbuch nicht lesen"


In den deutschen Kinos läuft jetzt die Naturdokumentation "Im Reich der Raubkatzen" - ein Film über das Leben von Löwen und Geparden in der afrikanischen Savanne. Über die Herausforderungen am Set sprachen wir mit dem Produzenten, Alastair Fothergill

Der Kinofilm "Im Reich der Raubkatzen" zeigt das wilde Leben im Naturschutzgebiet Masai Mara in Kenia. Die Produzenten Alastair Fothergill und Keith Scholey ("Planet Earth") begleiteten dafür drei Jahre lang ein Rudel Löwen sowie eine junge Gepardenfamilie. Das Löwenmännchen Fang wird im Laufe des Films von einem Rivalen attackiert und Gepardenmutter Sita kämpft um das Überleben ihrer fünf Jungen - hautnah und dem realen Raubkatzenleben entsprechend dokumentiert.

Die Produzenten von "Im Reich der Raubkatzen", Alastair Fothergill (l.) und Keith Scholey
Die Produzenten von "Im Reich der Raubkatzen", Alastair Fothergill (l.) und Keith Scholey
© Disney Enterprises Inc/Cécile Burban

Herr Fothergill, wie sind Sie auf ihre tierischen Hauptdarsteller aufmerksam geworden?

Alastair Fothergill: Für unsere TV-Serie "Cat Diary" im britischen Fernsehen fahren wir jedes Jahr für mehrere Monate in die Masai Mara. So begleiten wir die Raubkatzen seit mittlerweile zehn Jahren. In dieser Zeit lernt man eine ganze Menge über die Tiere. Man merkt sich Gesichter, Verhaltenweisen und Charaktere. Bis wir uns für die Hauptdarsteller Fang und Sita entschieden haben, dauerte es allerdings noch einmal einen Monat.

Warum?

Wir wollten mit unserem Film eine Geschichte erzählen, aber unsere Stars, die Tiere, können das Drehbuch ja nicht lesen. Also brauchten wir viel Glück, um die richtigen Szenen einzufangen. Wir kannten Fang und wussten, dass ein anderer Löwe versuchen würde, sein Rudel zu übernehmen. Wir wünschten uns ein positives Ende des Films und mussten Raubkatzen finden, die das möglich machen. Im Falle der Geparden-Rolle entschieden wir schnell: Wir kannten Sitas Mutter und Großmutter schon und wussten, dass es liebevolle Mütter waren. Als uns dann Sita mit ihren fünf winzigen Jungen begegnete, war alles klar. Sie hat im Laufe der Produktion zwar zwei ihrer fünf Kinder verloren, der Film hat aber – wie geplant - ein Happy End.

Wie viel unbrauchbares Material entsteht bei so einer Vorgehensweise?

Puh, ich würde sagen, wir haben im Endeffekt eine von 200 Szenen für den Film nutzen können.

Haben Sie zu den Tieren eine persönliche Beziehung entwickelt?

Wir sind den Tieren sehr nahe gekommen. Vor allem Sita, der Gepardin, die eine so tolle Mutter darstellt und für ihre Jungen kämpft. In der Masai Mara muss man auch keine Angst haben. In der Gegend schauen sehr viele Touristen vorbei, sodass die Tiere daran gewöhnt sind, Menschen zu sehen. Ich sage immer, dass die gefährlichste Situation an unserem Job die Fahrt zum Flughafen ist. Das klingt vielleicht bescheuert, aber so fühlen wir alle. Wir sind einfach gut vorbereitet und wissen, was uns erwartet.

Dann wussten Sie auch vorher, dass Sita nicht all ihre fünf Jungen durchbringen würde?

Das ist ganz natürlich. Geparden sind sehr brutale Tiere. Trotzdem war der Morgen nach der Löwenattacke sehr bewegend für uns. Als wir Sita nach ihren Jungen suchend entdeckt haben, war klar, dass sie letzte Nacht zwei von ihnen verloren hatte.

Sie haben diese Szene also gar nicht gefilmt?

Wir haben in der Nacht nicht gefilmt. Dazu wären spezielle Nachtsichtkameras nötig gewesen. Die sind allerdings teuer und die Bildqualität ist schlecht. Es war eine bewusste Entscheidung. Denn auch wenn wir dabei gewesen wären - wir hätten den Tod der Jungen nicht gezeigt. Wer braucht denn diese Bilder? Es ist nur ehrlich, darzustellen, dass Löwen und Geparden Fleischfresser sind. Sorry, dass es keine Vegetarier sind, überrascht wohl keinen. Das Spektakulärste was diese Tiere tun, ist nun mal jagen. Aber das ist noch lange kein Grund, Blut und tote Tiere zu zeigen. Die Leute wissen, dass es geschieht. Und wenn man ihnen erklärt, warum sie diese anderen Tiere reißen, werden daraus gute Nachrichten.


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