Biophysik Was Sonnenstürme mit gestrandeten Walen zu tun haben

Grauwale verirren sich auf ihren Tausende Kilometer langen Wanderungen fast nie. Wenn sie es doch tun - könnte die Sonne schuld sein
Gestrandeter Blauwal (Eschrichtius robustus) in der Nähe von Portage, Alaska

Ein Grauwal ist in der Nähe von Achorage (Alaska) in einem Fjord gestrandet

Manche Tiere haben ein geradezu unglaubliches Orientierungsvermögen. Von Zugvögeln etwa ist bekannt, dass sie auch das Magnetfeld der Erde nutzen, um jedes Jahr von ihren Winterquartieren in Afrika zu ihrem Nest in Mitteleuropa zu finden. Auch Meeresschildkröten und Langusten nutzen ihr Gespür für Magnetfelder bei der Orientierung.

Von Grauwalen wusste man bislang nur, dass sie bis zu 16.000 Kilometer zwischen der mexikanischen Küste und Alaska pendeln, wo sie ihre Kälber zur Welt bringen. Bei ihren Wanderungen entlang der Küste können schon kleinste Fehler beim Navigieren tödlich enden. Ob sich die bis zu 40 Tonnen schweren Meeresriesen dabei neben ihrem Sehsinn auch am Magnetfeld der Erde orientieren, war bislang unklar. Jetzt fanden Wissenschaftler genau dafür einen traurigen Beleg.

Ein Forscherteam um die Biophysikerin Jesse Granger von der Duke University in North Carolina sah sich Aufzeichnungen über Walstrandungen aus den vergangenen 31 Jahren an. 186 davon waren nicht auf Verletzungen, Krankheiten oder Unterernährung zurückzuführen. Diese Tiere mussten auf ihren Wanderungen also aus einem anderen Grund die Orientierung verloren haben und in gefährlich flache Küstengewässer geraten sein.

Sonnenaktivität erhöht die Wahrscheinlichkeit für Strandungen

Ein Verdacht brachte die Wissenschaftler auf die Idee, die Zeitpunkte der Strandungen mit der Sonnenaktivität abzugleichen. Tatsächlich zeigte sich: An Tagen mit einer großen Anzahl an Sonnenflecken war die Wahrscheinlichkeit zu stranden doppelt so hoch wie an normalen Tagen. An Tagen extremer Sonnenaktivität stieg die Wahrscheinlichkeit sogar um mehr als das Vierfache, berichtet das Team in der Zeitschrift Current Biology.

Zugvögel "sehen" das Erdmagnetfeld
Zugvögel "sehen" das Erdmagnetfeld
Beim Vogelzug spielt offenbar ein giftiges Molekül eine entscheidende Rolle. Es macht das Magnetfeld der Erde für die Tiere direkt sichtbar

Sonnenflecken sind schon mit einfachen Teleskopen von der Erde aus erkennbar. Sie sind Hinweise auf sogenannte Flares, also massive Eruptionen von elektrisch geladenen Teilchen. Deren Auswirkungen sind sogar auf der Erde zu spüren: Massive Teilchenströme können die Telekommunikation und GPS-Satelliten stören.

Da starke Sonnenwinde auch das Erdmagnetfeld verformen, lag die Vermutung nahe, dass die Aktivität die "Landkarte" der Grauwale unbrauchbar macht. Doch Granger und ihre Kollegen haben einen anderen Verdacht. Die Forscher nehmen an, dass die Sonnenteilchen chemische Reaktionen im Auge der Wale stören, die es den Säugern normalerweise erlauben, das Erdmagnetfeld zu "sehen". Sie werden vorübergehend "blind" – vergleichbar mit einem Schiff, das nachts plötzlich ohne Radar und GPS navigieren muss.