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Forschung Nacktmulle quasseln in unterschiedlichen Dialekten

Nacktmull im Erdtunnel
Der Nacktmull, wissenschaftlich Heterocephalus glaber, lebt in unterirdischen Kolonien, die bis zu 300 Tiere zählen können
© Neil Bromhall - Shutterstock
Hallo, Moin oder Servus - Menschen begrüßen sich in verschiedenen Regionen ganz unterschiedlich. Mithilfe von solchen Dialekten drücken sie ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe aus. Nacktmulle machen das genauso, wie Forscher aus Deutschland und Südafrika nun herausfanden.

Sie zwitschern, quieken, schnattern oder grunzen - Nacktmulle sind ausgesprochen kommunikative Wesen. Jede Kolonie verfügt dabei über einen eigenen Dialekt, über den sie sich von anderen Kolonien abgrenzt und den Zusammenhalt der eigenen Gruppe stärkt. Das berichten Forscher vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin und der Universität von Pretoria in Südafrika im Fachmagazin «Science».

Das Team um MDC-Forscherin Alison Barker konzentrierte sich bei seiner Untersuchung auf einen Laut, den die Tiere zur Begrüßung von sich geben, ein leises Zwitschern. Insgesamt sind mindestens 17 unterschiedliche Laute von Nacktmullen bekannt. Die Wissenschaftler zeichneten in zwei Jahren mehr als 36.000 der leisen Zwitscherlaute von 166 Tieren auf. Die Nacktmulle entstammten Kolonien, die in Laboren in Berlin und Pretoria gehalten wurden.

Sie nutzten einen Algorithmus, um die akustischen Merkmale der einzelnen Laute zu analysieren. «Dadurch konnten wir acht verschiedene Faktoren wie zum Beispiel die Höhe oder die Asymmetrie der so erhaltenen Kurve erfassen und miteinander vergleichen», erklärt der ebenfalls am MDC tätige Gary Lewin in einer Mitteilung.

Jeder Nacktmull besitzt eine ganz individuelle Stimme

Die Forscher entwickelten schließlich ein Computerprogramm, das nach einer gewissen Trainingsphase die Laute einzelnen Tiere zuordnen konnte. «Wir wussten nun, dass jeder Nacktmull seine eigene Stimme hat», sagt Barker. Das Computerprogramm erkannte auch Unterschiede zwischen dem Gezwitscher verschiedener Kolonien, konnte einzelne Tiere also aufgrund ihrer Laute einer Kolonie zuordnen. Unklar war, ob auch die Tiere «ihren» Dialekt erkannten und von anderen unterscheiden konnten.

Um das herauszufinden, setzten die Wissenschaftler jeweils einen Nacktmull in ein Versuchsfeld, bestehend aus zwei Kammern, die über eine Röhre miteinander verbunden waren. In der einen Kammer wurden Zwitscherlaute abgespielt, in der anderen war es ruhig. «Wir konnten beobachten, dass die Tiere stets unverzüglich die Kammer mit den eingespielten Lauten aufsuchten», sagte Barker. Hörten sie die Laute ihrer eigenen Kolonie, antworteten sie auch. Ansonsten blieben sie meist still.

Die Königin bestimmt über den Dialekt einer Kolonie

Um herauszufinden, ob die Nager auf ihren Dialekt reagierten oder deshalb losquasselten, weil sie einfach ein ihnen bekannten Artgenossen hörten, führten die Wissenschaftler ein zweites Experiment durch: Sie spielten den Tieren künstlich erzeugte Laute vor, die zwar Charakteristika des betreffenden Dialekts aufwiesen, aber nicht dem Laut eines einzeln Tieres ähnelten. Die Nacktmulle reagierten auf die künstlichen Geräusche wie auf die natürlichen - sie erkannten also ihren Dialekt. Das funktionierte sogar, wenn die Wissenschaftler den Laut einer Kolonie mit dem Duft einer anderen kombinierten.

Jungtiere, die kurz nach der Geburt in eine andere Kolonie versetzt werden, lernen die Laute ihrer «Pflegekolonie», berichten die Wissenschaftler weiter. Schließlich entdeckten die Forscher noch, dass die Königin einer Kolonie - das einzige Weibchen das Nachwuchs bekommt - für den sprachlichen Zusammenhalt ihrer Gruppe zuständig ist. Starb eine Königin, entwickelten sich die Laute der Kolonie in der Folgezeit wild durcheinander, sie variierten viel stärker. Erst eine neue Königin brachte wieder akustische Ordnung in die Gruppe.

Wie die Sprache des Menschen oder die Gesänge der Wale ist das leise Zwitschern der Nacktmulle erlernt, schreibt Rochelle Buffenstein in einem Kommentar zu der Studie. Das erfordere die Fähigkeit, die wahrgenommenen Laute abzuspeichern, zu erinnern und anschließend wiederzugeben. «Das ist eine erstaunliche Leistung für ein Nagetier und steht in deutlichem Gegensatz zu den Lautäußerungen bei der Mehrheit von Säugetieren, die angeboren, unveränderlich und genetisch vererbt sind.»

Menschen und Nacktmulle hätten mehr gemein als man annehmen würde, sagt auch MDC-Forscher Lewin. «Nacktmulle verfügen über eine Sprachkultur, die sich entwickelt hat, lange bevor es den Menschen überhaupt gab.» Nun gelte es herauszufinden, welche Hirnmechanismen diese Leistung hervorbringen würden. Das erlaube Rückschlüsse auf die Entwicklung der menschlichen Kultur.

Der natürliche Lebensraum der Nacktmulle (Heterocephalus glaber) sind die Halbwüsten Ostafrikas. Dort leben die Tiere in Kolonien von 20 bis 300 Tieren in großen unterirdischen Bauten. Sie haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten, das in einigen Merkmalen dem von staatenbildenden Insekten wie Ameisen oder Bienen ähnelt. So gibt es in jeder Kolonie nur eine Königin; die anderen Tiere übernehmen je nach Lebensalter unterschiedliche Aufgaben, sie graben etwa neue Gänge oder bewachen die Eingänge der Kolonie. Angehörige anderer Kolonien werden aggressiv angegriffen und teils getötet.

Die Tiere verfügen über eine Reihe faszinierender Eigenschaften, die am MDC seit Jahren erforscht werden. 2017 berichtete ein Team um Lewin, dass Nacktmulle ganze 18 Minuten ohne Sauerstoff überleben können. Wird die Luft knapp, stellen sie ihren Stoffwechsel um, damit lebenswichtige Organe wie Herz und Gehirn weiterhin versorgt werden können. Die Nager sind zudem recht schmerzunempfindlich, Säure oder Hitzereize lösen bei ihnen keine oder deutlich schwächere Schmerzempfindungen aus.

Anja Garms, dpa


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