Nerzzucht "Covid-19 ist der Sargnagel für die Pelzindustrie"

In Dänemark sollen wegen Covid-19 Millionen Nerze getötet werden, die Branche ist schwer angeschlagen. Jetzt fordert Henriette Mackensen, Fachreferentin Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund, ein Handelsverbot
Nerzfarm

Pelztierzucht lohnt sich für die Züchter kaum noch, sagt Henriette Mackensen vom Deutschen Tierschutzbund

GEO.de: In Dänemark soll der gesamte Nerz-Bestand, bis zu 17 Millionen Tiere, getötet werden. Was bedeutet das für die Branche?

Henriette Mackensen: Dänemark ist weltweit der größte Produzent von Nerzpelzen. Es sieht derzeit danach aus, dass das Gesetz zur Tötung der Tiere kommt, und mit dem Keulen wurde ja auch schon begonnen. Nach dem Gesetzentwurf müssen auch alle Zuchttiere getötet werden, und Farmen dürfen auch im kommenden Jahr nicht wieder aufstocken. Damit würde die gesamte Branche in Dänemark ausgelöscht.

Und das in einer Zeit, die für die Pelzindustrie ohnehin schwierig ist ...

Die Preise sind weltweit eingebrochen. Der Umsatz des weltweit größten Auktionshauses für Rohfelle in Dänemark ist auf dem niedrigsten Stand seit 2010. Allein in diesem Jahr sind die Preise für Nerzfelle um 20 Prozent gefallen – und liegen damit deutlich unter den Produktionskosten. In Polen gibt es derzeit noch 480 aktive Betriebe. Das sind fast ein Drittel weniger als noch im Jahr 2016. In Lettland ist die größte Farm im Herbst Bankrott gegangen, die Pelzindustrie war dort schon 2017 und 2018 unrentabel. In diesem Jahr ist Covid-19 der Sargnagel für die Pelzindustrie.

Erledigt sich damit das Tierschutz-Problem gerade von selbst?

Nein. Was wir jetzt brauchen, ist ein europäisches Pelzfarmverbot. Es gibt ja schon viele europäische Länder, in denen ein solches Verbot entweder schon gilt, oder wo es aus anderen Gründen keine Pelzfarmen gibt. Zusätzlich erhoffen wir uns ein Importverbot, also de facto ein Handelsverbot. Kalifornien hat ein solches Handelsverbot schon beschlossen. Großbritannien hat zumindest für die Zeit nach dem Brexit ein Verbot angekündigt. Und vor wenigen Wochen hat auch das niederländische Parlament für ein Importverbot gestimmt. Das könnte zwar an EU-Recht scheitern. Aber das Signal ist trotzdem wichtig.

Welche Rolle spielt das öffentliche Bewusstsein?

Das lässt sich nicht beziffern, aber eine Wirkung gibt es. Im Rahmen der internationalen Fur Free Alliance konnten wir große Handelsketten und Designer überzeugen, pelzfrei zu werden, darunter Gucci, Prada, Chanel, Versace ... Die Pelzindustrie selbst führt in ihren Veröffentlichungen den Trend zu pelzfreier Mode auch auf die Tierschutzbewegung zurück.

Was bedeutet das für den weltweit größten Pelzproduzenten China?

China ist nach offizieller Lesart Corona-frei. Die werden ihre Produktion nicht einstellen und den verbleibenden Markt weiter bedienen. Aber auch China hat mit den niedrigen Weltmarktpreisen zu kämpfen.

Gegner eines EU-Handelsverbots könnten mit Blick auf China einwenden, dass es für die Tiere besser ist, unter EU-Recht gehalten und getötet zu werden ...

Wenn man sich die Aufnahmen aus dänischen, schwedischen oder polnischen Pelzfarmen ansieht, stellt man fest: Die Käfige sind überall winzig. Der Unterschied ist, dass bei einigen vielleicht noch eine Plattform eingezogen ist. Die Grundbedingungen in der Zucht – die winzigen Käfige, der Futterbrei, der oben auf den Käfig geklatscht wird, die vielen kranken und verletzten Tiere – die sind weltweit gleich.